Heimat im Herzen: Schlesierverein in Brambauer trotzt allgemeinem Trend

hzFlüchtlinge und Vertriebene

Die Zeiten, als es in nahezu jeder Stadt einen Schlesierverein gab, sind vorbei. Ob in Waltrop, Bochum oder Oer-Erkenschwick: Die Vereine haben sich aufgelöst. Brambauer ist eine Ausnahme.

Brambauer

, 10.09.2020, 08:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Schlesierverein in Brambauer hat ein stolzes Alter: 109 Jahre. Es war der 11.11.1911, als Bergarbeiter aus Schlesien in ihrer neuen Heimat Brambauer den Schlesierverein ins Leben riefen. Die Chronik nennt die Gründungsmitglieder Kuhnt, Koppe, Kühnöl und Kaps. Die vier eint nicht nur, dass ihre Namen mit K begannen. Alle waren außerdem Männer. Weibliche Mitglieder waren damals noch gar nicht vorgesehen. Heute sind es fast nur noch Frauen, die den Verein am Leben halten. An seiner Spitze steht seit 2003 ebenfalls eine Frau: Krimhild Schmitz.

Auch Menschen, die nie in Schlesien waren, kommen

Ältere Mitglieder sterben, jüngere folgen nicht nach. Diese Entwicklung, die in anderen Schlesiervereinen zu beobachten ist, kennt auch Krimhild Schmitz. In Brambauer seien die Treffen - zumeist Kaffeetrinken in gemütlicher Runde - aber immer noch so beliebt, dass die Tafel voll werde. „Manche kommen aus anderen Städten zu uns“, sagt sie. Manche auch, die gar keine familiären Bindungen zu Schlesien hätten. Der Grund: die gute Gemeinschaft in Brambauer. Etwas anderes macht Schmitz aber Sorgen: die Corona-Pandemie

Corona-Pandemie macht Sorgen

Wegen ihr musste schon das Frühlingsfest ausfallen. Und ob das Weihnachtsfest stattfinden kann, steht noch in den Sternen. Umso wichtiger sei es, an die Gemeinschaft zu erinnern: „Uns gibt es noch“ - auch wenn die Zahl der Mitglieder von mehr als 600 in den 1950er-Jahren auf inzwischen 20 gesunken ist.

Einer, der seit Jahrzehnten die Geschicke des Vereins prägt, ist der Ehrenvorsitzende: Ernst Hudecki (89). Er stand von 1982 bis 2003 an der Spitze des Vereins, bis Krimhild Schmitz den Vorsitz übernahm. Seine Lebensgeschichte spiegelt das Schicksal vieler, die sich in schlesischen Vereinen zusammengeschlossen hatten.

Hudecki wurde am 12. Januar 1931 im oberschlesischen Bielitz, dem heute polnischen Bielsko-Biała geboren. Er kann berichten von der Vertreibung aus der Heimat, von Kriegsgefangenschaft seines Vaters Oswald und der Internierung seiner Mutter Anna. Nach Zwischenstation im niedersächsischen Northeim kam Ernst Hudecki 1947 nach Brambauer. Das war kein Zufall.

Ein schlesisches Schicksal: Ernst Hudecki

Adolf Spiekermann, der Bruder von Oswald Hudecki, lebte schon in Brambauer - wie so viele andere auch. Der aufblühende Ruhr-Bergbau Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Arbeitskräfte aus dem Osten angelockt.

Ernst Hudecki machte eine Lehre als Maurer. Die hatte er schon in Northeim begonnen. „Bei Schlabs in Brambauer brachte ich sie zum erfolgreichen Abschluss“, erzählt er. Nach einem Abstecher als Schlepper auf der Brambauer Zeche Minister Achenbach wechselte er einige Jahre später die Arbeitsstelle. „Bis zum Eintritt in die Rente arbeitete ich dann wieder als Maurer.“ Seitdem hatte er noch mehr Zeit für die ehrenamtliche Arbeit im Schlesierverein, in den er bereits 1947 eingetreten war.

Wie Vertriebene und Flüchtlinge die Stadt geprägt haben

In diesem Jahr 1947 hatte Lünen 53.129 Einwohner, wie der Lüner Archivar Fredy Niklowitz berichtet. Davon waren 4901 Menschen Flüchtlinge und Vertriebene. Ihre Zahl stiegt bis 1961 auf mehr als 20.000 - 28 Prozent der Gesamtbevölkerung. Für die Stadt Lünen war das eine Herausforderung, neuen Wohnraum zu schaffen. Ab 1948 sei verstärkt gebaut worden für Heimatvertriebene und Flüchtlinge, so Niklowitz: „Ganze Straßenzüge wurden aus dem Boden gestampft. In Gahmen, wo sich die Einwohnerzahl von 1946 bis 1950 verdoppelte, waren unter anderem die Häuser der Straße Im Hasener ausschließlich für Flüchtlinge bestimmt.“ In Horstmar habe sich der Wohnraum bis 1968 verdoppelt.

Hudecki hat die Stätten seiner Kindheit, die er zusammen mit den anderen Vereinsmitgliedern in Liedern, Geschichten und im Dialekt wach hielt, wiedergesehen. „1990 habe ich meiner mittlerweile verstorbenen Ehefrau Ingrid meine alte Heimat gezeigt.“

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