Ex-Mitarbeiter der Steag: Petrolkoks war „nie ein großes Thema“ - keine Gefahr für Lünen?

hzGefährliche Raffinerie-Rückstände

Statt normalem Petrolkoks wurde im Lüner Steag-Kraftwerk und bei der Firma Microca gefährlicher Abfall verarbeitet. Der wurde von Shell falsch deklariert. War das gefährlich?

Lünen

, 17.01.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der von Shell Rheinland fälschlicherweise als Petrolkoks deklarierte gefährliche Abfall ist in Lünen bei zwei Unternehmen verarbeitet worden: Im Steag-Kraftwerk wurden nach Angaben des Umweltministeriums NRW zwischen 2001 und 2016 über 65.000 Tonnen davon zur Energieerzeugung verbrannt. Das hatte das Unternehmen auch gegenüber dieser Redaktion bestätigt.

65.000 Tonnen bei Steag, 22.300 bei Microca

Bei Microca an der Frydagstraße wurde das Petrolkoks nicht verbrannt, sondern zermahlen, knapp 22.300 Tonnen und das zwischen 2008 und 2012. Unklar war bisher, ob an beiden Standorten Gefahren für Mitarbeiter und die Bevölkerung bestanden haben. Schließlich sind laut Gesundheitsministerium vor allem die hohen Nickelsulfit-Werte in den verarbeiteten Raffinerie-Rückständen gefährlich - der Stoff gilt als hochgradig krebserregend.

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„Eine Gefährdung von Mitarbeitern/Menschen in der Region können wir nicht erkennen, da wir dieses Material im Kundenauftrag nur vermahlt haben und dieses Material danach hier wieder abgeholt wurde“, heißt es von Microca.

Die konkrete Zusammensetzung sei nicht bekannt gewesen und auch nicht geprüft worden. Es habe keinen Anlass zu Bedenken gegeben. In der Tat hatte die Bezirksregierung Köln die Deklarierung als Petrolkoks durchgewunken. Die Kontroll-Behörde, die Bezirksregierung Arnsberg, teilt auf Anfrage mit, dass es „diesbezüglich keine Arbeitnehmerbeschwerden“ gegeben habe.

Steag äußert sich offiziell nicht - ein Mitarbeiter schon

Strom-Erzeuger Steag erklärt auf Anfrage nach möglichen Gefahren, das Unternehmen wolle sich nicht mehr zu dem Thema äußern. Warum? „Ohne Angabe von Gründen“, heißt es.

Die Bezirksregierung Arnsberg hat unterdessen frühere Angaben des Unternehmens bestätigt, wonach vor Ort regelmäßig die Immissionswerte bestimmter Schwermetalle wie Arsen, Blei, Cadmium und Nickel überprüft worden seien. Es lägen „keine Anhaltspunkte für erhöhte Emissionen an Schwermetallen beim Einsatz von Steinkohle-Petrolkoks-Gemischen vor“, heißt es.

Es gebe außerdem keine Hinweise darauf, dass der Einsatz der gefährlichen Rückstände zu „nachteiligen Auswirkungen für die Bevölkerung geführt haben könnte“. Ob das gleiche auch für die Mitarbeiter gelte, lasse sich im Nachhinein nicht feststellen.

Raffinerie-Rückstände kamen per Lkw

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Ende 2018 heruntergefahrenen Kraftwerks berichtet auf Anfrage anonym, dass es bei neuen Verfahren immer Sicherheitseinweisungen gegeben habe und die Schutzausrüstung angepasst wurde. „Darauf legt Steag großen Wert.“ Das vermeintliche Petrolkoks sei von der Raffinerie per Lkw in Lünen angekommen.

Ein großes Thema sei das nicht gewesen, weil die Menge im Vergleich zur normalen Kohle so gering gewesen sei. Steag hatte angegeben, dass der Anteil nie höher als zwei Prozent gewesen sei. 20 Prozent wären erlaubt gewesen.

Ob die Zusammensetzung, und damit die gefährlichen Nickelsulfit-Werte, bekannt gewesen seien, weiß der Mitarbeiter nicht. Klar ist: Das hauseigene Labor hat üblicherweise Proben genommen, allerdings meist erst vom zu verfeuernden Gemisch.

Interesse der Allgemeinheit überwiegt

Die gefährlichen Raffinerie-Rückstände sind in insgesamt 24 Unternehmen in 20 Städten zum Einsatz gekommen. Welche Betriebe betroffen waren, hatte das Umweltministerium anfangs größtenteils nicht bekannt gegeben. Kurze Zeit später stellte das Ministerium fest, „dass in Bezug auf die zur Bekanntgabe vorgesehenen Daten das Informationsinteresse der Allgemeinheit und das Interesse der Betreiber an der Geheimhaltung der Daten überwiegt. “

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