Bürgermeisterkandidat Christoph Tölle: „Wir reden zuviel schlecht in Lünen“

hzKommunalwahl 2020

Mit Christoph Tölle schickt die CDU den jüngsten Kandidaten ins Rennen um das Bürgermeisteramt in Lünen. Der Familienvater will die Wähler mit Optimismus und Tatendrang überzeugen.

Lünen

, 04.08.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich war Christoph Tölle nie scharf darauf, als Bürgermeisterkandidat für Lünen ins Rennen zu gehen. „Ich dachte immer, dass man als CDU-Kandidat in einer roten Hochburg eher verheizt wird, anstatt wirklich eine Chance zu haben.“ Doch die Entwicklung der vergangenen Jahre habe zu einem Umdenken geführt. Anfang des Jahres stand dann für ihn und für die CDU in Lünen fest: „Ich mache das.“

Mit 39 (ab dem 12. August: 40) Jahren ist der Banker damit jüngster Bewerber um das höchste Amt der Stadt. Sein Alter sieht er dabei durchaus als Vorteil: „Ich denke schon, dass ich auch jüngere Menschen erreichen kann, die sich vielleicht nicht unbedingt bei der CDU zuhause fühlen.“

Tölle betont, dass er natürlich als Christdemokrat antritt, sich aber im Erfolgsfall als Bürgermeister für alle Lünerinnen und Lüner sieht: „Bei den Wahlprogrammen gibt es bei den Partien gar nicht mal so viele Unterschiede. Wir stehen alle für bezahlbaren Wohnraum und für Gewerbe-Entwicklung.“ Wichtig sei es, bei den Unterschieden einen Konsens zu erzielen. „Dazu muss man alle an einen Tisch bekommen und verhandeln.“

Bürgermeister habe nicht für Ideen geworben

Und das Verhandeln habe er in seinem Beruf bei einer großen Bank in Dortmund und Essen gelernt. „Man muss sich alle Meinungen anhören, um das Beste für Lünen rauszuholen - da heißt es dann auch, Kompromisse einzugehen.“ Eine Sache, die er dem aktuellen Amtsinhaber Jürgen Kleine-Frauns, zu dem er nach eigenen Angaben ein gutes Verhältnis pflegt, vorwerfen würde: „Der Bürgermeister hat es versäumt, in die Fraktionen zu gehen und für seine Ideen zu werben.“ So sei es nicht möglich gewesen, zu bestimmten Themen einen Konsens zu finden.

Jetzt lesen

Dass es trotz des manchmal rauhen Umgangstons im Lüner Rat trotzdem möglich ist, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, hätte unter anderem die jüngste Erklärung in Sachen ehemaliges Steag-Gelände gezeigt - ein Thema, dem Tölle auch in Zukunft höchste Priorität einräumt: „Wir haben da eine riesengroße Möglichkeit für neue Arbeitsplätze, ohne dafür neue Flächen ausweisen zu müssen.“ Ihm liege allerdings nichts ferner, als dort einen Logistikstandort zu entwickeln. „Große Flächen für große Hallen mit wenig Beschäftigung zu verbrennen - dafür stehe ich nicht zu Verfügung.“ Vielmehr sei die Einkommensstruktur von Lünen gruselig: „Wir brauchen deshalb gute und gut erreichbare Arbeitsplätze.“

Schule und medizinische Versorgung auf der Agenda

Allerdings bringen diese Arbeitsplätze nichts, wenn beinahe jeder zehnte Schüler die Sekundarstufe II ohne Abschluss verlässt. Hier sieht Tölle ein weiteres wichtiges Thema für die kommenden fünf Jahre: „Wie wollen wir denn dann darüber reden, dass die jungen Menschen hier einen Job kriegen, wenn die Grundlagen nicht einmal vorhanden sind?“ Deshalb müsse sich hier etwas tun. „Wie der Weg aussieht, kann ich jetzt auch noch nicht sagen. Aber wir müssen auf jeden Fall alle Schulen und Träger mit ins Boot nehmen.“

Thema Nummer drei auf der Liste des CDU-Kandidaten ist die medizinische Versorgung: „Die ist zwar gerade in Lünen gut, auch wenn man vielleicht mal länger auf einen Termin warten muss.“ Doch das Durchschnittsalter der Ärzte sei hoch: „Wenn die irgendwann wegbrechen, sieht es anders aus.“ Tölle bringt deshalb Stipendien für junge Mediziner ins Spiel, um diese für Lünen zu begeistern. Auch die Kurzzeitpflege will Tölle voranbringen: „So etwas haben wir hier gar nicht. Dabei müssen Menschen, die Angehörige pflegen, doch auch die Chance bekommen, mal durchzuschnaufen - dafür müssen sie auf eine Kurzzeitpflege zurückgreifen können.“

„Können stolz auf das Erreichte sein“

Damit diese und weitere Ziele erreicht werden können, hofft Tölle auf eine Änderung der Mentalität: „In Lünen wird noch zu viel schlecht geredet. Dabei haben wir doch viele gute Dinge erreicht.“ Er nennt das Hertie-Haus, die Kulturmeile, die umgestaltete Innenstadt oder den Lippepark als Beispiele: „Da können wir ruhig stolz drauf sein. Und mit diesem Stolz ließe sich dann auch wieder mehr erreichen.“

Dazu zählen auch „Spinnereien“, wie er selbst sagt. „Die braucht man, um am Ende tolle Ideen zu bekommen.“ So habe er des Öfteren, wenn er in Lünen vor den geschlossenen Bahnschranken stand, über einen Tunnel nachgedacht. „Daraus ist die Vision entstanden, die Kulturmeile per Tunnel mit der Innenstadt zu verbinden.“ Diese und andere Ideen seien nichts „für heute oder morgen“, hätten aber durchaus Entwicklungspotenzial.

Christoph Tölle räumt ein, dass es auch intern möglicherweise Vorbehalte gegenüber seiner Kandidatur gegeben hat: „Manchen ist da sicher die Sache mit meiner Ex-Frau eingefallen, und man wird sich gefragt haben, wie das in der Öffentlichkeit ankommt.“ Es kam damals zu einem Verfahren wegen häuslicher Gewalt, das schließlich eingestellt wurde. „Um das noch einmal klar zu sagen: Ich habe meiner Ex-Frau keine Gewalt angetan.“

Mittlerweile ist Christoph Tölle wieder verheiratet und Vater einer Tochter. Bleibt als Bürgermeister denn genug Zeit für die Familie? „Die Arbeit wird sicher nicht weniger werden, andererseits bin ich dann natürlich vor Ort - das hat sicher auch Vorteile.“ Er habe eine starke Familie - ein weiterer Faktor, der ihn optimistisch in die Wahl am 13. September gehen lässt. Und sollte es am Ende doch nicht reichen, steht für Christoph Tölle fest: „Ich werde dem Sieger gratulieren und anschließend natürlich weiter politisch für Lünen aktiv bleiben.“

Ihre Fragen an den Kandidaten

Christoph Tölle ist einer von vier Bewerbern um das Bürgermeisteramt in Lünen. Wir stellen Ihnen alle Kandidaten vor und geben Ihnen dazu Gelegenheit, Ihre eigenen Fragen zu formulieren. Schicken Sie und einfach eine E-Mail an luenen@ruhrnachrichten.de, und wir werden die Fragen Christoph Tölle in einem Video-Interview stellen. Die Antworten können Sie dann im Anschluss als Mitschnitt sehen.
Lesen Sie jetzt