Bilanz des Amtsgerichts: 700 Jugendliche saßen 2019 in Lünen im Arrest

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Es muss schon viel passieren, bis ein Jugendlicher im Arrest landet. Und doch kommt es vor - 2019 landeten allein in Lünen 700 junge Männer in der Anstalt. Die Mädchen müssen nach Wetter.

von Sylvia Mönnig

Lünen

, 01.01.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Offene Sozialstunden, Schulverweigerung oder Straftaten: Es gibt viele Gründe, die einen Jugendlichen in den Arrest bringen. In Lünen war das im Jahr 2019 rund 700 Mal der Fall. Allerdings gibt es auch in diesem Bereich eine strikte Trennung der Geschlechter: Die Jungen „sitzen“ in Lünen, und zwar direkt neben dem Amtsgericht am Spormecker Platz. Die Mädchen müssen nach Wetter.

Ein klassischer „Knast“ seien die beiden Anstalten jedoch nicht. Darin sind sich die Leiter, Dr. Niklas Nowatius (Lünen) und Till Deipenwisch (Wetter), einig: „Es geht im Jugendstrafrecht um Erziehung, nicht aber darum, einen Menschen zu verbiegen.“

Ein weiteres Anliegen sei es, den betroffenen Jungen und Mädchen bewusst zu machen, dass „einzig und allein ihr eigenes Handeln Grund dafür ist, dass sie bis zu vier Wochen Arrest verbüßen“.

Mehr Jungen als Mädchen im Arrest

Seit den 1940er-Jahren gibt es in Deutschland den Arrest, 1953 wurde die Anstalt in Wetter eröffnet, 16 Jahre später die in Lünen. Während Wetter die einzige Anstalt für Mädchen in Nordrhein-Westfalen ist, gibt es neben Lünen noch drei weitere Jungen-Anstalten im Land: In Bottrop, Düsseldorf und Remscheid.

Dr. Niklas Nowatius bestätigt, dass „viel mehr Jungen als Mädchen Arrest verbüßen müssen“. Er schätzt das Verhältnis auf etwa eins zu neun. Allerdings, wenn Mädchen Straftaten begehen, gibt es bei den Delikten mittlerweile keine großen geschlechtsspezifischen Unterschiede mehr. Konkret: „Auch junge Frauen schlagen zu, beteiligen sich an Raubüberfällen oder Einbrüchen.“

Lieber gemeinsam als allein

Wobei bei der Zahl der Arreste in beiden Anstalten im Jahr 2019 leicht zurückgegangen ist. Genau wie in Lünen verzeichnet auch die Anstalt in Wetter 700 Arrestfälle. 27 Mädchen können hier gleichzeitig untergebracht werden, in Lünen sind es 41 Plätze für Jungen.

Eine Gemeinsamkeit: Sowohl die Mädchen als auch die Jungen verbüßen ihre Zeit lieber in Arresträumen, in denen sie nicht alleine sind. Ein „Bettnachbar“ macht das Ganze offenbar erträglicher.

Und gerade bei Erkrankungen oder auch Suchtproblemen, darauf weist Till Deipenwisch hin, kann dann so etwas wie eine Sozialkontrolle entstehen: „Die Arrestanten achten aufeinander, tragen Verantwortung und spüren vielleicht zum ersten Mal, was es bedeutet, Rücksicht zu nehmen.“

Viele Arrestanten ohne Schulabschluss

Auch treten die Jugendlichen in beiden Anstalten den Arrest zum Großteil freiwillig an, nur selten muss die Polizei „nachhelfen“. Die Mädchen sind im Durchschnitt etwa 17,6 und die Jungen etwa 18 Jahre alt. Bei beiden Geschlechtern liegt die Quote derer, die noch keinen Schulabschluss erreicht haben, bei etwa 65 Prozent.

Ein Unterschied zwischen Lünen und Wetter: Rund 65 Prozent der Mädchen treten den Arrest an, weil sie Auflagen wie Sozialstunden nicht erfüllt haben. Bei den Jungen gibt es zum Großteil Arreste, die direkt im Urteil ausgesprochen werden. Auch ist der Anteil derer, die nicht zum ersten Mal verbüßen, bei den jungen Frauen höher als bei den jungen Männern.

Wurzel liegt in fehlender Erziehung

Schulische Probleme, Drogen und ein schlechtes soziales Umfeld sind bei beiden Geschlechtern oftmals der Hintergrund. In einem Punkt sind sich die beiden Anstaltsleiter, die gleichzeitig auch Direktoren der Amtsgerichte vor Ort sind, einig. Dr. Niklas Nowatius bringt es auf den Punkt: „Die Wurzel allen Übels liegt in erzieherischen Defiziten.“ Till Deipenwisch fügt hinzu: „Die Jugendlichen sollen lernen, dass man auch kämpfen oder sich anzustrengen muss, um Ziele zu erreichen. Oft fehlen ihnen Vorbilder.“

Und genau das funktioniert im besten Fall bereits während des Arrests, wenn, wie Deipenwisch beschreibt, Ältere den Jüngeren am Ende Ratschläge geben – beispielsweise in punkto Schulabschluss. „Da hat man schon den Eindruck, dass an der ein oder anderen Stelle ein Umdenken bewirkt werden konnte“, so der Anstaltsleiter aus Wetter.

Generell schätzen die Mädchen die Gemeinschaft, die Jungen legen mehr Wert darauf, ihre Ruhe zu haben. Bei beiden Geschlechtern sind kleinere Konflikte an der Tagesordnung. Eskalationen gebe es nicht, da die jeweils rund 25 Mitarbeiter schnell reagieren und Streithähne zur Not voneinander trennen.

Böse Überraschungen beim Antritt

Bereits beim Antritt, das eint beide Anstalten, erleben die Arrestanten regelmäßig böse Überraschungen: „Kosmetik, Handys, Zigaretten und Feuerzeuge werden konfisziert“, so Niklas Nowatius. „Nichts, womit man gefährlichen Unfug machen kann.“

Flucht oder Befreiungsversuche gebe es nicht. Vielmehr, das berichten beide Leiter, versuchen die Mädchen und Jungen entweder bereits im Vorfeld oder mittendrin dem Arrest doch noch zu entgehen. Sie täuschen einen neuen Job, wichtige Schulangelegenheiten oder auch Krankheiten vor.

Die beiden Leiter schätzen die Herausforderung, neben der Verwaltung am Gericht die Arrestanstalten zu führen. Sie wollen in der kurzen Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, auch Impulse setzen und dabei helfen, Probleme zu sehen, Lösungen zu finden.

„Wenn man die Defizite erkennt, dann kann man auch lernen“, formuliert es Niklas Nowatius. Und dabei gehe es im Arrest auch darum, vielleicht zum ersten Mal im Leben Struktur zu erfahren.

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