Fritz Seibel erschießt 1932 einen Nazi in Lünen - und stirbt später im KZ

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Nach Tumulten in einer Kneipe erschoss Fritz Seibel 1932 einen führenden Lüner SA-Mann. Dafür landete er erst im Gefängnis. Neue Unterlagen zeigen jetzt, was aus ihm danach geworden ist.

Lünen

, 08.09.2020, 19:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit einem Kopfschuss streckte der Kommunist Friedrich „Fritz“ Seibel 1932 den führenden Lüner SA-Mann Emil Fröse nieder. Vor der „Jägerklause“ war das, mitten in der Lüner Innenstadt. Seibel, das hatten Recherchen dieser Redaktion schon ergeben, landete dafür im Gefängnis. Aus Emil Fröse wurde ein sogenannter „Blutzeuge“ für die Nazibewegung, ein Märtyrer, mit dem sich Anhänger der Ideologie identifizieren und über den sie sich radikalisieren konnten und weiterhin können.

Fritz Seibel jedoch geriet in Vergessenheit. Sechs Jahre Zuchthaus, so lautete das Urteil für den Mann, der in Lünen, später auch in Dortmund-Huckarde wohnte. Viel mehr war bisher nicht bekannt. Neue Unterlagen aus dem Landesarchiv NRW bringen jetzt Details zu seiner Verurteilung ans Tageslicht - und zeigen, dass Seibel nur wenige Jahre später starb.

Die Verurteilung

Neben verschiedenen Urteilen zu kleineren Strafsachen wie Widerstand oder Körperverletzung findet sich im Landesarchiv auch ein Schriftwechsel zum Prozess um den Tod von Emil Fröse. Im Juli 1932 wird der erste Brief veschickt, die Weimarer Republik geht zu diesem Zeitpunkt schon ihrem Ende entgegen, mittlerweile ist Franz von Papen Reichskanzler. Bei der Reichtstagswahl wird die NSDAP schon stärkste Fraktion - und in Dortmund steht der Prozess gegen Fritz Seibel an.

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Bemerkenswert: Der Fall macht über die Grenzen der Region von sich reden, der Generalstaatsanwalt in Hamm schickt extra einen Brief ans Preußische Justizministerium nach Berlin „zum gefälligen Bericht“. Er schildert da den Sachverhalt, wie er vor dem Landgericht in Dortmund verhandelt werden soll. Die Kurzfassung: Seibel betrat am 2. Juni mittags die Jägerklause, äußerte, er wolle mit bestimmten Menschen abrechnen und es werde „noch etwas passieren“. Als NSDAP-Mitglieder mit einem „Heil Hitler“ die Gaststätte betraten, gerieten sie mit Seibel in eine verbale Auseinandersetzung.

Der Wirt unterband das, allerdings ohne Erfolg und so setzte er alle vor die Tür. Seibel wehrte sich, zückte schließlich eine Pistole und erschoss vor der Gaststätte Emil Fröse, versuchte, weitere zu erschießen aber seine Waffe versagte den Dienst. Fröse war sofort tot, die Patrone steckte bei der Autopsie später noch im Kopf. Seibel wurde kurz danach mit der Pistole des Typs Mauser in der Hand festgenommen.

Sechs Jahre Haft für Totschlag

Auch die Anklageschrift schickt der Generalstaatsanwalt nach Berlin ins Justizministerium, verhandelt wird wegen Totschlags, Ende Juli ist das. Am 1. September 1932 schließlich kommt der Bericht über das Urteil in Berlin an: Seibel ist schuldig wegen Totschlags, versuchten Totschlags in zwei weiteren Fällen, Verstoßes gegen das Waffengesetz und gegen eine Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des inneren Friedens. Die Strafe: Zuchthaus, sechs Jahre.

Aus dem Gefängnis ins Konzentrationslager

25 Jahr später - der Krieg ist vorbei, Deutschland mitten in Wirtschaftswunder und Babyboom - füllt Seibels Schwester, Margarete Hildebrandt, in Dortmund-Huckarde einen Antrag auf Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung aus. Seibels Schwester lebt in Dortmund, dort wird auch über ihren Antrag entschieden. Aus ihren Antragsunterlagen wird klar, was aus Seibel nach der Haftstrafe geworden ist. Hildebrandt fügt dem Antrag nämlich eine Sterbeurkunde bei, ausgefüllt vom Standesamt Oranienburg. „Der Geschäftsführer Friedrich Seibel“, heißt es da, sei „am 19. Januar 1940 um 22.10 Uhr gestorben“ und zwar im Konzentrationslager Sachsenhausen, nordwestlich von Berlin. Todesursache: „Körperschwäche“, Seibel war 38 Jahre alt, hinterließ weder Frau noch Kind.

Am 4. Juni 1938 war Seibel aus der Haft entlassen, nachdem er die Strafe für den Schuss auf Emil Fröse verbüßt hatte. Nur zwölf Tage später wurde er erneut festgenommen. Ein paar Tage saß er im Polizeigefängnis in Hörde, schon am 22. Juni wurde er nach Sachsenhausen transportiert. Mehr als 200.000 Menschen waren dort zwischen 1936 und 1945 inhaftiert, politische Gegner des NS-Regimes wie Seibel, aber auch Juden, Sinti, Roma und Homosexuelle. Zehntausende kamen um, durch Hunger, Zwangsarbeit, medizinische Versuche oder systematische Vernichtungsaktionen der SS.

Zynische Rechnungen

Seibel überlebte dort keine zwei Jahre, genauer: 19 Monate, vier Tage. Die Zahlen sind wichtig, denn aus ihnen errechnet sich die Entschädigung, die Seibels Schwester zusteht. Jeder volle Monat im KZ bringt 150 D-Mark, das macht für die gesamte Zeit 2850 D-Mark. Für den Verdienstausfall in dieser Zeit, Seibel konnte seiner vorherigen Tätigkeit als Geschäftsführer ja im KZ nicht nachgehen, erhält seine Schwester 1425 Mark. Später erkämpft sie sich weitere 250 Mark - als Entschädigung für die Kleidung, die ihr Bruder beim Transport ins KZ trug. Im Bescheid ist vom „vorzeitigen Verschleiß der Bekleidungsgegenstände während der Haftzeit“ die Rede. Seibel trug: Einen Anzug (140 Reichsmark), ein Paar Schuhe (20 Reichsmark), ein Oberhemd und eine Krawatte (15 Reichsmark) und Unterwäsche (15 Reichsmark).

Damit war die Akte „Friedrich Seibel“ für die Behörden geschlossen. Sein Reisepass liegt auch im Münsteraner Staatsarchiv, darin eine schlechte Kopie des einzigen bisher bekannten Bildes von Seibel. Es zeigt ihn im Anzug, die Körperhaltung etwas geduckt, der Haaransatz schon zurückgegangen und der Blick direkt in die Kamera. Ausgestellt wurde er am 7. Dezember 1931 - fast genau ein halbes Jahr vor dem tödlichen Schuss in den Kopf von Emil Fröse.

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