Absturzstelle wurde zur grausigen Attraktion

LÜNEN „Es kam direkt auf uns zu.“ Diethelm Breddemann erinnert sich noch, als er 1943 abends mit seinem Vater im Garten an der Brunnenstraße stand und gebannt auf das Flugzeug starrte, das immer mehr an Höhe verlor.

von Von Peter Fiedler

, 08.01.2008, 15:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Es kam aus Richtung Dortmund und war vom Flakscheinwerfer erfasst worden, der bei der Schlossmühle Lippholthausen stand. Vom Lippewerk und vom Sportplatz in der Geist feuerten die Flakstellungen“, weiß er noch. Breddemann glaubt, dass der Lancaster-Bomber schon vor dem Beschuss durch die Lüner Flak Treffer abbekommen hatte, weil er so tief flog, offenbar schon beschädigt war. „Das Flugzeug drehte plötzlich ab und stürzte jenseits des Kanals in den Wald. Sofort fing es Feuer.“

Diethelm Breddemann, der noch heute an der Brunnenstraße wohnt, gehört zu den vielen Lesern, die unserem Aufruf folgten und sich als Zeitzeugen meldeten. Gestern hatten wir über Hans-Jürgen Pawelzik aus Brambauer berichtet, der versuchen will, den Absturz bis ins Detail aufzuklären.

Bomber wurde im Frühjahr abegeschossen

„Ich habe aus Brambauer beobachtet, wie der Bomber von der leichten Flak beschossen wurde“, erzählt Norbert Neuhaus, damals 17. Auch Helmut Immen war Augenzeuge. „Ich stand an der Dortmunder Straße mit einem Nachbarn unter einem Balkon“, berichtet er. Dann sahen sie das tief fliegende Flugzeug: „Du, der macht `ne Notlandung“, habe er damals gedacht. Klar scheint jetzt: Der Bomber wurde keinesfalls im Herbst 1943 abgeschossen, sondern bereits im Frühjahr. So erinnern sich alle Anrufer übereinstimmend. Denn im Herbst seien sie bereits per Kinderlandverschickung aus Lünen evakuiert worden.

„Mein Vater war Polizist. Er hat mir Fallschirmseide und Kaugummi von der Absturzstelle mitgebracht“, weiß Horst Schulze noch. Andere waren als Kinder selbst vor Ort, sahen die sterblichen Überreste des Flugzeugbesatzung. „Ein Soldat hing in einem Baum, das vergesse ich nie“, erzählt Helmut Paschek, damals 14. „Die Bäume waren regelrecht abrasiert. Es herrschte Chaos“, so Karl Wittken, der als 12-jähriger Junge vor Ort war.

Sterbliche Überreste zur Leichenhalle

Die Absturzstelle wurde zur grausigen Attraktion: „Es war wie eine Völkerwanderung“, sagt Diethelm Breddemann. Norbert Neuhaus wollte sich auf dem Weg zur Berufsschule in Lünen einen Pilotenhandschuh nehmen. „Da war noch eine Hand drin“, erinnert er sich mit Grauen. Breddemann meint, dass vor Ort drei Soldaten begraben wurden. Karl Wittken meint, dass sterbliche Überreste zur damaligen Leichenhalle des Marien-Hospitals geschafft und Besatzungsmitglieder auf dem Friedhof am Wüstenknapp ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Viele Erinnerungen, aber auch noch viele Fragen.

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