Erinnerung an die Flucht vor 75 Jahren: „Sie haben uns unsere Heimat genommen“

Tag des Flüchtlings

79,5 Millionen Menschen waren 2019 auf der Flucht. Auch vor 75 Jahren verloren 12 Millionen Menschen ihre Heimat und suchten Schutz. Zum Tag des Flüchtlings am 2. Oktober erinnert sich eine Lünerin.

Lünen

, 02.10.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kriemhild Schmitz (79) sitzt vor Unterlagen, die ihre Flucht und ihr Leben dokumentieren. Als Vierjährige ist sie aus Schlesien geflohen. In der Hand hält sie ihren Flüchtlingsausweis, gestempelt in Dortmund-Derne 1964.

Kriemhild Schmitz (79) sitzt vor Unterlagen, die ihre Flucht und ihr Leben dokumentieren. Als Vierjährige ist sie aus Schlesien geflohen. In der Hand hält sie ihren Flüchtlingsausweis, gestempelt in Dortmund-Derne 1964. © Kristina Gerstenmaier

„In Bockum-Hövel sind wir sehr schlecht empfangen worden“, erinnert sich Kriemhild Schmitz. „Ein Bruder meiner Oma lebte dort und sagte zur Begrüßung nur ‚was wollt ihr denn hier‘. Das war gar nicht schön, aber wir haben uns dann eben alleine durchgeschlagen.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte die damals fünfjährige Kriemhild Schmitz bereits mehrere Monate der Flucht hinter sich. Heute ist sie 79 Jahre alt. Geboren wurde sie in Breslau. Denkt sie an ihre Vertreibung aus dem ehemaligen Schlesien, vermischen sich Erzählungen ihrer Großmutter und Mutter mit ihren eigenen Erinnerungen. „Ich weiß noch wie wir eines Abends im Jahr 1945 zum Bahnhof gingen“, erzählt sie. „Oma und Mutter hatten jede einen Koffer links, einen rechts und ich hatte ein Rucksäckchen auf. Ich erinnere mich, wie mir das alles so schwer wurde, aber die beiden konnten mich natürlich nicht tragen. Da war ich vier Jahre alt.“

Die kleine Kriemhild in ihrer „Heimat“.

Die kleine Kriemhild in ihrer „Heimat“. © Repro: Gerstenmaier

In einem Viehwaggon fuhren die drei nach Dresden, von dort aus nach Österreich. „Die Waggons waren voll bis unters Dach“, erzählt Schmitz. „So voll, dass wir durchs Fenster reingeschoben wurden.“ In Österreich arbeitete ihre Oma auf einem Bauernhof, ihre Mutter in einem Lazarett. Die kleine Kriemhild sollte in ein ein Kinderheim, „aber das ließ meine Mutter nicht zu. Sie sagte: ‚Wir sind zusammen hier her gekommen, wir bleiben auch zusammen‘.“ Nach einem halben Jahr ging es weiter nach Bockum-Hövel zu besagtem Großonkel. „Diese Zeit war sehr schwer. Als wir da hin gekommen sind, sind wir als ‚Saupreußen‘ empfangen worden. Wir hatten auch nichts und mussten sogar betteln gehen. Aber meine Oma konnte aus nichts alles machen und richtig zupacken. Ich erinnere mich, wie wir uns nachts von einem Waggon Kohlen geholt haben oder die Oma Tag und Nacht in Heimarbeit Bonbonpapiere gewickelt hat. Wir lebten entweder in Ein-Zimmer-Wohnungen oder in Baracken.“

Schlesierverein hält Heimat lebendig

Nachdem Kriemhild Schmitz zwischenzeitlich in Munster in der Lüneburger Heide lebte, zog sie mit 16 nach Dortmund-Derne, wo sie erst eine Ausbildung zur Kinderpflegerin, dann zur Kirchenmusikerin absolvierte. Nach ihrer Heirat 1968 - ihren Mann lernte sie an der Straßenbahnhaltestelle auf dem Weg zur Arbeit kennen - zog sie 1976 in ein Reihenhäuschen in der Brambauer Achenbachstraße. Heute, nach dem Tod ihres Mannes 2001, lebt sie in einer geräumigen Wohnung in Brambauer.

Seit 1983 ist sie Mitglied im Schlesierverein Brambauer und seit inzwischen fast 20 Jahren dessen Vorsitzende. „So kann ich meine Heimat lebendig halten“, sagt sie, auch wenn sie eigentlich auch durch ihre vielen Umzüge, mit dem Begriff Heimat wenig anfangen kann: „Ich wohne ja jetzt hier, also ist hier meine Heimat, weil ich hier lebe. Ansonsten ist sie eben da, wo ich geboren wurde, aber daran erinnere ich mich ja kaum.“

Über 20.000 Geflüchtete in Lünen
Vertriebene

Ein Prozent der Weltbevölkerung auf der Flucht

Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen, waren bei 79,5 Millionen. In Deutschland wurden 1,1 Millionen gezählt. Damit hat sich die Zahl der Geflüchteten seit 2010 verdoppelt. In Lünen sind aktuell 2033 Flüchtlinge registriert. Davon gelten 1603 als „anerkannte Flüchtlinge“.

Wie Kriemhild Schmitz wurden zu Ende des Zweiten Weltkriegs 12 Millionen Menschen aus den Ostgebieten, also Ostpreußen, Schlesien und Ostpommern, vertrieben und kamen in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik. Zwischen 1945 und 1961 gelangten 20.616 Geflüchtete nach Lünen. Ab 1946 gab es insgesamt elf Flüchtlingslager. Die Bevölkerung stieg von 45.621 Einwohnern (1945) auf 72.590 (1961). Schon ab 1948 wurden neue Wohnungen gebaut; im August 1957 titelte die WR „Lünen überwindet Flüchtlingselend. Bis Oktober keine Notunterkünfte mehr“. Anfang der 1960er Jahre hatte über 28 Prozent der Lüner Bevölkerung, also jeder Vierte, einen Migrationshintergrund.

Hintergrund

Tag des Flüchtlings

Mit der Gründung der Organisation PRO ASYL im Jahr 1986 wurde auch der Tag des Flüchtlings ins Leben gerufen. Seitdem ist er integraler Bestandteil der Interkulturellen Woche, die auch in Lünen begangen wird. Der Tag des Flüchtlings findet immer am Freitag der Aktionswoche statt – 2020 ist der Termin der 2. Oktober. In diesem Jahr steht er unter dem Motto „Menschen und Rechte sind unteilbar“. Der Tag des Flüchtlings bietet die Gelegenheit, im Rahmen der Interkulturellen Woche noch einmal besonders auf die Themen, Flucht, Asyl, Migration und Seenotrettung aufmerksam zu machen – mit öffentlichen Aktionen, Themengottesdiensten, Gesprächsrunden oder anderen Formaten.

„Als Kind nahm ich alles wie es kam“, sagt Kriemhild Schmitz heute, „aber es war schon eine Schweinerei, dass die Polen uns einfach rausgeschmissen haben. Wir sind ja richtig Vertriebene, die haben uns alles genommen. Deswegen bin ich um meine jetzige Heimat sehr froh.“

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