"Ich wollte Musik im Mutterland des Jazz entwickeln"

Lüner in den USA: Peter Gresch

Der Lüner Peter Gresch wird bald nicht nur den deutschen, sondern auch den amerikanischen Pass haben. Er stammt aus der bekannten Gresch-Familie, die untrennbar mit der Theatergruppe „Kulisse“ aus Lünen verbunden ist, und lebt schon weit über 20 Jahre in den USA - im Neuengland-Staat Rhode Island.

LÜNEN/TOUISSET POINT

, 30.08.2016, 15:16 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zunächst die Basics – wie alt sind Sie, welchen Beruf haben Sie in Deutschland gelernt?

Geboren wurde ich am 13. Dezember 1962 in Lünen. In Deutschland hab ich keine berufliche Ausbildung absolviert. Ich bin seit dem 10. Lebensjahr Schlagzeuger (Jazz hauptsächlich) und Percussionist (World Music als Hauptaugenmerk). Angefangen habe ich bei der Musikschule Lünen und habe dort die ersten rhythmischen Grundlagen von Artur Roszak und Michael Peters erlernt.

Wie wichtig ist die Musik für Sie?

Die Musik ist sowohl Berufung als auch immer wieder Beruf, obschon ich das Finanzielle mit einem „Life Style Store“, den meine Frau Beth und ich seit 22 Jahren in Neuengland haben, bestreite. Die berufliche Identität wird in den USA weniger von einer traditionellen Anstellung bestimmt, als von dem, was einen hauptsächlich beschäftigt. Hier wird eher gefragt: „What lights you up?“ (was treibt dich an, was macht dich glücklich?). Dass der Unterhalt bei Menschen, die in der Kunst tätig sind, aus mehreren Quellen fließt, wird als Regel angesehen.

Warum sind Sie in die USA ausgewandert?

Einerseits der Musik wegen. Ich wollte meine Musik im Mutterland des Jazz entwickeln. Andererseits auch, und das nun mit einer guten Portion Rückblende, war ich als junger Mensch eher an faszinierendem Neuland interessiert als an konsequenter Berufsausbildung.

Schildern Sie kurz Ihren Werdegang in den Staaten.

Das war oftmals eine ziemliche Odyssee durch mehrere berufliche Sparten (Musikunterricht an der Musikschule in Providence (Rhode Island), Handwerk (Dachdecker, Zimmermann, Gärtner)) und natürlich als Künstler. Ich habe auch in den USA als Schauspieler gearbeitet und als klassischer Sänger, und seit 1994 als „Interior Designer“ (Gestalter für Räume) und Kleinkunsthändler und Antiquitätenhändler. Und das alles oftmals zur gleichen Zeit.

Haben Sie Ihren Entschluss auszuwandern jemals bereut?

Keinen Moment. Es war sicherlich selten einfach, vor allem die ersten zehn Jahre, wo ich mich hier als illegaler Einwanderer durchschlug. Mein erstes Zimmer hatte keine Heizung, und Arztbesuche wurden auf Raten abbezahlt. Aber ich bin ja auch nicht nach Amerika gekommen, weil ich es „einfach“ haben wollte. Die Vielfalt des Lebens ist immer noch, was mich antreibt – das macht mich glücklich.

Ihre Mutter und Ihre Geschwister leben ja in Lünen und Umgebung. Wie oft sind Sie noch hier?

Normalerweise jedes Jahr. Oder sie besuchen mich auf Touisset Point, wo Beth und ich seit 15 Jahren eine Bleibe nahe am Wasser, ein kleines Cottage am Meer, haben.

Sehen Sie große Unterschiede zwischen dem Alltag in Ihrer neuen Heimat und in Deutschland?

Ich kann ja nur für die Neuengland-Staaten sprechen. Amerika sehe ich weniger als eine homogene Einheit, sondern es besteht aus vielen sehr diversen Gebieten. Man sollte so was nie pauschal ausdrücken, aber ich lehne mich mal hier weit aus dem Fenster und sage: Das, was mich an Amerika fasziniert, ist eine egalitäre Lebensphilosophie.

Gehe hin und fülle deine Tage damit, was dir als dein Glück erscheint (auch wenn es anderen eher fragwürdig vorkommen mag). Oder wie man hier so salopp sagt: „Whatever floats your boat“ (was immer dein Boot antreibt). Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten enthält das als eines der drei Grundprinzipien: Leben, Freiheit, Streben nach Glück.

Sie bekommen nun auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Was bedeutet Ihnen das?

Ich behalte die deutsche Staatsbürgerschaft bei, und somit ist es eher eine Erweiterung meines Freiraums als eine Neubegrenzung. Aber ich lebe hier seit fast 30 Jahren, und es ist somit eine formale Festlegung von dem, was psychologisch schon seit langem besteht: ich bin Deutsch-Amerikaner.

Dürfen Sie nun auch im November bei den Präsidentschaftswahlen mitwählen? Wenn ja, verraten Sie uns, wen Sie wählen?

Ich werde im November wählen, was mir bei dieser Präsidentschaftswahl sehr wichtig ist. Amerika ist an einer Weggabelung angekommen. Und diese Wahl kann immense Umwälzungen in die Wege leiten. Eine Trump-Präsidentschaft wäre meiner Meinung nach ein Bruch mit traditioneller amerikanischer gesellschaftlicher Offenheit und sozialer Gerechtigkeit. Man darf die Dummdreistheit dieses Mannes nicht unterschätzen.

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