Der Herr der Stundenpläne, die Chefin der Katakomben und eine überzeugte junge Lehrerin

hz50 Jahre Realschule Altlünen

Lehrer, die in der großen Pause zwischen zwei Schulen pendeln oder ihre Sommerferien für den Ausbau eines Physikraumes opfern - das sind Geschichten aus 50 Jahren Realschule Altlünen.

Nordlünen

, 23.06.2019, 09:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist eine Begegnung von Lehrern dreier Generationen im Büro von Hermann-Josef Wittmann, dem Leiter der Realschule Altlünen. Der Älteste ist Dr. Wingolf Lehnemann (81), der 13 Jahre lang Konrektor der Realschule war. Die Jüngste ist Stephanie Herda (30), seit vier Jahren Lehrerin in Nordlünen. Sie sagt: „Für mich ist die Schulform Realschule kein Auslaufmodell.“

In der Runde dabei sind außerdem Wolfhard Lehnemann (76), einer der Lehrer der ersten Stunde, der frühere Konrektor Peter Feldmüller (72), die pensionierte Lehrerin Helga Schoppa, Lehrerin Evelyn Hille (62), seit 1981 an der Realschule, und Sekretärin Seval Agca, seit 1998 die gute Seele der Schule.

Um dieses Treffen hatte die Autorin dieses Berichts gebeten. Anlass ist der 50. Geburtstag der Schule, die in den ersten fünf Jahren eine Schule ohne Gebäude war.

Fünf Jahre eine Schule ohne eigenes Gebäude

Denn bis die heutige Realschule an der Rudolph-Nagell-Straße 1974 bezogen wurde, hatten die Schüler ihre Klassenräume in anderen Schulen, so mussten die Lehrer immer zwischen zwei Gebäuden pendeln.

Die Klassen 5 und 6 lernten in der Viktoriaschule, ab Klasse 7 waren die Schüler im Gymnasium Altlünen untergebracht. „Die Zusammenarbeit mit Schulleiter Hermann Fischer war hervorragend“, erinnert sich Dr. Wingolf Lehnemann.

Probleme gab es trotzdem - am Anfang gehörte die Schule noch zum Regierungsbezirk Münster, sollte aber dann zum Regierungsbezirk Arnsberg wechseln. „Deshalb fühlte sich irgendwie niemand zuständig und eines Tages waren dann auch noch Akten auf dem Dienstweg verloren gegangen“, so der frühere Konrektor. Der übrigens den Samstagunterricht sehr schätzte: „Ich brauchte die Doppelstunden immer für meine Deutscharbeiten.“

Der Herr der Stundenpläne, die Chefin der Katakomben und eine überzeugte junge Lehrerin

Ein Jahr nach der Grundsteinlegung war die Realschule Altlünen 1974 fertig gebaut. © Fotosammlung Stadtarchiv Lünen

Gerne erinnert er sich an viele engagierte Eltern, die auch dafür sorgten, dass die Idee von Rektor Helmut Funk Realität wurde. Er wollte ein bleibendes Andenken an die Zeit, als die Bezirksregierung Münster zuständig war. Der Ammonit (ein Abdruck eines prähistorischen Kopffüßers) aus Seppenrade sollte als Kopie seinen Platz vor der Schule finden (und ist bis heute Wahrzeichen). Dank der Unterstützung vieler Eltern klappte es.

Manchmal mussten die Lehrer damals auch ihre Schüler austricksen. So kam an einem Morgen eine komplette Klasse erst zur zweiten Stunde und behauptete, man habe nicht gewusst, dass die erste eine Vertretungsstunde gewesen sei. Lehnemann: „Daraufhin hab ich unseren Hausmeister gebeten, einen verschließbaren Kasten für den Vertretungsplan zu bauen. Diese Ausrede funktionierte danach nicht mehr.“

Zusätzliche Qualifikationen erworben

Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wolfhard war einer der ersten Lehrer an der damals neuen Realschule Altlünen. Zusammen mit den Kollegen Ina Volmer, Heide Hirschmann und Horst Kraft. „In der Viktoriaschule hatten wir keinen Raum für Physik, deshalb haben Rektor Funk und ich die ganzen Sommerferien geopfert und einen Raum dafür im Keller umgebaut und ausgestattet.“

Der Herr der Stundenpläne, die Chefin der Katakomben und eine überzeugte junge Lehrerin

An der Realschule Altlünen gibt es im Technikraum seit Anfang des Schuljahres 2014/15 einen 3D-Drucker. Am Computer werden Objekte wie Würfel, Herzen, Schachfiguren etc. entworfen - und mit dem Drucker aus Plastik gedruckt. © Michael Schnitzler

Dann fehlte ein Mathe-Lehrer und so fuhr Lehnemann drei Jahre lang nach Dortmund, um die notwendige Qualifikation zu erwerben. „Ähnlich war es, als wir Beratungslehrer brauchten“, so der 76-Jährige. „Als dann auch noch Techniklehrer fehlten, hab ich Lehrgänge in Münster besucht und eine Prüfung vor der Handwerkskammer abgelegt.“

Im Lehrerzimmer war auch die Kartensammlung untergebracht

Das Lehrerzimmer an der Viktoriaschule war übrigens ein Allzweckraum. „Darin hatten nicht nur die Sekretärin und der Rektor ihren Schreibtisch. Auch die Landkarten-Sammlung war in dem relativ kleinen Raum untergebracht“, so Lehnemann, der 2009 nach 40 Jahren an der Realschule in den Ruhestand ging.

Da war Stephanie Herda gerade 20 und studierte Deutsch und Biologie. Für die Schulform Realschule hat sich die 30-Jährige bewusst entschieden: „Auch meine Ausbildungsschule war eine Realschule. Ich finde es gut, dass Schüler aufs Berufsleben vorbereitet werden. Bei uns läuft das hier ab der 7. Klasse.“ So können die Schüler beispielsweise beim Kooperationspartner der Schule, den Stadtwerken, Bewerbungsgespräche unter echten Bedingungen üben.

Vor neun Jahren ging Peter Feldmüller in den Ruhestand, von 1985 bis 2010 an der Schule und lange Jahre Konrektor. Mit Rektor Jürgen Wolff baute er den naturwissenschaftlichen Bereich der Schule aus. „Ich glaube, der technische Bereich sucht an den Schulen im Kreis seines gleichen.“

Der Herr der Stundenpläne, die Chefin der Katakomben und eine überzeugte junge Lehrerin

Die Realschule Altlünen fährt regelmäßig zu Skifreizeiten. Der ehemalige Konrektor Peter Feldmüller ist gerne mit dabei. © Realschule Altlünen

Mit den ehemaligen Kollegen trifft er sich einmal im Monat bei „Mutter Stuff“. Und der 72-Jährige begleitet auch noch die Skifreizeiten der Realschule: „Die Verbundenheit ist immer noch da.“

Heute läuft fast alles digital

Als Seval Agca 1998 ihren ersten Arbeitstag als neue Schulsekretärin hatte, „da stand Peter Feldmüller am Vertretungsplan und heute sitzt die stellvertretende Schulleiterin Claudia Fellowes am Computer und füllt den Plan aus.“ „Stundenpläne gibt es auch nur noch digital“, so Stephanie Herda. Und auf die haben auch die Eltern Zugriff, ergänzt Seval Agca. Heute hat jeder den Vertretungsplan in fünf Minuten auf dem Handy, sagt Rektor Wittmann: „Das Einzige, das wir noch in Papierform bekommen, sind die bearbeiteten Beihilfe-Anträge und Urkunden.“

Der Herr der Stundenpläne, die Chefin der Katakomben und eine überzeugte junge Lehrerin

Die Projektgruppe "Lünen in Farbe" mit ihrem selbst gestalteten Schriftzug von Lünen zuum Stadtjubiläum 675 Jahre. © Jenny Smolka

Das war noch anders, als Helga Schoppa Lehrerin an der Realschule wurde: „Ich kam Ende der 80er Jahre nach Lünen, aus Dortmund, und fand es sehr schön, dass ich hier eine kleinere, sehr überschaubare Schule vorfand.“ Eigentlich hatte sie Englisch und Textilgestaltung studiert, doch weil mal wieder Lehrermangel herrschte, unterrichtete Helga Schoppa vor allem Sport, aber auch Hauswirtschaft. Seit 2005 ist sie pensioniert, doch die Verbindung zur Schule und den ehemaligen Kollegen besteht weiter.

Für Evelyn Herda gibt es neben dem normalen Unterricht noch eine Aufgabe. Sie kümmert sich um den Bereich „Deutsch als Fremdsprache“. „Ich unterrichte aktuell 60 Schüler, die als Flüchtlinge nach Lünen gekommen sind oder auch eingegliedert wurden. Einige von ihnen arbeiten auch bei unseren Bühnen-Projekten mit, erstellen die Requisiten.“

Kennt sich genau bei den vielen 100 Kostümen aus

Derzeit am längsten im Realschul-Gebäude dienstlich zuhause ist Lehrerin Evelyn Hille, die 1981 zum Kollegium kam und Ende des Schuljahres pensioniert wird. „Ich kam eigentlich für die Fächer Kunst und Deutsch, weil aber einige Kolleginnen schwanger wurden, hab ich dann auch Hauswirtschaft und Textilgestaltung unterrichtet.“

Der Herr der Stundenpläne, die Chefin der Katakomben und eine überzeugte junge Lehrerin

„Joseph und der Pharao“ standen im Mittelpunkt eines Theaterstücks, das Realschüler vor einigen Jahren aufführten. © Briesemann

Ihre Liebe zum Theater lebte Evelyn Hille auch aus. „Sie ist die Chefin der Katakomben, kennt sich genau aus, wo wir die mehreren 100 Kostüme und vielen Requisiten, die im Laufe der Jahre zusammen kamen, aufbewahren“, so Wittmann.

„An der Schule war die Hoch-Zeit der Theateraufführungen Anfang der 2000er Jahre bis 2006. Da gab es die Wahlpflicht für die Jahrgänge 9 und 10.“

Nicht nur junge Schauspieler waren gefragt. Auch die Kostüme, Bühnenbilder, Band und Chor waren „made by Realschüler“.

Wenn Evelyn Hille nun die Schule Richtung Ruhestand verlässt, hat sie eine gute Nachfolgerin gefunden. Stephanie Herda baute im vergangenen Jahr zum ersten Mal ein Bühnenbild alleine auf, ist auch beim Jubiläums-Musical im Team.

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