Geschenk verschmäht: Abstrichkabinen aus Lünen gehen jetzt in die USA

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Der Lüner Spiegelhersteller Ares hat eine Kabine für Covid-Tests entwickelt. Er wollte sie verschenken und scheiterte hier an der Bürokratie. In Spanien und den USA nimmt man sie gerne.

Brambauer

, 20.05.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die alarmierenden Meldungen über fehlende Schutzanzüge für Ärzte in der Corona-Krise haben bei Michael Scheja den Erfindergeist geweckt. Der Entwicklungsleiter der Spiegelfirma Ares mit Sitz in Lünen-Brambauer hat sofort überlegt: „Was können wir da machen?“

Das Unternehmen baut individuelle Spiegel, sogar mit integriertem Fernseher. Hier sind neue Ideen an der Tagesordnung. „Wir haben alle modernen Anlagen da“, sagt Geschäftsführer Erkan Doganay.

Zubehör aus dem Laborbedarf

Scheja sah im Fernsehen Ärzte, die Abstriche für Covid-Tests nehmen. Der Bruder eines Mitarbeiters, ein Oberarzt, hat sich dafür eine Skibrille geliehen - weil es nichts anderes gab. In dem Moment reifte bei Scheja die Idee. „Es musste etwas sein, bei dem man nicht nach jeder Testung die volle Montur wechseln muss.“

Er entwarf eine Glaskabine, in der Ärzte rundum geschützt sind. Sie schlüpfen innen mit Hygienehandschuhen in zwei Riesenhände. Mit ihnen kann man hinter der Scheibe den Abstrich nehmen. Das Material der Handschuhe lässt keine Mikroorganismen durch. Scheja hat es beim Laborbedarf geordert.

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Lüner Firma entwickelt Abstrichkabine

Nach einer Woche war aus dem Entwurf ein Prototyp geworden. Mediziner äußerten sich begeistert. Geschäftsführer Erkan Doganay dachte an Lünen, den Kreis Unna, Heinsberg und Dortmund. Er wollte helfen und die Modelle verschenken. Doch niemand hier und in ganz Deutschland wollte sie haben.

Noch immer ist das für Doganay ein Rätsel. „Wir wurden von der Bürokratie zerrieben“, schildert Controller Amir Fahimi. „Schön und gut“, habe es immer geheißen, aber man sei nicht zuständig oder wisse nicht, wo man die Kabine hinstellen sollte. Krankenhäuser wollten sich melden und haben es dann doch nicht getan.

40 Kabinen für die USA

Dass das ganz anders geht, zeigten die US-Amerikaner. Über den Auslandsvertriebspartner sahen sie den Abstrichschutz und orderten gleich mal 40 Kabinen. „Da hat niemand gefragt, es gab direkt den Auftrag“, so Fahimi. Und auch die Spanier nahmen gleich zwölf. Erkan Doganay spricht von Anfragen, die sie gar nicht alle abarbeiten können. „Ich verstehe nicht, warum das nicht auch in Deutschland funktioniert“, sagt Scheja.

Die Kabinen aus Glasmodulen sind flexibel. Sie können hintereinander aufgebaut werden für Reihenuntersuchungen, oder einzeln wie Telefonzellen. Man kann sie mit Klimaanlage und Gegensprechanlage ausstatten, fest verschrauben und immer wieder verändern. „Am Flughafen beim Temperatur messen könnten auch mehrere Leute dahinter stehen“, so Scheja.

Unternehmen stellt in der Corona-Krise ein

3500 Euro kostet die Abstrichkabine, für die Ares inzwischen einen Gebrauchsmusterschutz angemeldet hat. In der Corona-Krise ist das Unternehmen auf der Gewinner-Seite. „Unsere Umsätze sind um 30 Prozent gestiegen“, sagt Firmengründer Erkan Doganay. Die Leute seien zuhause, schonten ihre Urlaubskasse und verschönerten ihr Heim - mit Spiegeln nach Maß und integrierter Beleuchtung, Unterschränken oder Küchenrückwänden.

Während andere Unternehmen in Kurzarbeit sind, habe Ares zehn Mitarbeiter eingestellt. Ein weiterer fängt am 1. Juni an. „Gute Leute werden momentan freigestellt. Wir stellen sie ein“, sagt Erkan Doganay.

In einer Garage begann 2013 die Erfolgsgeschichte des Spiegelherstellers. Seitdem ist Ares auf Wachstumskurs. Der studierte Wirtschaftsingenieur Erkan Doganay brauchte 2017 mehr Platz und zog von Selm nach Lünen-Brambauer an die Wilfried-Diekmann-Straße auf dem ehemaligen Achenbachgelände I/II.

Verstehen nicht, warum das Geschenk der Abstrich-Kabine der Firma ARes in Deutschland keine Verwendung fand: Controller Amir Fahimi (l.), Geschäftsführer Erkan Doganay und Entwicklungsleiter Michael Scheja,.

Verstehen nicht, warum die Abstrich-Kabine der Firma Ares in Deutschland niemand haben wollte: Controller Amir Fahimi (l.), Geschäftsführer Erkan Doganay und Entwicklungsleiter Michael Scheja. © Quiring-Lategahn

2019 wurde die zweite Halle gebaut, inzwischen ist die dritte geplant. Computergesteuert ist der Maschinenpark. 75 Mitarbeiter, darunter vier Auszubildende, sind für Ares tätig. Das Unternehmen liefert europaweit und jetzt auch Abstrichkabinen in die USA.

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