Annika Fränzer verkauft an ihrem Stand auf dem Lüner Wochenmarkt Obst, Gemüse, Eier und weitere Lebensmittel. Obwohl die Preise regelmäßig steigen, kommen die Kunden gerne zu ihr. © Julian Preuß
Inflation

Höhere Preise: Warum Lebensmittel auf dem Lüner Markt immer teurer werden

Als Händlerin auf dem Lüner Wochenmarkt muss Annika Fränzer (31) fast wöchentlich ihre Preise anpassen - oft nach oben. Sie erklärt, warum das so ist und was Corona damit zu tun hat.

Am Stand von Annika Fränzer auf dem Lüner Wochenmarkt herrscht vormittags Hochbetrieb: Bananen für 1,99 Euro pro Kilo, kernlose Weintrauben für 3,40 Euro pro 500 Gramm und Eier der Handelsklasse A in Größe L aus Freilandhaltung für 27 Cent pro Stück. Kundinnen und Kunden reihen sich vor den Auslagen auf, die mit Obst, Gemüse und weiteren Lebensmitteln gefüllt sind.

Eine ältere Dame überreicht Fränzer zum Dank eine Tafel Schokolade, nachdem sie ihr den Einkaufsbeutel herübergereicht hat. „Bis Freitag“, verabschiedet sich die Kundin. Die Menschen kommen offensichtlich gerne an Fränzers Stand, um einzukaufen. Und das, obwohl sich die Preise in den letzten Wochen und Monaten spürbar erhöht haben.

Inflation steigt um 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr

So gab das Statistische Landesamt in Nordrhein-Westfalen (NRW) an, dass der Verbraucherpreisindex im Land von Juli 2020 bis Juli 2021 um 4,1 Prozent gestiegen ist. Der Verbraucherpreisindex ist gleichzusetzen mit der Inflationsrate. Sie zeigt „monatlich die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen an, die private Haushalte in Deutschland für Konsumzwecke kaufen“, definiert das Statistische Bundesamt auf seiner Internetseite. Eine Inflationsrate von 4,1 Prozent bedeutet also, dass die Preise für Waren und Dienstleistungen in NRW in zwölf Monaten um 4,1 Prozent gestiegen sind.

Schilder auf dem Lüner Wochenmarkt zeigen an, was das Obst und Gemüse kosten soll. Die Standinhaberin muss die Schilder regelmäßig korrigieren.
Schilder auf dem Lüner Wochenmarkt zeigen an, was das Obst und Gemüse kosten soll. Die Standinhaberin muss die Schilder regelmäßig korrigieren. © Julian Preuß © Julian Preuß

Zu diesen Waren gehören unter anderem auch zahlreiche Lebensmittel. Folglich spüren auch die Kundinnen und Kunden von Annika Fränzer die Preiserhöhung. „Im letzten Jahr hat man das noch nicht so doll bemerkt, in diesem Jahr aber deutlich“, sagt Fränzer. Es gebe allerdings Differenzen zwischen den Preisen auf dem Wochenmarkt und großen Supermarktketten wie Rewe oder Aldi.

Die Händlerin weiß, warum: „Die Supermärkte haben oft Fünfjahresverträge. An diese sind die Einkaufspreise dementsprechend gebunden. Als Großkonzerne nehmen sie außerdem ganz andere Mengen ab als wir.“ Auch das drücke die Einkaufspreise für die Supermärkte nach unten.

„Bei uns sind nahezu alle Lebensmittel teurer geworden“, sagt Fränzer. Sie betreibt den Stand in der dritten Generation. Die Produktpallette habe sich in den letzten Jahren stark erweitert. Dazu gehören zahlreiche Apfelsorten. An denen zeige sich die Preiserhöhung deutlich. „Vor vier, fünf Jahren hat ein Kilo noch 1,49 Euro gekostet, im letzten Jahr lag der Preis bereits bei 1,99 – Tendenz steigend“, sagt die 31-Jährige. Und in der Tat: Wer derzeit bei Fränzer Äpfel kaufen möchte, sieht Preise jenseits der Zwei-Euro-Marke. Grund dafür sei ebenfalls die aktuelle Apfelernte.

Corona-Pandemie trägt Mitschuld an der Preiserhöhung

Eine Mitschuld an der Preisentwicklung tragen zudem die Folgen der Corona-Pandemie. „Viele Landwirte mussten für die Erntehelfer separate Wohncontainer aufstellen lassen, damit nicht so viele Menschen auf engem Raum zusammenleben“, sagt Fränzer. Für die Landwirte seien daher die Kosten gestiegen. Daher würden die Einkaufspreise für Markthändler steigen und so ebenfalls die Preise für die Endverbraucher.

Im Idealfall soll die Gewinnmage für die Händler 100 Prozent betragen, so Fränzer. Ein vereinfachtes, theoretisches und fiktives Beispiel: Wenn Fränzer ein Kilo Äpfel für 2,50 Euro an ihrem Stand anbietet, musste sie dafür etwa 1,25 beim Großhändler bezahlen. Da der Gewinn optimalerweise 100 Prozent betragen soll, liegt der Endpreis für die Kundinnen und Kunden beim Doppelten des Einkaufspreises – also 2,50 Euro in diesem Beispiel. In der Praxis funktioniere diese Rechnung jedoch nicht oft. „Es gibt viele Artikel, bei denen der Gewinn nur bei rund 80 Prozent liegt.

Ein weiterer Faktor, der für die Preiszusammensetzung wichtig ist, ist der Transport. „Wir kaufen zweimal pro Woche ein“, erklärt Fränzer. Dementsprechend viel Treibstoff wird benötigt. Und vor allem der Blick zu den Zapfsäulen macht aus Sicht vieler Autofahrer Sorgen. An der Hem-Tankstelle an der Münsterstraße zahlen sie 1,58 Euro für einen Liter Super. Mit 1,59 Euro verlangt die Aral-Tankstelle an der Cappenberger Straße einen Cent mehr (alle Angaben Stand 28.9., 12 Uhr).

25 Cent mehr für einen Liter Benzin

Auf Nachfrage dieser Redaktion erklärt der Mineralölwirtschaftsverband, dass sich die Kraftstoffpreise in Deutschland seit Jahresbeginn deutlich erhöht haben. „Der Liter Benzin verteuerte sich im Bundesdurchschnitt um 25 Cent, der Liter Diesel um 18 Cent. Gründe sind die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz, zweitens der neue CO²-Aufschlag und drittens der deutlich gestiegene Ölpreis. Speziell bei Benzin kommt die stark gestiegene Produktnachfrage aufgrund der allmählichen Überwindung der Corona-Krise hinzu“, schreibt der Verband.

Annika Fränzer hofft, dass sich die Preise wieder einpendeln und nicht weiter extrem steigen. Trotzdem rechnet sie nicht damit, dass künftig immer weniger Menschen auf dem Lüner Wochenmarkt einkaufen. „Wir leben von vielen Stammkunden, haben auch Laufkundschaft“, erläutert die Händlerin und ergänzt: „Zudem werden immer Lebensmittel gebraucht.“ Ans Aufhören verschwendet sie auch deshalb keinen Gedanken, weil ihr der Job Spaß macht. Und die Kundinnen und Kunden danken es ihr. Manchmal sogar mit Schokolade – trotz gestiegener Preise.

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