Der Stadtsportverband Selm hat sich in einer Runde mit den sechs Bürgermeisterkandidaten vorgestellt. Ein Kandidat stach hervor - auch weil er ein spezielles Sportangebot in Selm erhalten will. Andere Kandidaten waren schlecht vorbereitet.

Selm

, 04.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Am Ende des Abends hatte der Stadtsportverband (SSV) Selm gehört, was er hören wollte. Die sechs Bürgermeisterkandidaten für Selm, die der SSV ins Jugendzentrum Sunshine eingeladen hatte, um sich vorzustellen und Positionen der potenziellen Bürgermeister zur Perspektive für den Sport in der Stadt abzufragen, erklärten, die Zusammenarbeit mit dem Verband verstärken zu wollen und weiter in Sportanlagen investieren zu wollen. Doch Fragen blieben auch offen - und nicht jeder Kandidat präsentierte sich sattelfest.

Stadtsportverbandschef Michael Merten baute gleich Druck auf: Der SSV repräsentiert in Selm 4.500 Menschen, sagte er. Die Zahl saß. Und einige Kandidaten hätten sich deshalb vielleicht etwas besser auf das, was da auf sie zukam, vorbereiten sollen. Inhaltlich gab es wenige Unterschiede zwischen den Kandidaten: Alle wollen mit dem SSV zusammenarbeiten.

Stadtsportverband fordert mehr Sportstätten

„Wir sind auf Kante gestrickt“, machte Michael Merten vor allem bei den Sporthallen deutlich und forderte für die Zukunft weitere Investitionen in Sportstätten. Die Selmer Dreifachhalle wird aktuell umgebaut, Vereine müssen zusammenrücken oder örtlich und zeitlich ausweichen. Merten wollte wissen, wie die Kandidaten den Ist-Zustand der Sportanlagen wenigstens erhalten oder verbessern wollen.

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„Da bin ich eigentlich nicht unbedingt im Thema“, sagte Michael Zolda (CDU) gut sechs Wochen vor der Wahl. Die Wege sind eigentlich kurz für ihn: Michael Merten ist Parteikollege, Zoldas Tochter Katharina ist Geschäftsführerin des SSV. Michael Zolda erklärte, dass der SSV seine eigene Position stärken müsse, indem er mehr Mitspracherecht einfordert, „dann wird keiner in der Politik und Verwaltung sagen, dass man das anders sieht.“

Michael Zolda forderte den Stadtsportverband auf, sich mehr einzubringen und Mitspracherecht einzufordern.

Michael Zolda forderte den Stadtsportverband auf, sich mehr einzubringen und Mitspracherecht einzufordern. © Jura Weitzel

FDP-Kandidat ist nicht im Thema

Nicht im Thema - das traf auch auf American-Football-Fan Robin Zimmermann von der FDP zu: Der 25-Jährige sagte, dass an den Hallen „so langsam mal etwas gemacht werden“ sollte, und stellte in den Raum, einen Teil der 350.000 Euro Fördermittel aus dem Programm „Moderne Sportstätten 2022“ doch einfach für die Sporthallenmodernisierung zu nutzen. Der Fördertopf ist aber explizit für vereinsgetragene Sportstätten gedacht - zweckentfremden kann man das Geld nicht einfach.

Up-to-date war der Student, der eigener Aussage zufolge seit seinem Austritt aus dem PSV Bork Fußball vor 15 Jahren nicht mehr Mitglied in einem Sportverein war, auch nicht in dem Punkt, ob das Geld womöglich schon für Hallenmodernisierungen genutzt wird. „Ganz anderes Projekt“, winkte Michael Merten am Ende ab.

Robin Zimmermann warf die Fördertöpfe des Landes durcheinander.

Robin Zimmermann warf die Fördertöpfe des Landes durcheinander. © Jura Weitzel

Bei Folgerednern erntete er viel Zustimmung im Kern der Aussage, man hätte die Reihenfolge der Hallenbauprojekte in Selm koordinierter angehen können, damit Sportler keine Abstriche machen müssen.

Amateursport und Profisport sind nicht vergleichbar

Punkten konnte Zimmermann damit, dass er den integrativen Charakter von Sportvereinen hervorhob, und verwies dabei auf American Football: „Wenn ich mir im Vergleich zu Deutschland angucke, wie multikulti so ein Team ist, zeigt man auf dem ganz großen Level, was Sport wirklich ist.“ Was man ihm vorhalten muss: In der Fußball-Bundesliga ist das nicht viel anders. Im Kader von Borussia Dortmund gibt es 21 verschiedene Nationen. Das ist Profisport und hat mit Jugendarbeit der Breitensportvereine in Selm nichts zu tun.

Bei Ralf Piekenbrock (Familienpartei) merkte man, dass er ein Newcomer auf der Politikbühne ist. Der 54-Jährige, der die Kampfkunst Wing Chun ausübt, fragte viel, hinterfragte auch kritisch, lieferte aber wenig Antworten. Auch der Ex-Handballer und -Fußballer würde den Stadtsportverband aber gerne mehr einbinden: „Wenn wir eine so geballte Kompetenz im Stadtsportverband sitzen haben, spricht doch nichts dagegen, sich die ins Boot zu holen. Dadurch kann kein Ergebnis schlechter werden“, sagte Piekenbrock.

Das gefiel den Verantwortlichen. Das schmeichelte. Aussagen, dass Politik und Verwaltung die Dachorganisation vermehrt anhören möchten, war das Ziel des SSV. Doch Piekenbrock unterschied sich dabei auch nicht von den Positionen seiner Konkurrenten.

Piekenbrock stellt Behauptungen in den Raum - SSV widerspricht

Es entstand jedoch der Eindruck, dass der Bürgermeisterkandidat der Familienpartei nicht vollständig darüber Bescheid wusste, welche Aufgabenfelder der Stadtsportverband alle erfüllt. „Mit Schulsport haben Sie nichts zu tun“, sagte Piekenbrock - mit einer anderen Vorstellung war er in die Runde gegangen. Seine Sorge sei nämlich gewesen, wie der Schulsport in Zukunft aussehen wird, wenn immer mehr Hallen schließen.

Ralf Piekenbrock stellte Behauptungen auf, die den Stadtsportverband irritierten.

Ralf Piekenbrock stellte Behauptungen auf, die den Stadtsportverband irritierten. © Jura Weitzel

Piekenbrock´verzettelte sich ziemlich mit der Behauptung, dass Meisterschaftsspiele in Zukunft nicht mehr möglich sein werden und Vereine über Fusionen nachdenken müssten. Als Beispiel nannte er „die Handballer. Das war eine ganz andere Stimmung als hier“, sagte Piekenbrock.

„Welchen Handballverein meinen Sie denn?“, wollte Werner Suttrup, stellvertretender Vorsitzender des SSV, wissen. „Wir haben nur einen Handballverein und der ist in Bork. Über den weiß ich Bescheid. Die machen sich keine Sorgen“, sagte Suttrup, der Vorsitzender des PSV-Gesamtvereins ist und damit über der Handballabteilung steht.

Werner Suttrup wunderte sich über die Aussage von Ralf Piekenbrock.

Werner Suttrup wunderte sich über die Aussage von Ralf Piekenbrock. © Jura Weitzel

Marathonläufer Thomas Orlowski (51) von der SPD wirkte am besten vorbereitet, hatte spontan die korrekte Zahl der angeschlossenen Mitgliedsvereine des Stadtsportverbandes (24) parat, lobte die breit aufgestellte Vereinslandschaft und zeigte sich offen für die Zusammenarbeit mit dem SSV.

Grüne Marion Küpper ist gegen Kunstrasenplätze

Der „Sportler durch und durch“, wie er sich in der Vorstellung beschrieb, verteidigte das Vorgehen der Verwaltung, die sich mit den Vereinen zusammengesetzt habe und eine „gute Lösung“ für die derzeitige Hallenbelegung geschaffen hat. „Natürlich wird es eng, weil wir im Umbau sind. Aber wenn man die Überbrückung hinkriegt, haben wir hallenmäßig einen guten Stand und damit können die Vereine auch zufrieden sein“, sagte Orlowski.

Grünen-Kandidatin Marion Küpper erklärte, dass sie die vier Kunstrasenplätze der in Bork, Cappenberg und Selm ungern mitgetragen hat. Es sei eine Bevorzugung für die Sportarten Fußball und Tennis. Warum der Bau eines Kunstrasen-Fußballplatzes und die Verlegung von Tennisplätzen für die TG Selm eine Bevorzugung sein soll?

Marion Küpper sagte, dass sie den Bau von Kunstrasenplätzen als Bevorteilung des Fußballs empfindet.

Marion Küpper sagte, dass sie den Bau von Kunstrasenplätzen als Bevorteilung des Fußballs empfindet. © Jura Weitzel

Diese Meinung dürfte bei Klaus Uwe Sarg von der TG Selm, der als Kassierer des SSV im Plenum saß, nicht gut angekommen sein. Und auch die Fußballvereine, denen die ganzjährige Nutzung von Kunststoffanlagen entgegenkommt und ihr Überleben sichert, werden das anders sehen. Küpper sagte jedenfalls: „Da sehen wir uns eher beim Breitensport. Wie können auch andere in den Sport kommen?“

Wilhelm Gryczan-Wieses Torwartpatzer sorgt für erste Lacher

Positiv hob sich der parteilose Wilhelm Gryczan-Wiese ab. „Ich bin grundsätzlich für selbstbestimmte Organisation der Bürger und Vereine und aller, die in der Stadt mitwirken“, sagte er. Das Mitwirken und die Selbstbestimmung seien ein hohes Maß für Demokratie. „Und wir leben in einem Zeitalter, in dem dies durch digitale Systeme ohne großen Aufwand möglich ist“, sagte er.

„Sport und Gesundheit ist eine staatliche Fürsorgeaufgabe“, sagte Wilhelm Gryczan-Wiese.

„Sport und Gesundheit ist eine staatliche Fürsorgeaufgabe“, sagte Wilhelm Gryczan-Wiese. © Jura Weitzel

Der Architekt und Stadtplaner transportierte Prinzipientreue und Kompetenz. Er klang nicht nach Hauruck-Kneipenreden, sondern konzeptioneller Arbeit. Alles, was Sportangelegenheiten betrifft, sollte auch mit dem Stadtsportverband ausgetauscht werden. „Sport und Gesundheit ist eine staatliche Fürsorgeaufgabe. Es ist sozusagen eine Verpflichtung der Kommune und kein Good-will. Wer mit der Aufgabe nachlässig umgeht, schädigt die Gemeinschaft“, sagte Gryczan-Wiese.

Er sorgte mit etwas Selbstironie auch für ein paar Lacher, nämlich als er zugab, dass sein Torwartfehler mal seine damalige Selmer Fußballmannschaft einen Titel gekostet habe. Auf Marion Küppers Frage, ob Hundesport denn auch Sport sei, antwortete Gryczan-Wiese: „Ja, für den Hund!“

Thomas Orlowski will Volkslauf in Selm am Leben halten

Und er war sich auch nicht zu schade für einen weiteren Scherz über sich: „Auch wenn man es mir nicht ansieht, ich bin ein sportliches Leben gewohnt.“ Gryczan-Wiese habe Badminton gespielt, war Mitglied eines Tauchvereins und ist Vorstandsmitglied des ADFC Selm.

Thomas Orlowski punktete mit der Ankündigung, den Ternscher-See-Lauf, der vor der Einstellung steht, erhalten zu wollen.

Thomas Orlowski punktete mit der Ankündigung, den Ternscher-See-Lauf, der vor der Einstellung steht, erhalten zu wollen. © Jura Weitzel

Einen Trumpf spielte Thomas Orlowski zum Schluss aus: Der SPD-Kandidat möchte den Ternscher-See-Lauf wiederbeleben. „Der Lauf ist mehr als gefährdet. Das TriTeam schafft es nicht alleine. Ich finde wichtig, dass wir so eine Veranstaltung hier in Selm haben und würde mich dafür einsetzen, dass wir den Lauf gemeinsam mit dem Stadtsportverband als Dachorganisation und dem TriTeam erhalten“, sagte Orlowski. Darauf war kein anderer Kandidat gekommen.

Lesen Sie im zweiten Teil: Was die Selmer Kandidaten zur Bäderdiskussion sagen.

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