Homeschooling: Folgen für Schüler werden erst im Sommer 2021 deutlich

hzErziehungsberatung

Normaler Unterricht - das wird wohl so schnell nicht möglich sein. Die Folgen für die Schüler werden wohl erst so richtig im zweiten Halbjahr des nächsten Schuljahres spürbar.

Lünen, Selm, Werne

, 06.06.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eltern, die nicht nur im Homeoffice arbeiten, sondern sich auch ums Homeschooling ihrer Kinder kümmern - das birgt Zündstoff in sich. Das wissen Margret Banken-Konrad, Bereichsleitung der Familienberatung des Caritas-Verbandes Lünen Selm Werne und ihr Kollege, der Diplom-Sozialpädagoge Rafael Holtwick aus vielen Gesprächen mit Familien.

Individuelle Lösungen statt Patentrezept

Ein Patentrezept, wie Homeschooling perfekt funktionieren kann, gibt es nicht. „Die Situation jeder Familie ist individuell, außerdem sind die Regelungen von Schule zu Schule, Schulform zu Schulform und Lehrer zu Lehrer verschieden“, so Holtwick, der Homeschooling auch bei den eigenen Töchtern erlebt.

Weil die Situation vorher noch nie da war, müssen auch die Lehrer experimentieren. „Da gibt es welche, die eine individuelle Betreuung bieten,“ so Holtwick.

Rafael Holtwick ist als Diplom-Sozialpädagoge in der Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder des Caritasverbandes Lünen tätig.

Rafael Holtwick ist als Diplom-Sozialpädagoge in der Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder des Caritasverbandes Lünen tätig. © Magdalene Quiring-Lategahn (A)

Klar ist aber, dass der Schulstoff derzeit gar nicht komplett vermittelt werden kann. Holtwick: „Die Lücken werden erstmal nicht auffallen. Aber spätestens im zweiten Halbjahr des nächsten Schuljahres werden sie sich zeigen.“ Von diesen Wissenslücken betroffen sein werden vor allem die nächsten Abschlussklassen der weiterführenden Schulen, aber auch die künftigen Viertklässler, die 2021 dann an die weiterführenden Schulen wechseln.

Klar sei auch, dass man von Schülern, die schon vor Corona eher leistungsschwach waren, nicht erwarten könne, dass sie durch das Homeschooling besser geworden sind.

Anmeldungen für Beratungssgespräche sind telefonisch möglich, Tel. (02306) 7004 1110.

Margret Banken-Konrad fürchtet, dass möglicherweise die Hauptschüler auch die Verlierer der Corona-Krise sein werden, weil ihnen der Erklär-Unterricht fehle. Genauso wie Kinder aus bildungsfernen Familien. Auch, weil ihnen die Tagesstruktur, die ihnen der Schulbesuch bietet, nun fast komplett fehlt.

Nach einer dreiwöchigen Pause, bei der Beratungen nur telefonisch möglich waren, können sich Familien seit 11. Mai wieder persönlich vom Team beraten lassen - nach Terminabsprache. „Wichtig ist, dass Eltern, die Gesprächsbedarf haben, gerne kommen können. Am besten nicht erst, wenn sich die Probleme schon haushoch türmen“, so Holtwick. Die Beratung ist kostenlos und die Berater unterliegen der Schweigepflicht.

Margret Banken-Konrad berät Eltern beim Thema Erziehung.

Margret Banken-Konrad berät Eltern beim Thema Erziehung. © Victoria Maiwald (A)

„Uns ist es wichtig, die Eltern dahingehend zu beraten, dass sie vor allem auf die Beziehung zu ihren Kindern achten sollen. Nicht nur darauf, was die Kinder zuhause lernen. Manche Eltern wollen 100 Prozent des Lehrstoffes vermitteln oder sogar noch mehr. Andere Eltern können ihren Kindern wiederum gar nicht helfen“, so Margret Banken-Konrad.

Alleinerziehende sind besonders belastet

Auch Eltern, die selbst Lehrer sind, stünden vor den gleichen Problemen wie andere Familien. Besonders belastet sind Alleinerziehende, die sich um ihre Kinder im Homeschooling und zugleich um ihre Arbeit kümmern müssen. „Da gibt es oft auch noch wirtschaftlichen Druck, der auf den Eltern lastet,“ so Holtwick.

Die derzeitige Situation treffe vor allem Mütter - egal ob alleinerziehend oder in einer Beziehung. „Die Belastung ist groß. Mütter haben den Anspruch, das Beste für ihre Kinder zu tun und gleichzeitig ihrer Arbeit gerecht zu werden“, so Margret Banken-Konrad.

Chancengleichheit noch weiter entfernt als vor Corona

Ein hohes Risiko für Probleme gebe es in Familien, wo schon vor der Corona-Krise angespannte Verhältnisse herrschten. „Hier waren Lehrer oft Ansprechpartner oder haben beobachtet, wenn Kinder Probleme haben. Das fällt jetzt seit längerem weg“, sagt Holtwick. Chancengleichheit sei schon vor Corona leider nicht gegeben gewesen, nun gehe die Schere zwischen Schülern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien noch weiter auseinander. Margret Banken-Konrad befürchtet: „Manche Kinder werden uns bildungsmäßig verloren gehen.“

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