Ein Lüner Autobesitzer hat vor dem Landgericht Dortmund gegen den Audi-Konzern gewonnen. Für seinen Anwalt ist das Urteil ein Meilenstein im Diesel-Skandal. Der Konzern gibt sich einsilbig.

Lünen

, 29.10.2020, 15:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich ist Michael P. seit 15 Jahren Audi-Kunde. Logisch, dass sein neues Fahrzeug auch die vier Ringe auf dem Kühlergrill haben sollte. Und trotzdem war es etwas Besonderes: „Wir sind bisher immer A6 gefahren, jetzt wurde es zum ersten Mal ein A8.“ Rund 68.000 Euro legte der Lüner im Jahr 2016 auf den Tisch. Und danach war eigentlich alles gut für die dreiköpfige Familie und den Hund.

Zwar rutscht nach dem Mutterkonzern Volkswagen auch Audi immer weiter in den Skandal um Manipulationen bei der Abgasmessung. Doch Michael P. ist entspannt: „Ich habe öfter beim Kundenservice von Audi nachgefragt, ob mein Fahrzeug auch betroffen ist. Man hat mir versichert, dass das nicht der Fall sei.“

Doch als die ersten Rückruf-Aktionen starten, um die Abschaltvorrichtung durch ein Software-Update zu deaktivieren, wird der Lüner unruhig - denn offenbar betrifft die Sache eben auch größere Maschinen.

Bundesamt droht Stilllegung an

Im Februar 2019 ist es so weit: „Da erreichte mich ein Schreiben von Audi, dass ich doch bitte das Update an meinem Fahrzeug machen lassen sollte.“ Es folgen zwei weitere Schreiben im August 2019 und im März 2020, ehe im Mai 2020 dann das Kraftfahrtbundesamt (KBA) ein Schreiben schickt: „Da ich auf die bisherigen Schreiben von Audi nicht reagiert hätte, wurde mir nun die Stilllegung meines Fahrzeugs angedroht, sollte ich das Update nicht machen lassen.“

Zu dem Zeitpunkt hat sich Michael P. längst juristischen Beistand geholt. Die Lüner Kanzlei Gesterkamp PartGmbB vertritt seine Interessen, denn für ihn ist klar: „Ich will dieses Update nicht.“ Zu viel Schlechtes hat er gehört - von geringerer Leistung, höherem Verbrauch und schnellerem Verschleiß. Da sich auch Audi nicht auf seinen Kunden zubewegt, entscheidet sich P. schließlich für eine Klage auf Schadenersatz: „Ich habe gemerkt, dass ich nicht allein bin und war vor allem zu Beginn sehr von der Klage überzeugt.“

Das änderte sich mit jedem weiteren Schreiben, das die Gegenseite ihm zukommen ließ. „Bei 136 Seiten Klageerwiderung mit Diagrammen und Tabellen wird einem schon irgendwie mulmig“, sagt der heute 52-Jährige. Allerdings habe ihm die Kanzlei versichert, dass das „ganz normal“ sei in einem solchen Verfahren. Als weniger normal habe man hingegen das Auftreten von Audi wahrgenommen - was dann auch den zuständigen Richter auf die Palme gebracht haben soll: „Wollen Sie wirklich weiterhin bestreiten, dass es sich hier um eine unzulässige Abschaltvorrichtung handelt?“, soll er schließlich den Anwalt des Automobilkonzerns gefragt haben – der sich jedoch im Termin dazu nicht einlassen wollte und eine Schriftsatzfrist beantragte. Das half ihm am Ende nichts: Der Richter sprach Michael P. Schadenersatz in Höhe des Kaufpreises, abzüglich einer Entschädigung für die Autonutzung, zu. Außerdem muss Audi das Fahrzeug zurücknehmen.

Richter könnte den Fall an Staatsanwaltschaft geben

Für die Lüner Kanzlei ist das Urteil ein „Meilenstein“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. „Allein aufgrund dieses Rückrufschreibens steht für das Gericht fest, dass in dem Fahrzeug eine unzulässige Abschaltvorrichtung verbaut ist.“ Genau das hätte die beklagte Audi AG bis zuletzt bestritten. Das Landgericht Dortmund habe es hingegen allein aufgrund des Rückrufs durch das KBA als erwiesen angesehen, dass die Abschaltvorrichtung existiert. Für die Audi AG könnte das Urteil noch ein weiteres unangenehmes Nachspiel haben, wie die Kanzlei schreibt: „Der vorsitzende Richter kündigte an, die Sache gegebenenfalls an die Staatsanwaltschaft abgeben zu wollen.“

Als Gewinner fühlt sich Michael P. allerdings nicht - zumindest noch nicht: Sowohl er als auch sein Rechtsbeistand gehen davon aus, dass Audi das Urteil anfechten wird. „Ich ziehe das jetzt durch. Und wenn wir vor einem Bundesgericht oder dem Europäischen Gerichtshof landen“, sagt der mittlerweile 52-Jährige. Zu tief sitzt der Frust darüber, wie er von Audi behandelt worden ist: „Wenn ich Mist gebaut habe, dann stehe ich dazu. Aber dass hier ein Weltkonzern mit teilweise drastischen Formulierungen gegenüber seinen betrogenen Kunden versucht, sich herauszureden, obwohl die Sache doch klar ist, hat mich schon erschüttert.“

Die Manipulation einfach hinzunehmen und das Update aufzuspielen zu lassen, sei für ihn ohnehin nie eine Option gewesen: „Eher hätte ich das Auto vor dem Autohaus abgestellt und gesagt: Ihr könnt mich mal.“

Audi prüft weiteres Vorgehen

Nun wird er seinen A8 weiter fahren - ohne Update, und das so lange, bis das Urteil rechtskräftig ist. Nach nun mehr als 15 Jahren ist er dann längste Zeit Audi-Kunde gewesen: „Stand jetzt werde ich mir nie wieder ein solches Auto kaufen.“

Eins wurmt den Lüner besonders: „Ich hätte mich ja sogar auf eine außergerichtliche Einigung eingelassen, zum Beispiel einen Gutschein - auch wenn ich dadurch weiter an Audi gebunden gewesen wäre.“ Doch der Konzern habe sich darauf nicht eingelassen.

Audi selbst bestätigt auf Anfrage, dass es in diesem Fall Vergleichsverhandlungen gegeben hätte, „wobei es jedoch zu keiner Einigung gekommen ist“. Welche Angebote man genau gemacht hat, beantwortete der Konzern nicht: „Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir uns zu dem Verfahren nicht weitergehend äußern“, teilte ein Sprecher mit. „Es wird aktuell geprüft, ob Rechtsmittel gegen das erstinstanzliche Urteil eingelegt werden.“

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