Bäckerei Kanne: Wie Wilhelm Kanne jun. (39) die Tradition des Ururgroßvaters fortsetzt

hzSerie Familiensache

In die beruflichen Fußstapfen der Eltern treten - das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Doch in Lünen gibt es erfolgreiche Beispiele der Firmenübernahme. Wie Wilhelm Kanne jun..

Nordlünen

, 29.05.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für Wilhelm Kanne jun. war es nie eine Frage, ob er den Familienbetrieb, den sein Ururgroßvater 1904 in Lünen-Süd gegründet hatte, einmal übernimmt oder nicht. Die einzige Frage, die sich der heute 39-Jährige, der traditionell den gleichen Vornamen wie Vater, Groß- und Urgroßvater trägt, stellte, war, ob er in der heimischen Bäckerei oder in einem anderen Betrieb seine Lehre absolvieren sollte. „Viele Kinder von Bäckern machen die Ausbildung bei einem Kollegen. Aber weil wir ja bewusst alles selbst herstellen und seit langem nach unserem eigenen Reinheitsgebot backen, war es für mich eine gute Entscheidung, auch tatsächlich hier zu lernen“, sagt er in seinem Büro in der Bäckerei im Geistwinkel. Hier sitzt er genau zwischen der Verwaltung und der Backstube, in der traditionell die Arbeit in der Nacht beginnt.

Eltern kümmern sich um die Firma Kanne Brottrunk

Seine Großeltern und Eltern haben ihn nicht gedrängt, in ihre Fußstapfen zu treten: „Natürlich hätten sie nicht gejubelt, wenn ich mir einen anderen Beruf ausgesucht hätte, aber ihnen war auch wichtig, dass man Spaß an dem hat, was man tut.“ Und das hat er offenbar. Mittlerweile hat er die Verantwortung für die Bäckerei und damit 380 Mitarbeiter übernommen.

Seine Eltern haben sich im vergangenen Jahr aus der Bäckerei zurückgezogen und kümmern sich nun schwerpunktmäßig um die Firma Kanne Brottrunk. Dort ist auch seine Schwester Kathrin nach ihrer Babypause wieder eingestiegen. Seit eineinhalb Jahren unterstützt seine Frau Hannah ihn in der Verwaltung der Bäckerei. Und so erlebt auch Töchterchen Elisa (3) den Familienbetrieb: „Wir wohnen am Firmengelände und genau wie ich früher läuft sie auch durchs Büro und durch die Backstube.“ Noch ist Elisa natürlich viel zu klein, um darüber nachzudenken, ob auch sie mal in die väterlichen Fußstapfen treten wird.

Viel vom Vater gelernt

Wilhelm Kanne jun. ist nach seiner Lehre auch früh in die Verantwortung genommen worden. „Mit meinem Vater bin ich als Tandem unterwegs gewesen, hab viel von ihm gelernt, war auch bei jeder Verhandlung dabei. Die leitende Schnur wurde immer länger, bis er mir dann schließlich komplett die Verantwortung für den Betrieb übergeben hat.“ Trotzdem stehen die Eltern mit Rat und Tat zur Seite, wenn es gewünscht wird, vertreten den Sohn auch, wenn der mit seiner Familie Urlaub macht.

380 Mitarbeiter und 27 Filialen in Lünen, Selm, Werne, Bergkamen und Oberaden leitet Wilhelm Kanne jun. - in der fünften Generation. „Ich bin jemand, der immer nach vorne denkt und sich nicht den Kopf darüber zermartert, wie schwierig und anspruchsvoll es ist, eine Firma zu führen.“ Natürlich gebe es den großen Konkurrenzdruck, der sich im Laufe der Zeit zudem gewandelt habe. Früher stand man mit anderen Handwerksbäckereien im Wettbewerb, mittlerweile mehr mit Discountern und Backshops. „Wir müssen tagtäglich um die Qualität kämpfen.“

Bäckerei Kanne: Wie Wilhelm Kanne jun. (39) die Tradition des Ururgroßvaters fortsetzt

Wilhelm Kanne jun. in der Backstube im Geistwinkel. Der Bäckermeister hat sich schon früh dazu entschieden, in den traditionsreichen Familienbetrieb einzusteigen. © Beate Rottgardt

Und auch um Mitarbeiter. „Wir würden gerne noch mehr ausbilden, aber gute Leute zu finden, ist das Problem“, sagt der 39-Jährige. Und weiß: „Eine Kanne-Filiale ohne freundliche Verkäuferinnen wäre keine Kanne-Filiale, so wie wir sie wollen. Das ist eine große Aufgabe, das so weiter zu erhalten.“ Denn sowohl bei den Bäckereifachverkäuferinnen als auch bei den Bäckern sei es nicht leicht, geeigneten Nachwuchs zu finden. „Obwohl ich denke, dass wir als Arbeitgeber durchaus attraktiv sind. Aber leider ist der Stellenwert der Branche nicht so hoch.“

Kanne sieht aber Licht am Ende des Tunnels: „Das Umweltbewusstsein bei jungen Leuten wird immer größer und auch der Wert einer gesunden Ernährung.“

Kanne jun. ist es wichtig, die familiäre Firmenphilosophie umzusetzen - nur natürliche Rohstoffe verwenden, Verzicht auf künstliche Zusätze und fertige Backmischungen. „Die Sensibilität der Menschen wird größer und auch das Bewusstsein für gute Nahrungsmittel wächst.“

Stellenwert von Brot hat sich verändert

Wenn der 39-Jährige auf Reisen ist, schaut er sich auch ganz bewusst andere Bäckereien und deren Konzepte an. „Ich kann einfach kein Brötchen oder Brot ganz neutral essen.“ Aber er isst Backwaren gerne, auch Kuchen, gibt er zu.

Der Stellenwert von Brot habe sich im Laufe der Jahrzehnte verändert - früher diente es schlicht der Grundversorgung. Heute achten die Verbraucher auch mehr darauf, wie so ein Brot hergestellt wird. „Wir setzen Natursauerteige ein und bei uns dauert es 52 Stunden vom ersten Teigherstellen bis das Brot aus dem Ofen kommt.“

Großvater war ein Vorbild

Im Jahr 2002 hat er die Meisterprüfung abgelegt, da war der Generationswechsel vom Großvater zum Vater schon in der Bäckerei vollzogen. Auch das Vorbild seines Großvaters hat den jungen Firmenchef geprägt. „Ich weiß von ihm, dass er in der Branche belächelt wurde, als er vor über 40 Jahren das Reinheitsgebot eingeführt hat - das war noch bevor ich geboren bin.“

Der Großvater ließ sich von kritischen Stimmen aber nicht beirren. Und mittlerweile ist genau dieses Reinheitsgebot längst das große Plus des Lüner Familienunternehmens. „Weil wir es schon so lange machen, die Kunden wissen, dass es nicht einfach nur eine Marketingstrategie ist, sondern ernst gemeint und uns sehr wichtig ist.“

Firmengeschichte

1904 in Lünen-Süd gegründet

  • 1904 gründete Wilhelm Kanne, der Ururgroßvater von Wilhelm Kanne jun., die Bäckerei auf dem Bullerodt in Lünen-Süd - hinten war die Backstube, vorne der Laden.
  • Der Enkel des Gründers Wilhelm Kanne hat das Unternehmen vorangetrieben, gründete in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Filialen und erfand den Brottrunk.
  • Dann übernahm sein Sohn die Bäckerei, die mittlerweile im Geistwinkel beheimatet ist, und die Eltern kümmerten sich vornehmlich um Kanne Brottrunk in Selm, so wie es jetzt auch in den nächsten Generationen ist.
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