Viele Handwerksbetriebe suchen noch immer Auszubildende. © dpa-tmn

Ausbildungsplatz-Suche in Lünen: „Schüler sind nicht total hoffnungslos“

Schulen müssen wegen Corona bei der Berufsberatung neue Wegen gehen. Das birgt Nachteile. Die Agentur für Arbeit in Lünen und Selm meldet hingegen mehr Ausbildungsplätze als im Vorjahr.

Im Mai stehen die Zentralen Abschlussprüfungen (ZAP) der Haupt- und Realschulen an, die Abiturprüfungen laufen bereits: Nicht nur in Lünen und Selm neigt sich das nächste Corona-Schuljahr dem Ende entgegen. Mit dem Abschlusszeugnis in der Tasche stehen dann wieder zahlreiche Jugendliche vor der entscheidenden Frage, wie es weitergehen soll. Studium, Ausbildung oder der nächst höhere Schulabschluss? Die Möglichkeiten sind vielfältig – die Verunsicherung oft groß.

Viele Praktikumsplätze fallen weg

Die Pandemie stellt Schülerinnen und Schüler jedoch vor eine noch größere Herausforderung, ihre schulische, berufliche oder akademische Zukunft anzugehen. Ausbildungsmessen, auf denen sich Unternehmen aus der Region präsentieren, finden nur im Internet statt. Die Suche nach Praktika gestaltet sich ebenfalls schwierig. Dies erschwert die Arbeit für Lehrerin Ulrike Ebert, die sich an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Lünen um die Berufs- und Studienorientierung der Sekundarstufen I und II kümmert.

„Praktika sind die Kernelemente in der Berufsorientierung. Daher sind wir froh, dass die Jahrgangstufe neun ihre zwei- bis dreiwöchigen Praktika im vergangenen Herbst noch absolvieren konnte“, schaut Ebert zurück.

Nach einer ersten Potenzialanalyse und Berufsfelderkundung in Klasse 8 sowie dem Praktikum in Jahrgangsstufe 9 steht an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Jahrgangsstufe 11 ein weiterer Praxisabschnitt an. Zudem können Schülerinnen und Schüler freiwillig in Jahrgangsstufe 10 ein weiteres Praktikum absolvieren.

Homeoffice verhindert Erfahrungen vor Ort

In bestimmten Bereiche und Branchen sei es allerdings fast unmöglich gewesen, einen Einblick zu bekommen. „In Büro- oder Verwaltungsjobs konnten die Schülerinnen und Schüler kaum hineinschauen, da sich die Betriebe oft im Homeoffice befinden“, sagt sie. Wegen strenger Hygienemaßnahmen habe sie Ähnliches im Gesundheitsbereich erlebt.

Bestehende Onlineangebote könnten dies jedoch nicht auffangen. Gleiches gelte für Ausbildungsmessen. „Die virtuellen Angebote sind derzeit die wohl beste Lösung. Sie ersetzen aber nicht den persönlichen Kontakt mit den Unternehmen und die realen Eindrücke vor Ort“, meint Ebert.

Uwe Höltermann von der Ludwig-Uhland-Realschule bestätigt dies: „Den Schülerinnen und Schülern fehlt die Beratung und Begleitung vor Ort – beispielsweise durch die Agentur für Arbeit. In Summe ist das keine schöne Zeit.“

Beratungslehrer nehmen kaum Resignation war

Trotz all der Umstände beobachten Ebert und Höltermann keine grundlegende Resignation bei den Jugendlichen. „Ich nehme bei den Schülerinnen und Schülern keine totale Hoffnungslosigkeit wahr“, sagt Ebert. Höltermann merkt an, keine erhöhte Frustration gespürt zu haben. Das mag ebenfalls daran liegen, dass der überwiegende Teil der Jugendlichen an der Realschule den nächst höheren Schulabschluss anstrebt.

Nur etwa ein Drittel der jungen Menschen gehe nach dem Realschulabschluss direkt in die Ausbildung. Davon habe schätzungsweise die Hälfte einen Platz für das im August startende Ausbildungsjahr sicher, erklärt Höltermann. Da helfe es, dass sich vermehrt Unternehmen und Betriebe melden, die noch Auszubildende suchen.

Und in der Tat: Trotz der anhaltenden Corona-Pandemie verzeichnet die Agentur für Arbeit in Lünen und Selm 46 Ausbildungsplätze mehr als im Vorjahr. Das entspricht einer Steigerung von etwa zwölf Prozent. „Wir können keinen Rückzug der Ausbildungsplätze beobachten“, sagt Pressesprecherin Cordula Cebulla auf Anfrage dieser Redaktion. Von 437 gemeldeten Stellen seien noch 264 offen. Im Kreis Unna gebe es Ausbildungen in fast allen Branchen – beispielsweise als Kaufleute im Einzelhandel oder Dachdecker, in der Lagerlogistik oder in der Zahnmedizin.

„Der Fachkräftebedarf ist weiterhin da“

„Der Fachkräftebedarf ist weiterhin da. Außerdem sind sich die Betriebe ihrer Verantwortung bewusst“, führt Cebulla weiter aus. Die Lage sei zwar anders als früher, „die Verunsicherung aus dem letzten Jahr hat sich bei den Schülerinnen und Schülern jedoch gelegt“, sagt sie. Man habe sich an die Umstände und auch an die neuen Beratungsmöglichkeiten gewöhnt.

Dass sich Betriebe die Ausbildung von Nachwuchskräften nicht mehr leisten können, ist dennoch möglich. Das gilt vor allem für die Branchen, die die Pandemie besonders hart getroffen hat – darunter auch Friseure. „Der ein oder andere wird sich überlegen, ob er ausbildet“, sagt Christiane Belz, Lehrlingswartin bei der Friseur-Innung Dortmund und Lünen. Der Kostenfaktor sei nicht zu unterschätzen. „Trotzdem sind noch viele Stellen zu besetzen“, sagt sie. Belz ist für ihren Salon in Lünen derzeit nicht auf der Suche nach Auszubildenden. „Ich bilde nur das aus, was ich weiterbeschäftigen kann“, ergänzt die Friseurmeisterin.

Wenn im Sommer die Abschlussprüfungen an Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie an den Gymnasien vorüber sind, mag bei den Schülerinnen und Schülern die Verunsicherung zunächst groß sein. Doch die Möglichkeiten zum Berufseinstieg bleiben vielfältig – trotz der Pandemie und trotz erschwerter Bedingungen.

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