DFB-Stützpunkt in Selm: Der DFB zahlt für den Selmer Sportplatz eine lächerliche Miete

hzKolumne Klare Kante

Dass die SG Selm künftig DFB-Stützpunkt wird, stößt bei der Stadt und im Verein auf ein positives Echo. Dass der Stützpunkt aber ein Minusgeschäft macht, darüber redet niemand.

Selm

, 16.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Selm wird DFB-Stützpunkt - die Entscheidung, die Sportanlage am Sandforter Weg mit in das Förderprogramm des Deutschen Fußball-Bundes aufzunehmen, ist gefallen. Finanziell haut der DFB die Stadt Selm aber gewaltig über’s Ohr.

Vor wenigen Wochen war Länderspielpause. Rund um das Dortmunder Stadion bekam man einen Eindruck davon, mit welchem Aufwand der Deutsche Fußball-Bund das Länderspiel zwischen Deutschland und Argentinien am 9. Oktober zelebriert. Bereits am Dienstag vor dem Länderspiel-Mittwoch wurde rund um das Stadion aufgebaut.

DFB gönnt sich Luxus-Länderspielabende

Auf der Tartanfläche vor der benachbarten Leichtathletikhalle entstand für den Fanclub der Nationalmannschaft ein exklusives Zelt, das aufwendig dekoriert wurde. Daneben eine mobile Fanzone, in der eine Kabine nachgebaut wurde. Das Ziel: Junge Fans sollten Selfies knipsen können, während sie scheinbar vor den Kabinen-Schränken ihrer Idole wie Marco Reus Platz nehmen können.

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Die Marketing-Maschine des mit 7 Millionen Mitgliedern größten Sportverbandes der Welt lief also wieder mal auf Hochtouren - dabei war das öffentliche Interesse erneut gering. Das 2:2 gegen Argentinien sahen im Stadion in Dortmund nicht mal 45.000 Zuschauer. Ganze Blöcke blieben frei. Kein Wunder bei Ticketpreisen von 60 Euro für ein Testspiel.

DFB-Stützpunkt ist ein Licht am zugezogenen Selmer Sporthimmel

Nicht weniger realitätsfern geht der DFB bei seinen Stützpunkten vor. Kürzlich wurde bekannt, dass die SG Selm im Herzstück des riesigen Neubauprojekts Aktive Mitte auch DFB-Stützpunkt wird - eine gute Nachricht für die Stadt, denn ein DFB-Stützpunkt ist ein kleines Sternchen am Selmer Fußballhimmel, der ansonsten eher bewölkt ist.

Mit seinen drei Fußballvereinen hat es die Stadt seit etlichen Jahren nicht mehr auf die überkreisliche Bühne geschafft - ungewöhnlich niederklassig für eine Kommune mit knapp 27.000 Einwohnern.

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Der Preis, den der DFB an die Stadt Selm jährlich überweist, ist schier lächerlich. Pauschal 1200 Euro Miete zahlt der Verband, um einmal pro Woche - immer montags - einen der beiden Kunstrasen-Sportplätze samt Kabinen drei Stunden nutzen zu können. In Worten: Tausendzweihundert.

Für 7,70 Euro pro Stunde einen ganzen Sportplatz mieten

Wie wenig das ist, wird deutlich, wenn man die Miete runterrechnet. Pro Woche zahlt der DFB 23,00 Euro an die Stadt Selm. Pro Stunde sind das 7,70 Euro - für einen ganzen Sportplatz. Das gibt es sonst nirgendwo.

DFB-Stützpunkt in Selm: Der DFB zahlt für den Selmer Sportplatz eine lächerliche Miete

Das neue Vereinsheim der SG Selm ist mit Aufenthaltsräumen, Gaststätte und Unkleiden seit dem Sommer im Betrieb. © Jura Weitzel

Zum Vergleich: Wer in einer Soccerhalle mit Freunden eine Stunde bucht, bezahlt in einer der kommerziellen Dortmunder Hallen etwa 50 Euro, hat es dafür zwar immer trocken, aber nicht unbedingt wärmer, und außerdem viel weniger Platz zur Verfügung. Der Quadratmeterpreis, den der DFB im Monat zahlt: 1,8 Cent. Da würde ja jeder Vermieterverband die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Allein das Flutlicht frisst die Mieteinnahmen wieder auf

Doch es kommt noch schlimmer: Die Stadt macht in Wintermonaten sogar Verluste, rechnet man die laufenden Kosten ein. Beispiel: Von Stadtpressesprecher Malte Woesmann haben wir uns mitteilen lassen, wie viel die Flutlichtanlage verbraucht: 26 Kilowatt pro Stunde (kWh) pro Platz.

Daraus ergiben sich bei einem Strompreis von 20 bis 30 Cent pro kWh Stromkosten in Höhe von 5 bis 8 Euro - und schon ist die vom DFB gezahlte Pauschale aufgebraucht. Heizkosten für Kabine und Warmwasser für die Duschen noch nicht eingerechnet.

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„Wir bekommen zwar vom DFB ein sogenanntes Nutzungsentgelt, aber das ist für die anfallenden Betriebskosten erheblich zu wenig“, sagte schon Walburga Krebber, die Fortuna Seppenrade vorsteht, wo der Standort vorher beheimatet war. Nachverhandeln war nicht möglich. Fortuna Seppenrade hatte die Kooperation daher aufgekündigt.

Stadt Selm schafft Möglichkeiten für die Menschen, Sport zu treiben

Nun ist die Stadt Selm zum Glück kein kommerzielles Unternehmen und erst recht kein gewinnorientierter Renditehai, sondern agiert sozial, bringt Menschen durch Sport in Bewegung und schafft Chancen für ein harmonisches Vereinsleben, in dem Menschen zusammenkommen.

Dass dann auch Kinder aus auswärtigen Orten Spaß am Fußball haben, wenn bei der SG freie Kapazitäten sind, ist lobenswert. Schließlich profitierten Selmer Kinder ja früher auch immer von dem Angebot, als der Stützpunkt noch woanders angesiedelt war.

DFB-Stützpunkt in Selm: Der DFB zahlt für den Selmer Sportplatz eine lächerliche Miete

Die Gänge im Vereinsheim der SG Selm. Das schmucke Gebäude nutzt der DFB mit. © Patrick Fleckmann

Ob die hochverschuldete Stadt dem reichen DFB mit einem Jahresumsatz von 300 Millionen Euro nun aber die schicke neue Sportanlage zu diesem Spottpreis überlassen muss? Na klar, denn der DFB verhandelt nicht und nutzt die gutmütigen Kommunen aus. Es war ein Friss-oder-stirb-Vertrag, den der DFB den Verantwortlichen der Stadt vorgelegt hat. Unterschreiben oder nicht unterschreiben - so einfach ist das.

Und da ist ja klar, dass die Stadt sich einen prestigeträchtigen Titel nicht durch die Lappen gehen lassen will, für den sich der finanzielle Aufwand im Rahmen hält. Aber ein angemessener Beitrag des DFB ist nicht erkennbar, der das Prozedere auch an allen anderen Standorten ohne Ausnahmen so durchzieht.

Mitglieder der SG Selm zahlen so für das DFB-Scouting mit

Im Vereinsvorstand ist man sich im Klaren darüber, dass durch die Stützpunkt-Plakette an der Fassade des Vereinsheims kein Hype ausbricht. Das war schon bei Fortuna Seppenrade nicht so und auch bei der SG macht man sich keine Illusionen.

DFB-Stützpunkt in Selm: Der DFB zahlt für den Selmer Sportplatz eine lächerliche Miete

Außenansicht des Vereinsheims der SG Selm. Hier ziehen sich die Jugendlichen in Zukunft auch um. © Jura Weitzel

Die Mitglieder der SG Selm sind besonders stark belastet. Denn sie bringen den Eigenanteil von 130.000 Euro für den Sportplatzbau auf, die dazu beitragen, dass der DFB seine Weltmeister von morgen casten kann. Für die Eigenanteils-Summe könnten DFB-Stützpunktteams fast zwei Jahre durchgehend auf dem Platz durchspielen.

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