Cannabis auf Rezept: 70-jähriger Lüner klagt gegen Krankenkasse

hzGenehmigung zurückgezogen

Eigentlich war für Horst-Günter Jansen alles gut - wenn man das in seiner Situation sagen kann. Doch dann verweigerte ihm die Krankenkasse die Weiterbehandlung mit einem Cannabis-Medikament.

Lünen

, 15.08.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fast zwei Jahre lang hatte Horst-Günter Jansen keine Schmerzen mehr. Das ist ungewöhnlich, denn die Krankenakte des 70-jährigen Lüners ist lang: Auf fast zwei Din-A4-Seiten ist aufgelistet, woran Horst-Günter Jansen leidet. Viele medizinische Fachbegriffe sind dabei, die Sache lässt sich aber relativ einfach zusammenfassen: Das Leben von Horst-Günter Jansen ist schmerzhaft.

Oder besser: Es war schmerzhaft. Vor allem die Parkinson-Krankheit, eine bleibende Erinnerung an einen Unfall vor mehr als 40 Jahren, und die Folgen einer Diabetes-Erkrankung sorgten dafür, dass die Beine taub sind und jeder Schritt zur Qual wurde. Bis Horst-Günter Jansen 2017 endlich ein Medikament bekam, das wirkte: Dronabinol. Der Wirkstoff dieses Medikamentes ist Cannabis - und genau da beginnt nun, drei Jahre später, das Problem.

„Ich habe viele Schmerzmittel ausprobiert und unzählige Therapien gemacht“, sagt Horst-Günter Jansen. Das Sprechen fällt ihm nicht immer leicht, auch sein Kiefer ist in Mitleidenschaft gezogen. Auf so ziemlich alle Schmerzmittel reagierte der Lüner allergisch. Mehr noch: Der Zustand verschlechterte sich. „Ich hatte teilweise Angst, zu ersticken“, beschreibt er die Situation, die unmittelbar nach der Behandlung eintrat.

Multiple Medikamentenunverträglichkeit

Das hatten ihm auch mehrere Ärzte in den vergangenen Jahren immer wieder bescheinigt: Schmerztherapien waren erfolglos, weil der Patient die Medikamente nicht verträgt. Und so steht es auch im jüngsten Befund eines Arztes vom Juli 2020, der Horst-Günter Jansen eine chronische Schmerzerkrankung und einen „erheblichen Tremor“ bescheinigt: „Eine medikamentöse Einstellung beider Erkrankungen ist in der Vergangenheit an den multiplen Medikamentenunverträglichkeiten gescheitert.“

Diese Anamnese ist überhaupt erst nötig geworden, weil Horst-Günter Jansen das einzige Medikament, das ihm nachweislich hilft, nicht mehr bekommen kann: Die Krankenkasse AOK verweigert ihm nach zwei Jahren die Genehmigung, weiterhin mit Dronabinol behandelt zu werden. „Stattdessen verlangt die AOK, dass ich mich wieder einer multimodalen Schmerztherapie unterziehe.“ Anders gesagt: Horst-Günter Jansen soll noch einmal alle anderen Medikamente testen, bevor er die Chance auf eine neue Cannabis-Genehmigung erhält.

Das Spiel ist nicht neu, die AOK hatte sich auch 2017 geweigert, dem Patienten das Cannabis-Medikament zu bezahlen. Die Behandlung auf eigene Kosten durchzuführen, ist für den Rentner nicht drin - im Mittel wären bis zu 400 Euro im Monat fällig. Horst-Günter Jansen klagte damals gegen die AOK - mit Erfolg: „Es gibt Gerichtsurteile, in denen klar gesagt wird, dass Patienten mit Cannabis behandelt werden dürfen, wenn alle anderen Therapien versagen.“ Allerdings habe die Genehmigung nur für zwei Jahre gegolten. Eine Verlängerung habe die AOK versagt - obwohl Horst-Günter Jansen mehrfach nachgewiesen hat, dass er kein anderes Schmerzmittel verträgt.

Gericht wies Klage im Februar ab

Warum also verweigert die Krankenkasse offenbar wider besseres Wissen einem Schmerzpatienten die einzig wirksame Behandlung? Auf Nachfrage unserer Redaktion stellt die AOK Nordwest den Fall etwas anders dar: Demnach habe der Medizinische Dienst (MD), und nicht die Krankenkasse, die Cannabis-Behandlung abgelehnt: „Nach Einschätzung des MD wäre beispielsweise eine Therapie mit hochdosierten Schmerzmedikamenten (Opioide), deren Anwendung in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfohlen werde, möglich.“

Neben der Klage habe Horst-Günter Jansen 2017 zudem einstweiligen Rechtsschutz für die Versorgung mit Dronabinol beantragt. „Aufgrund des Beschlusses des Sozialgerichts Dortmund aus März 2018 (...) wurden wir zu einer vorläufigen Kostenübernahme bis Ende September (...) verpflichtet“, heißt es von der Krankenkasse.

Horst-Günter Jansen zieht gegen seine Krankenkasse vor das Landessozialgericht.

Horst-Günter Jansen zieht gegen seine Krankenkasse vor das Landessozialgericht. © Fiedler (A)

Im Rahmen einer mündlichen Verhandlung im Februar 2020 habe das Sozialgericht die Klage abgewiesen - womit auch die vorläufige Kostenübernahme endet. Ein Gutachter hat laut AOK Nordwest „nach eingehender ambulanter Untersuchung des Versicherten und umfassender Würdigung der in den Akten enthaltenen Befunden festgestellt, dass eine multimodale medikamentöse und schmerzpsychologische Therapie mit differenzierter Dokumentation von Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente vorrangig angezeigt sei“.

Also müsste Horst-Günter Jansen tatsächlich alle Medikamente, von denen bekannt ist, dass er sie nicht verträgt, noch einmal testen, bevor er möglicherweise eine zweite Chance für die Behandlung mit Cannabis-Medikamenten erhält. Für den 70-Jährigen unfassbar: „Ich weiß doch schon, was da auf mich zukommt. Wieso muss ich mich nochmal damit abquälen?“

Berufung vor Landessozialgericht

Eine Frage, die die AOK nicht beantwortet - für die Krankenkasse ist die Sache mit dem Gerichtsurteil erledigt. Nicht jedoch für Horst-Günter Jansen: Er will in Berufung gehen und weiter für eine Therapie mit Dronabinol kämpfen. „Ich bin nicht süchtig danach - ich möchte einfach nur ohne Schmerzen leben“, sagt er.

Hilfe bekommt er vom Sozialverband Deutschland (SoVD), der sich bereits an das Landessozialgericht gewandt hat: „Zu beanstanden ist insbesondere, dass eine Behandlungsalternative in Form einer multimodalen Schmerztherapie (...) nicht besteht.“ Da die Berufung allerdings keine auschiebende Wirkung hat, wird Horst-Günter Jansen bis zur Klärung weiter mit Schmerzen leben müssen.

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