Kostenloser Zugang zu Bildung - die Forderung ist nicht neu. In der Realität sieht es anders aus - ist Bildung für lau ein Wunschtraum? Wir untersuchen dies anhand eines Beispiels aus Lünen.

Lünen

, 02.01.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf dem Papier ist der Besuch einer Schule Pflicht und auch kostenlos. Doch wer zum Beispiel schon einmal einen Tornister kaufen und ausstatten musste oder seinem Kind den sichersten Weg ins Schulgebäude ermöglichen will, der weiß: Da kommen einige Kosten auf alle Beteiligten zu. Gut, das ist man aus der Kita vielleicht schon gewohnt - irgendwie müssen die Gebäude, das Essen und allen voran die Betreuung ja finanziert werden.

Wie schwierig generell die kostenlose Bereitstellung von Bildung wäre, zeigt sich am Beispiel der Stadtbücherei: Für 2018 hatte die Stadt hier einen Ertrag - zum Beispiel aus Leihgebühren - von rund 30.000 Euro angesetzt. Der Aufwand - zum Beispiel für Personal und Miete - ist hingegen mit rund 680.000 Euro beziffert. Die Stadt muss hier also rund 650.000 Euro hinzuschießen, damit der Betrieb läuft. 2017 waren es 27.420 Euro Ertrag und 597.090 Euro Aufwand. Die Zahlen bewegen sich also in ähnlichen Dimensionen.

Jahresausweis für 15 Euro

Vor dem Hintergrund ist verständlich, dass Büchereileiterin Beate Convent auf die Frage, ob die Stadtbücherei nicht komplett kostenlos sein sollte, nur müde lächelt. Die 15 Euro Jahresgebühr für einen Leseausweis hält sie auch nicht für überteuert, im Gegenteil: „Eigentlich kosten die meisten Büchereien in dieser Region sogar fünf Euro mehr.“ Der ermäßigte Ausweis, zum Beispiel für Schüler oder Sozialhilfeempfänger, kostet 7,50 Euro.

Stina Brockhagen (l.) und Büchereileiterin Beate Convent mit dem neuesten Angebot - den „Tonies“-Hörspielen.

Stina Brockhagen (l.) und Büchereileiterin Beate Convent mit dem neuesten Angebot - den „Tonies“-Hörspielen. © Stadt Lünen

Und dafür bekommt man kostenlosen Zugriff auf rund 50.000 Medien - erst im Dezember waren auch die Leihgebühren für DVDs abgeschafft worden. Neben elektronischen Lesegeräten, den E-Readern, erweitern nun auch die „Tonies“, Kinder-Hörspiele, das Angebot. Die Bücherei ist längst mehr als eine Bücherbörse: „Solange ich kein tolles Angebot mache, kann ich auch nicht erwarten, dass die Leute kommen“, sagt Beate Convent.

Wobei: Nach Angaben der 51-Jährigen ist der Bestand veraltet, mehr als ein Drittel der Bücher ist älter als zehn Jahre. „Das ist bei Themen wie Geschichte vielleicht nicht ganz so wild, aber wenn es um Reiseführer oder EDV geht, kann ich keine alten Bücher anbieten.“ Folglich ist im Etat eine jährliche Erneuerungsquote von zehn Prozent des Bestandes vorgesehen, um den aktuell rund 2000 aktiven Nutzern (jene, die mindestens ein Medium im Jahr entliehen haben) frische Ware anbieten zu können.

Ausleihen hier, lesen zuhause

Einer der aktiven Nutzer ist Klaus Weeber: „Ich komme eigentlich jede Woche her.“ Als pensionierter Lehrer interessiert sich der 74-Jährige vor allem für Philosophie und Psychologie. „Da lasse ich mich gerne zum Beispiel durch Fachzeitschriften inspirieren.“ Wobei er die lieber zuhause liest. „Da komme ich besser zur Ruhe.“ So wirklich gemütlich sei die Bücherei ja nun leider auch nicht.

Die Stadtbücherei blickt unabhängig von den Plänen für die Persiluhrpassage mit Vorfreude auf 2019.
  • Am 15. März nimmt die Einrichtung an der „langen Nacht der Bibliotheken“ teil.
  • Für Frühling und Herbst sind neue Lesungen geplant.
  • Der SommerLeseClub für Schülerinnen und Schüler wird in den Ferien in gänzlich neuer Form angeboten.

Das findet auch Ferdinand Langguth, genau wie Klaus Weeber regelmäßig Gast am Ausleih-Tresen. „Ich bin Physiker und stolpere das ein oder andere Mal über ein Fachbuch, das allein schon 60 Euro kosten würde.“ In der Bücherei ist die Ausleihe hingegen unkompliziert - selbst dann, wenn das Werk in Lünen nicht vorrätig ist. „Die Fernleihe kostet 1 Euro für die Bestellung und dann noch mal 1,50 für die eigentliche Ausleihe. Das finde ich vollkommen im Rahmen.“

Aber in Ruhe vor Ort lesen? Das wird schwierig, nicht nur für die beiden „heavy user“. Das weiß auch Beate Convent: „Es ist zu klein, es fehlt ein ruhiger Lesebereich.“ Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde dieser also nicht „kostenlose Bücherei für alle“ lauten, sondern eher ein moderner Bestand in modernen Räumen. Eine solche Vision ist für die Stadtbücherei Lünen allerdings gar nicht mal so abwegig: Politik und Verwaltung haben bereits Fördergelder für einen Umbau der Persiluhr-Passage an der Münsterstraße beantragt. Mit mehr als 5 Millionen Euro soll der Bereich saniert werden - und anschließend auch der Stadtbücherei als neues Zuhause dienen.

Mögliches neues Zuhause für die Stadtbücherei: Die Persiluhrpassage.

Mögliches neues Zuhause für die Stadtbücherei: Die Persiluhrpassage. © Jenny Smolka

Gänzlich unmöglich ist der kostenfreie Zugang zu Bildung übrigens auch in Lünen nicht. Im Dezember gab die Stadt bekannt, dass das Museum künftig keinen Eintritt mehr verlangt - ein Schritt, um „insbesondere Kindern, Jugendlichen und Familien einen unkomplizierten Museumsbesuch ermöglichen“, wie es hieß.

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