Für Tiere und ihre Besitzer sieht die Hundetrainerin gefährliche Folgen aus dem Lockdown. © picture alliance/dpa
Lockdown

Hundetrainerin befürchtet mehr Beißereien durch Lockdown in Lünen

Hunde leiden unter dem Lockdown. Ihnen fehle die Ausbildung in der Hundeschule, Welpen könnten das Verpasste nicht aufholen, sagt eine Hundetrainerin. Sie sieht gefährliche Folgen.

Normalerweise tollen auf dem Gelände des Internationalen Rasse-, Jagd-, Gebrauchshundeverbandes (IRJGV) Lünen zahlreiche Hunde herum. Sie toben mit ihren Artgenossen, trainieren mit ihren Haltern oder lernen in der Welpen- und Junghundeschule, wie sie sich im Alltag verhalten sollen. Doch seit Oktober 2020 ertönt auf der 9000 Quadratmeter großen Fläche kein freudiges Bellen mehr. Der Corona-Lockdown verhindert Ausbildung und Sport der Hunde. Die erste Vorsitzende Simone Aulich (49) sorgt sich um die Sozialisation der Vierbeiner. Sie wagt eine düstere Prognose.

Aulich beobachtet, dass sich während der Corona-Pandemie immer mehr Menschen einen Hund – entweder als Welpe oder aus dem Tierschutz – angeschafft haben. „Den Leuten steht mehr Zeit zur Verfügung“, meint sie. Zeit, die sie mit ihren neuen tierischen Freunden verbringen möchten. Doch grade diese Entwicklung könnte den Hunden zum Verhängnis werden.

Im Einzeltraining fehlt der Kontakt zu anderen Hunden

Denn Hundeschulen – darunter auch die 18 ehrenamtlichen Trainerinnen und Trainer des IRJGV Lünen – können seit Oktober 2020 nicht mit den Hunden arbeiten. Obwohl sie zumindest mit einem Tier und deren Halter trainieren dürften. Bei etwa 150 aktiven Vereinsmitgliedern sei das nicht zu stemmen. Außerdem mache Einzeltraining mit Hunden keinen Sinn, wie Aulich verrät.

„Die Tiere brauchen den Kontakt mit anderen Hunden, um den Umgang mit ihnen zu lernen. Nur so können sie sich sozialisieren“, sagt die erste Vorsitzende. Besonders für Welpen sei diese Situation kritisch. „Die Welpen-Phase ist für Hunde eine sehr prägende und wichtige Zeit. Dinge, die sie währenddessen lernen, behalten sie ihr Leben lang“, erklärt Aulich. Nachholen können Hunde die verpassten Erfahrungen in diesem Zeitraum nicht mehr. Die Folgen seien vorprogrammiert.

Durch Beißereien steigt die Verletzungsgefahr für Hund und Mensch

Aulich geht davon aus, dass es öfter zu Beißereien zwischen Hunden komme: „Halter gehen mit ihren Welpen, Junghunden, kleinen und großen Tieren auf die öffentlichen Hundewiesen, damit sich die Hunde austoben können. Dabei sind die Tiere nicht an den Umgang miteinander gewöhnt.“ Dadurch könnten sich die Hunde schwerwiegende Verletzungen zufügen.

Für die Menschen sei es ebenfalls nicht ungefährlich, mit untrainierten Hunden zusammenzuleben. „Ich habe schon von Fällen gehört, in denen Hunde ihre eigenen Halter angegriffen haben“, sagt die 49-Jährige. Die Tiere wüssten ebenfalls nicht, wie sie auf Menschen im Rollstuhl oder Personen an Krücken reagieren sollen.

Das Training in Kleingruppen bleibt untersagt

Eben jene Situationen des alltäglichen Lebens üben die Trainerinnen und Trainer des IRJGV Lünen normalerweise zweimal pro Woche mit Mensch und Tier. Das war vor der Corona-Pandemie. „Bevor der Lockdown im November gestartet war, durften wir immerhin in Kleingruppen trainieren. Das würde uns schonmal weiterhelfen“, sagt Aulich.

Das Trainerteam des IRJGV Lünen wartet darauf wieder mit den Hunden trainieren zu dürfen. Hinten von links: Monika Loß, Marius Müller, Andrea Schütz, Brigitte Herking, Sandra Behrens, Sebastian Verbnik, Sabrina Jakmann, Denise Vogt-Dahl, Wibke Westermann, Tatjana Lippelt, Patrick Grohs, Simone Aulich (erste Vorsitzende) und Michaela Strasdun. Vorne von links: Martina Denninghoff, Burkhard Kirchner (stellv. Vorsitzende), Sabine Kirchner, Mario Schütz, Nadine Trempler. © Simone Aulich © Simone Aulich

Dass Kinder bis 14 Jahre bei einer Inzidenz über 100 in einer Gruppe von maximal zehn Personen draußen gemeinsam Sport treiben dürfen, aber Hundetraining in Kleingruppen verboten ist, sei für viele Vereinsmitglieder nicht mehr nachvollziehbar.

„Wir können auf ein funktionierendes Hygienekonzept zurückgreifen“, sagt Aulich. Sie verweist auf den separaten Ein- und Ausgang sowie das geschlossene Vereinsheim. Das Areal ist zudem in acht Bereiche unterteilt. So finde kein Austausch außerhalb der Gruppen statt.

„Wir haben in den Kleingruppen ebenfalls Masken getragen, obwohl das nicht notwendig war“, schaut sie zurück. Aulich sieht die Situation der untrainierten Hunde von der Politik nicht beachtet. Sie wünscht sich eine differenziertere Betrachtungsweise und hofft, dass auf dem weitläufigen Vereinsgelände wieder Hunde herumtoben dürfen.

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