Die Gewerkschaft Verdi beobachtet mit großer Sorge die bevorstehende Öffnung der Kindertagesstätten (Kitas). Wir haben darüber mit Lüner Kita-Trägern und -Mitarbeitern gesprochen.

Lünen

, 01.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer mit Kindern in Kontakt ist, weiß: Die Abstandsregeln, die mit der Corona-Pandemie in Kraft getreten sind, sind hier nur schwer umsetzbar. Wenn sich ab 8. Juni, gemäß der NRW-Verordnung, wieder alle Kindergarten-Kinder in den Einrichtungen tummeln, erhöht sich das Infektionsrisiko des Kitapersonals erheblich, so die Befürchtung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi).

„Daher begrüßt Verdi die Ausweitung der Corona-Testungen, wie sie in den aktuellen Beratungen im Deutschen Bundestag zum Zweiten Bevölkerungsschutzgesetz vorgesehen sind“, heißt es in einer Pressemitteilung vom 15. Mai.

„Regelmäßige und symptomunabhängige Tests des Personals sind nicht nur in Krankenhäusern sowie Senioreneinrichtungen notwendig, sondern vor

allem auch in den Kindertageseinrichtungen“, sagt Martin Steinmetz, vom Verdi-Fachbereich Gemeinden im Bezirk Westfalen laut Pressemitteilung:

„Da offensichtlich ein starker Rückgang an Infektionen zu verzeichnen ist, muss davon ausgegangen werden, dass auch die erforderliche Infrastruktur für Testungen zur Verfügung steht.“

Mehr Tests der Kitabeschäftigten bedeuteten auch mehr Sicherheit und Verlässlichkeit in der Betreuung der Kinder“, erklärt Yvonne Ellerbrock, Verdi-Vorsitzende der Fachkommission Kita. Da die Tests der epidemiologischen Gefahrenabwehr dienten, seien sie aus Steuermitteln zu finanzieren.

Kein klares Stimmungsbild

Hört man sich jedoch unter Lüner Kita-Trägern und Mitarbeitenden um, ergibt sich ein ambivalentes Stimmungsbild bezüglich der Tests:

„Wie die Stadt Lünen mit der Möglichkeit eines eingeschränkten Regelbetrieb in Kitas und Tagespflegestellen umgeht, wird derzeit erörtert, auch in Absprache mit den anderen Kommunen im Kreis Unna“, sagt Benedikt Spangardt, Pressesprecher der Stadt Lünen, die auch Träger vieler Kindertageseinrichtungen in der Lippestadt ist.

„Die Stadt würde eine zügige und verlässliche Testung der Kolleginnen und Kollegen in den Kitas in Verdachtsfällen oder bei Auftreten von Symptomen begrüßen. Falls flächendeckend getestet werden soll und kann, müsste dies aus Sicht der Stadt regelmäßig geschehen. Grundsätzlich ließe sich die Frage nach flächendeckenden Testungen in der Kindertagesbetreuung nur im Verbund mit allen Trägern in Lünen klären“, sagte Spangardt weiter. Ein Gespräch mit einer der Leitung einer städtischen Kita konnte „aufgrund der noch unklaren Situation“ nicht stattfinden.

„Ich würde viel lieber wissen, ob ich schon Corona hatte und einen Antikörpertest machen“, sagt Christine Merten, pädagogische Leiterin der Elterninitiative Kinderhaus Lünen. „Ich frage mich: was erreicht man mit diesen Tests? Und: Ist es sinnvoll ausgegebenes Steuergeld?“ Für sich selbst brauche sie einen solchen Test nicht: „Ich selber fühle mich nicht gefährdet, auch wenn wir wegen des engen Kontakts zu den Kindern zur Risikogruppe gehören. Wenn aber einzelne Mitarbeiter eine solche Testung wünschen, unterstütze ich das natürlich.“

„Kinder sind keine Infektionsträger“

Jochen Schade-Homann, Geschäftsführer der evangelischen Kindertageseinrichtungen in Dortmund, Lünen und Selm findet noch klarere Worte: „Nach der Einschätzung des RKI ist es nicht nachgewiesen, dass Kinder besondere Infektionsträger sind. Und mir ist auch nicht bekannt, dass sich Erzieherinnen während der Zeit der Notbetreuung im Kindergarten angesteckt haben, sondern wenn dann außerhalb. Deshalb haben wir auch keine Einrichtung geschlossen.“

Mit der Rückkehr zum Regelbetrieb gebe es natürlich noch einmal eine deutliche Anhäufung an Personen. Das Risiko hierbei könne aber minimiert werden, indem man die Hygienevorschriften konsequent umsetzt. „Wirklich sinnvoll ist das nur, wenn man auch jede Woche testet und ob das aus medizinischer Sicht sinnvoll ist, weiß ich nicht“, so Schade-Homann. „Aber natürlich würde ich mich auch nicht dagegen sträuben. Meines Erachtens hätte eine solche Forderung aber wenn dann viel früher kommen müssen.“

Da sehr viele Kinder schon seit Wochen die Notbetreuung nutzen und jetzt auch die Vorschulkinder dazu gekommen sind - am Donnerstag (28. Mai) besuchten 205 Kinder die Lüner Einrichtungen der evangelischen Kirche, insgesamt gibt es 460 Plätze, sei es jetzt eigentlich schon zu spät. Eine der sieben evangelischen Einrichtungen, die es in Lünen gibt, ist die der Martin-Luther-Kindergarten in Brambauer.

„Auf Antikörper testen“

„Wir fänden es wichtiger auf Antikörper getestet zu werden“, sagt auch die stellvertretende Leiterin Anja Bier-Holterbork, „um zu wissen ‚ich stecke niemanden an‘. Sonst könnte man ja jeden Tag testen.“

Und auch Sebastian Laaser, Pressesprecher der Awo Ruhr-Lippe-Ems, die in Lünen sieben Einrichtungen betreibt, fordert die Testungen nicht in der Vehemenz, wie Verdi:

„Natürlich wäre das schön, aber diese Forderung ist ein bisschen unpraktikabel. Denn es wären häufige Tests erforderlich.“ Wichtiger sei es, die Kinder zur Hygiene zu erziehen und dabei auch die Eltern miteinzubeziehen. „Das Risiko bleibt: Bei uns kommen alle eng zusammen. Das kann auch durch einen einmaligen Corona-Test nicht ausgeräumt werden“, so Laaser.

Ute Fleichmann, Leiterin der Awo-Kita „Haus der kleinen Racker“, stimmt ihm da zu: „Die können uns jetzt alle testen, aber was morgen ist, weiß keiner. Aber ich vertraue auf die Eltern, sich an die Vorgaben zu halten. Dann kann mir ja eigentlich nichts passieren. Ich fühle mich nicht gefährdet.“

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