Wie geht‘s weiter mit dem Islamunterricht und wieso ist dieser Unterricht auch Extremismus-Prävention? Darüber haben wir mit Musa Bagrac von der Geschwister-Scholl-Gesamtschule gesprochen.

Lünen

, 18.06.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie sind Lehrer für islamische Religion und Vorsitzender des Verbands der Islamlehrer in NRW. Warum, glauben Sie, ist der islamische Religionsunterricht wichtig?

Viele muslimische Schüler identifizieren sich stark mit ihrem Glauben – ohne ihn dabei richtig zu kennen. Sie besuchen die Moscheen immer weniger, nur noch ein Drittel meiner Schüler zuletzt. Wer wenig über den Islam weiß, macht sich manchmal im Internet schlau. Dort gerät er möglicherweise in die Fänge radikaler Gruppen. Die Bedeutung des islamischen Religionsunterrichts kann deshalb gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, es ist unter anderem Präventionsarbeit. Ganz abgesehen davon ist es aber auch ein Grundrecht der Schüler auf religiöse Bildung.

Kommen Ihre Schüler denn häufig in Kontakt mit islamistisch-radikalen Inhalten?

Es kommt schon vor. Eine Zeit lang war der Salafist Pierre Vogel aktuell, die Schüler sehen Videos von ihm auf YouTube. Was Vogel da erklärt, kann im Grunde jeder. Es ist eine viel größere Leistung, richtig über den Glauben zu reflektieren. Vor einiger Zeit kam auch eine Schülerin zu mir. Sie hatte in Dortmund eine Petition gegen das Kopftuchverbot unterschrieben. Später hatte sie ein mulmiges Gefühl. Es stellte sich heraus, dass das eine Aktion der Generation Islam war, eine militante Gruppe, von der man sagt, sie wäre eine Nachfolge-Organisation der verbotenen islamistischen Hizb ut-Tahrir. Das haben wir im Unterricht aufgegriffen und darüber gesprochen, wie manche Gruppen religiöse Symbole instrumentalisieren. Junge Menschen suchen nach klaren Antworten, da sind solche Gruppen manchmal verlockend.

Passiert so etwas nur in Dortmund, nicht in Lünen?

Vor allem da, aber Lünen ist ja nur einen Katzensprung entfernt. Das ist ja das gleiche wie bei den Rechten. Da muss man gegen ankommen und die Schüler aufklären.

Und die Schüler, was halten die von Ihrem Unterricht?

Über 95 Prozent aller muslimischen Schüler besuchen auch den islamischen Religionsunterricht. An der GSG sind rund ein Viertel aller Schüler muslimischen Glaubens. Der Unterricht findet eine sehr hohe Akzeptanz. Und es ist auch wichtig, dass wir uns hier auf deutsch über den Glauben austauschen können. In den Moscheen findet das meiste auf Türkisch oder Arabisch statt.

Und wie sieht das an der Lüner Ditib-Moschee aus?

Wir haben das Glück, dass es dort einen jungen Imam gibt, der in Deutschland aufgewachsen ist, deutsch spricht und in der Türkei Theologie studiert hat. Er hat sich auf die Jugendarbeit spezialisiert. Dass ein Imam deutsch spricht, ist bei 900 Ditib-Moscheen noch die große Ausnahme.

An einer anderen weiterführenden Schule in Lünen haben wir mal ein Foto gemacht, mehrere Schüler zeigten dort den Gruß der Grauen Wölfe, einer rechtsextremen türkisch-nationalistischen Organisation. Nehmen Sie solche Tendenzen auch wahr?
Nein, das nehme ich gar nicht wahr und das würde ich auch sofort thematisieren. Da bin ich sehr sensibel.

Wie genau es mit dem islamischen Religionsunterricht in NRW insgesamt weitergeht, ist unklar. Der Landtag muss ein neues Gesetz beschließen. Was war an der bisherigen Regelung falsch?

Ein Beirat hat die sogenannte Idschaza, die religiöse Lehrerlaubnis, erteilt. Diese Entscheidungen waren zum Teil sehr willkürlich. Manche haben die Lehrerlaubnis nicht bekommen, andere, zum Teil komplett ohne pädagogischen Hintergrund, schon. Bisher musste man außerdem eine Moschee-Mitgliedschaft nachweisen. Wir vom Verband der Islamlehrerinnen und Islamlehrer können das religiös nicht verantworten. Die Idschaza-Vergabe sollte entweder transparent oder besser noch an der Universität organisiert werden.

Ist der Bedarf denn so groß?

Ja, sehr. In NRW brauchen wir mindestens 2000 Lehrer, momentan sind es rund 240. Die Frage ist, wo die herkommen sollen. Muslimische Lehrer können sich über Zertifikatskurse zum Islamlehrer weiterbilden lassen. Wir vermuten aber, dass viele Schulleiter die Probleme, die in den Medien diskutiert werden, nicht an ihrer Schule haben wollen. Wenn es etwa darum geht, dass das Ausland Einfluss nehme oder im Islamunterricht radikale Inhalte gelehrt würden, was natürlich so nicht stimmt.

Welche Probleme sehen Sie bei den Islamlehrern?
Es gibt Islamlehrer, bei denen ich sehe, dass sie total unreflektiert islamistische Seiten teilen, zum Beispiel bei Facebook. Das ist ein Problem. Islamlehrer selbst müssen auch gegenüber Islamismus sensibilisiert werden. Dazu müsste es Fortbildungen geben. Was machen wir mit Islamlehrern, die selbst in islamistischen Netzwerken beheimatet sind?

Sprechen Sie über diese Probleme auch mit den Islamverbänden und der Politik?

Wir, der Verband für Islamlehrerinnen und Islamlehrer, haben im Juni eine Veranstaltung initiiert, bei der wir über Probleme und Lösungen beim Islamunterricht sprechen wollten. Eingeladen waren die Islamverbände, Vertreter der Politik, Wissenschaftler, auch andere Lehrerverbände. Das Problem: Die Vertreter der Islamverbände Ditib, VIKZ, Islamrat und Zentralrat hatten alle abgesagt. Obwohl das eine Gelegenheit war, offen und off the records über vieles zu diskutieren. Das ist schade.

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