Von einem Nachwuchs-Mangel kann bei der Bäckerei Kanne nicht die Rede sein. 2020 wurden sogar vier Bäcker-Azubis mehr eingestellt, als im Jahr zuvor. © Andrea Wellerdiek (A)
Ausbildungsmarkt

Ausbildung in Lünen: Betriebe zwischen starkem Jahr und Verzweiflung

Auch für den Ausbildungsmarkt war 2020 ein besonders schweres Jahr. Lüner Betriebe ziehen unterschiedliche Resümees. Während manche mehr Azubis eingestellt haben, suchen andere händeringend.

Serif Yildirim ist ziemlich verzweifelt. Seit Jahren ist die Sprachtherapeutin und Inhaberin der logopädischen Praxis im Therapiezentrum Brambauer auf der Suche nach Nachwuchs. Zwei Therapeuten arbeiten in der Praxis, doch sie würde gerne mehr einstellen.

„Überall ist es so, dass es so wenige Therapeuten gibt, dass nicht die Betriebe die Mitarbeiter aussuchen, sondern die Leute suchen sich den Betrieb aus. Und oft gehen die lieber in Kliniken oder eröffnen eigene Praxen.“ Im Corona-Jahr 2020 verzichtete Yildirim zudem auf Praktikanten, die eventuell später zurückkehren hätten können.

NRW übernimmt Schulgeld für medizinische Berufe

Um dem Therapeutenmangel entgegenzuwirken hatte das Land NRW bereits seit 1. August 2018 70 Prozent der Kosten für die schulische Ausbildung der Ergo-, und Physiotherapeuten, Logopäden, Podologen sowie der pharmazeutisch- und der medizinisch-technischen Assistenten übernommen.

Rückwirkend zum 1. Januar 2021 wurde das Schulgeld nun ganz abgeschafft. Ob das wirkt, weiß Serif Yildirim nicht. „Wir dachten schon vor zwei Jahren mit den Entlastungen, dass es jetzt besser wird“, sagt sie. „Aber auch da haben wir keine Veränderung bemerkt.“ Und die Pandemie habe die Situation nur noch schwieriger gemacht.

Rückgang in Lünen vergleichsweise gering

Auch andere Betriebe haben aktuell Schwierigkeiten, Nachwuchs zu bekommen oder sie haben ihre Ausbildungstätigkeit heruntergefahren. Im Gesamtkreis Unna ging die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge nach Informationen der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund im Jahr 2020 um 15,7 Prozent zurück.

In Lünen liegt der Rückgang bei 6,3 Prozent – das sind 19 abgeschlossene Verträge weniger als im Jahr 2019 – noch vergleichsweise gering, aber spürbar. Bezogen auf den gesamten Kammerbezirk, zu dem neben Dortmund und dem Kreis Unna auch Hamm gehört, sind das Gastgewerbe, die Veranstaltungsbranche, der Einzelhandel sowie die Metall- und Elektroindustrie – auch bedingt durch Kurzarbeit in der Krise – besonders betroffen.

Kanne und Riepe ziehen positives Ausbildungsfazit

Bei einigen Lüner Unternehmen jedoch wurde die Ausbildungstätigkeit, obwohl sie teilweise Kurzarbeit anmeldeten, nicht zurückgefahren. „Für uns war 2020 ein starkes Ausbildungsjahr“, sagt etwa Hannah Kanne. Die Bäckerei Kanne hatte 19 Auszubildende eingestellt: eine im Büro, zehn für den Verkauf und acht in der Bäckerei.

Im Vergleich zu 2019 wurden sechs Verträge mehr abgeschlossen. „Da waren viele junge und motivierte Leute dabei“, so Kanne. „Dabei ist es schwierig junge Leute mit großer Motivation zu finden. Wir sind zwar lange noch nicht da, wo wir mal waren, aber es geht bergauf.“

Auch im Ringhotel am Stadtpark wurden 2020 neue Azubis eingestellt. „Wir haben immer eine typische Anzahl von sechs bis acht Auszubildenden“, berichtet Geschäftsführer Andreas Riepe. „Die haben wir auch 2020 aus Verantwortung, und weil wir sehr gerne ausbilden, aufrechterhalten.“

Für 2020 und 2021 seien sogar besonders viele und zudem gute Bewerbungen eingegangen. „Wahrscheinlich, weil unser Betrieb, wenn auch eingeschränkt, noch läuft“, vermutet Riepe. Das Restaurant etwa ist für die Geschäftsreisende, die im Hotel übernachten dürfen, geöffnet.

Metallbauer findet kaum neue Leute

Bei der Wero-Metallbau hingeegen steht man vor einem bekannten Problem. Der Betrieb für Edelstahl-, Schlosser- und Stahlbauarbeiten mit 30 Mitarbeitern sucht gute Leute für eine Ausbildung, findet aber keine.

„Wir hätten 2020 gerne drei Auszubildende eingestellt, haben aber nur einen gefunden“, sagt Geschäftsführer Martin Rose. „Das Baugewerbe boomt, der Kundenstamm ist stabil, coronabedingt hatten wir keinerlei Ausfälle. Aber diese Art der Arbeit, die körperliche, gefällt den jungen Leuten einfach nicht mehr.“

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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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