Robin Höring und Philipp Friedrich würden gerne wieder Fußball spielen. Das geht im Moment nicht. Ihr alter Verein, Eintracht Werne, besteht auf sein Recht und gibt keine Freigabe.

Werne, Herbern

, 28.09.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Robin Höring und Philipp Friedrich haben eine Leidenschaft, so wie Millionen andere Jugendliche in ihrem Alter: Sie spielen Fußball. Bis vergangene Saison für Eintracht Werne, seit dieser Spielzeit für den SV Herbern. Wobei zurzeit an normalen Spielbetrieb nicht zu denken ist. Die 16-Jährigen können nur trainieren, dürfen nicht am Herberner Spielbetrieb teilnehmen - noch bis zum 1. November.

Eintracht Werne hat den beiden Spielern keine Freigabe erteilt - erst müsse eine Ausbildungsentschädigung für jeden Spieler gezahlt werden, fordert der Verein. 150 Euro pro Kicker. Der laut den Statuten des Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen fällige Beitrag, wenn B-Junioren länger als vier Jahre in ihrem Verein spielen und dann den Verein wechseln wollen.

Vier Jahre hat Robin Höring bei Eintracht Werne gespielt, hatte eine gute Zeit dort, wie er es beschreibt. Das Gleiche gilt in diesem Fall für Philipp Friedrich, der bei Eintracht Werne aufgewachsen ist und zwölf Jahre für die Evenkämper gespielt hat.

Marco Küster sagt, dass Eintracht nach bestehendem Recht handele, wie auch viele andere Vereine in der Umgebung, die auf Ausbildungsentschädigungen bestehen. „Das tun wir, damit wir die Möglichkeit haben, nachhaltig zu sein“, erklärt Küster.

Küster ist stellvertretender Geschäftsführer bei Eintracht Werne, Spieler der zweiten Mannschaft, Funktionär sowie Schiedsrichter. Und er kennt sich bestens aus mit den Statuten. Auch Eintracht bezahle Entschädigungsbeträge für andere Spieler, sagt er, wäge aber auch ab, ob bei jedem Spieler eine Sperre bestehen bleibt.

„Erstmal werden alle Spieler gesperrt“, erklärt Küster. Das heißt: Meldet sich ein Spieler bei Eintracht Werne ab, wird dieser erstmal gesperrt. Das gelte laut Küster aber nur für Spieler, die ab der C-Jugend aufwärts spielen, wo es immer mehr um Leistung geht. Damit will sich die Eintracht selber schützen.

Von Fall zu Fall abhängig

„Es ist von Fall zu Fall abhängig, geben wir die Freigabe oder geben wir sie nicht“, erklärt Küster den anschließenden Prozess. Das könne dann auch kein einzelnes Vorstandsmitglied oder der Jugendleiter entscheiden, so der stellvertretende Geschäftsführer weiter, sondern müsste in einer Vorstandssitzung entschieden werden. Diese findet bei Eintracht Werne kommende Woche statt.

„Man schützt sich so, dass die Spieler so nicht einfach weggenommen werden“, sagt Küster. Speziell im Fall Robin Höring und Philipp Friedrich findet es Küster unglücklich, unter welchen Umständen dies abgelaufen ist. Hinzu kam für ihn, dass die Abmeldung der beiden erst kurz vor Fristende kam. So wäre es schwierig gewesen auch andere Spieler als Ersatz zur Eintracht zu holen und zudem hätten die Evenkämper, so Küster, dann auch eine Ablöse zahlen müssen.

Küster erklärt: „Wir haben unser Bestes dafür getan, dass der Junge (Robin Höring, Anm. d. Red.) bei uns Fußball spielen konnte.“ Den Beschluss auf die Ausbildungsentschädigung zu bestehen gebe es bei Eintracht schon seit Jahren. Das sei vom Vorstand so beschlossen worden, erklärt Küster.

Robin Höring und Philipp Friedrich wollten den Verein wechseln, weil es in der vergangenen Spielzeit nicht mehr so lief, wie sie es sich vorgestellt hatten. „Es war stressig. Wir hatten mannschaftsintern einige Probleme“, erzählt Höring. Die Teamchemie habe gefehlt. „Es gab Stress in der Mannschaft.“

Zudem habe es zu wenig Unterstützung von den Eltern einiger Spieler im Team gegeben. „Es waren halt immer dieselben Eltern, die zu den Spielen gefahren sind“, erinnert sich Friedrich. Auch Norbert Höring, Vater von Robin, gehörte dazu. Er und seine Frau seien laut eigener Aussage regelmäßig mit zu den Spielen gefahren – auch mal mit zwei Autos.

Den Spaß am Fußball verloren

Philipp wollte bereits Anfang des Jahres aufhören, hatte keine Lust mehr. Hatte den Spaß am Fußball verloren. Insbesondere, als dann noch die Trainer Anfang des Jahres aufgehört hatten. Die Trainer, das sind Bernd Runde und Thorsten Frittgen. Beide verließen den Verein Anfang Januar, zu spät für Philipp und Robin, die so nicht mehr in der Winterperiode wechseln konnten, da dort die Frist bis Ende Dezember ging.

Mannschaftsintern soll sich dann auch einiges verändert haben. „Die ganze Mannschaft ist auseinandergefallen. Wir waren gar kein eingespieltes Team mehr“, sagt Philipp. Er habe dann erstmal mit dem Fußball aufgehört, hatte keine Lust mehr auf seine Leidenschaft. Der Verein, so Philipp, habe ihm dabei keine Steine in den Weg gelegt, habe ihm die Möglichkeit geboten, zurückzukommen, wenn er wieder Lust habe.

Die Zeit verging, und erst im April kehrte das Kribbeln in den Füßen zurück, Philipp wollte wieder gegen den Ball treten. „Ich habe dann aber relativ schnell gemerkt, das wird nichts“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass ich da noch weiter spielen will“, habe er sich schon damals gedacht.

Von Vereinsseite soll es gegenüber den beiden Jungs geheißen haben, dass wenn sie wechseln wollen, ihnen keine Steine in den Weg gelegt würden und ein Wechsel realisierbar wäre. So zumindest erzählen es die beiden 16-Jährigen. Bei Eintracht Werne sagen sie, dass es ein solches Versprechen nie gegeben habe. Jetzt steht Aussage gegen Aussage. Für beide Jungs stand damals dennoch fest: Ein Wechsel muss her. Die Wahl fiel auf den SV Herbern.

Eine ganz andere Philosophie

Dieser geht eigenen Angaben zufolge mit einer anderen Philosophie an das Thema Wechsel im Jugendbereich heran. Dort hat Toni Brockmeier das Sagen. Seit mehr als 20 Jahren schon. Für ihn ist klar: Wer Herbern verlassen will, der kann das ohne Probleme tun. „Wir haben eine komplett andere Philosophie“, erzählt er. „Wir geben Spieler sofort frei, wir sperren keinen.“

Dabei bringt Brockmeier ein Beispiel hervor, das noch gar nicht allzu lang her ist zwischen der Eintracht und dem SVH: Deniz Ünal, mittlerweile Spieler der ersten Mannschaft von Eintracht Werne, hatte in Herbern gespielt, bekam die Freigabe von Herberner Seite aus, um zur Eintracht zu wechseln. „Das ist unsere Philosophie. Wir haben keinen Etat dafür Ausbildungsentschädigungen zu zahlen. Jetzt haben wir mit Werne das Problem gehabt, aber auch schon mit anderen Vereinen. Wir haben von Anfang an gesagt, das machen wir nicht mit“, wird Brockmeier deutlich.

Als Robin Höring und Philipp Friedrich in Herbern ankamen, sei alles gut gelaufen für die beiden. So etwas wie ein Neuanfang habe sich angedeutet, der Vorstand habe sich bei den beiden persönlich vorgestellt. Etwas, was bei Eintracht Werne in all den Jahren nach Angaben der beiden Spieler nie passiert sei. Der Verein habe einen sehr familiären Eindruck gemacht, sagen beide. Sie hätten sich dort sehr schnell, sehr wohl gefühlt. Ein Wechsel stand für sie schnell fest.

Es lief gut, bis Robin das erste Mal nach wenigen Wochen von seinem Trainer kurz zur Seite genommen wurde. „Er hat mir gesagt, dass ich gesperrt wäre“, erzählt Robin. Die fehlende Ausbildungsentschädigung... „Ich fand das enttäuschend. Ich habe die Saison bei der Eintracht zu Ende gespielt. Dann noch gesperrt zu werden, ist echt traurig“, bezeichnet er seine Gefühlslage.

Robin gab die Information an Philipp weiter - auch dieser fühlte sich ähnlich: „Ich habe zwölf Jahre lang dort gespielt und eigentlich habe ich viel mehr Unterstützung erwartet vom Verein. Ja, enttäuschend“, sagt er.

Die beiden hakten schließlich über ihre Eltern beim SV Herbern nach, Toni Brockmeier nahm mit Eintracht Werne Kontakt auf – erfolglos. Die Werner bestanden auf ihr Recht, eine Ausbildungsentschädigung zu erhalten.

Ein Treffen in Werne ohne Erfolg

Anfang September sei es dann dazu gekommen, dass Robin und Philipp nach einem Training in Herbern mit ihren Eltern zum Platz von Eintracht Werne gefahren seien, um ein klärendes Gespräch zu suchen. Was den Familien besonders bitter aufstieß: Zum Ende der vergangenen Spielzeit hätten die Jugendleiter Cafer Yilmaz und Heiko Baus ein Versprechen abgegeben, dass die Spieler ohne Probleme den Verein verlassen könnten.

Baus dementiert dies. Als Höring und Friedrich den Jugendleiter Baus am Platz im Dahl in Werne antrafen, habe dieser auf den Vorstandsbeschluss verwiesen. „Ich stehe zu dem Vorstandsbeschluss. Andere Spieler sind gegangen, da haben wir Geld für verlangt und das haben Vereine bezahlt. Wir müssen auch für Spieler bezahlen“, sagt Baus.

Norbert Höring hätte die Situation gerne anders geklärt. Der Vater von Robin hätte sich eine bessere Kommunikation von Vereinsseite aus gewünscht. „Wir sind überhaupt nicht im Streit gegangen“, erzählt der Vater. „Nur bis heute hat sich niemand bei mir gemeldet. Von der Kommunikation war das eine Katastrophe.“

Höring enttäuscht dies vor allem, weil er selbst mit seiner Frau viel Engagement dort hineingesteckt hat: „Vier Jahre lang sind wir zu jedem Auswärtsspiel gefahren. Das wird alles nicht bewertet.“ Robin war Kapitän, erzählt sein Vater. „Der hat sich vorbildlich verhalten.“

Erfolglose Kommunikation - von beiden Seiten

Höring, so sagt er, habe versucht, mit der Eintracht weiterhin Kontakt aufzunehmen, auch mit dem Vorstand. Bislang ohne Erfolg. „Ich versuche, die die ganze Zeit zu erreichen.“ Höring wäre sogar bereit, gemeinsam mit der Familie Friedrich, sich auf einen Beitrag mit der Eintracht zu einigen, die man dem Verein dann in die Jugendkasse spendet. Woran es hapert? „Es gab null Kommunikation.“ Ähnlich sehen es auch die Verantwortlichen der Eintracht, die die Kommunikation mit Höring als schwierig bezeichnen.

Am wenigsten Verständnis haben dafür die beiden Jugendlichen. Robin Höring und Philipp Friedrich wollen ihrer Leidenschaft nachgehen. „Wir haben Kreisliga C gespielt. Wenn wir Landesliga gespielt hätten“, fängt Robin den Satz an, bricht ihn aber ab. „Wir wollen einfach nur Fußball spielen.“ Sollte es keine Einigung mehr zwischen den Parteien mehr geben, geht das erst wieder am 1. November.

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