Während die Auflagen für Einzelhandel und Gastronomie inzwischen gelockert sind, bleiben größere Konzerte noch lange verboten. Die Musiker sind große Verlierer in der Krise.

Lünen

, 15.05.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf die Frage, wie es ihm geht, sagt Bernhard Weiß erst einmal „sehr sehr gut“. Erst nach einer Weile spricht der Sänger und Frontmann der Heavy-Metal-Band Axxis und Kulturpreisträger der Stadt Lünen auch über Sorgen: „Wir sind als Band eine GbR. Als Berufsmusiker müssen wir von unseren Gagen leben. Leider ist aber bisher nichts von den Soforthilfen bei uns angekommen.“

Man habe Betriebskosten, wie zum Beispiel die Miete des Proberaums. Und auch wenn dieses halbe Jahr von März (dem Beginn der corona-bedingten Absagen) bis Ende August (dem aktuellen Enddatum der Verbote von Großveranstaltungen) vor allem als Studiozeit mit dem Schreiben und Einspielen neuer Songs eingeplant war, sollten die fünf Musiker bei drei großen Festivals auf der Bühne stehen.

„Wir haben uns sehr auf das Alpenflair und das Rock Hard gefreut, wo wir zum ersten Mal gespielt hätten. Und diese Gagen hätten auch reingehauen“, sagt Weiß. Wie hoch die Gagen gewesen wären, verrät er auf Nachfrage nicht. Untätig war er in all dieser Zeit natürlich trotzdem nicht. Im März wurden die Studioarbeiten ausgesetzt - Anfang April veröffentlichte Bernhard Weiß zusammen mit Musiker-Kollegen Harry Oellers eine EP mit dem Namen „Virus of a modern Time“.

Ausgearbeitet vor 13 Jahren für das Landestheater Schwaben, sang Weiß die sieben Songs jetzt neu ein. „All das, was wir uns damals in unserer extremen Fantasie ausgemalt haben - der Mensch wird durch einen Virus umkommen, der er auch selbst ist - all das passiert genau jetzt. Das hat mich wirklich schockiert.“ Veröffentlicht auf Spotify findet die Band aber auch dadurch nicht den finanziellen Ausgleich.

Abgesehen von der finanziellen Situation sei diese Zeit auch emotional und für die Arbeitsabläufe eine große Herausforderung. „Wir arbeiten jetzt grade jeder für sich an den neuen Songs“, erzählt der 55-Jährige. „Aber es ist einfach so: Nur im Zusammenwirken entsteht die beste Musik. Diese kleinen Momente, wenn ich vor mich hin spiele und einer sagt ‚mach das noch mal, das klang gut‘, das fällt jetzt weg. Alleine einen Song zu schreiben und dann drei Tage auf die Antwort der anderen zu warten, ist wirklich ermüdend und deprimierend.“

Ausgleich und eine kleine finanzielle Hilfe findet der Musiker in dem Jeki-Programm (Jedem Kind ein Instrument), in dessen Rahmen er Grundschulkindern zur Zeit über Video-Unterricht Gitarrespielen beibringt. „Das bringt Income und gleicht das alles ein bisschen aus“, so Bernhard Weiß.

Promotion der neuen CD geplatzt
Weder treffen noch proben können sich die vier Mitglieder der Punkrock-Band Effektief zur Zeit.

Weder treffen noch proben können sich die vier Mitglieder der Punkrock-Band Effektief zur Zeit. © MirkoSch Photografie


Unter Absagen und fehlenden Buchungen leidet auch die Lüner Punkrock-Band Effektief. Eigentlich hatten die vier Hobby-Musiker ihr erstes Album „Massenkonsum“, das sie im Spätsommer 2019 veröffentlicht hatten, jetzt durch Konzerte bekannt machen wollen. „Die Bewerbungsphase für Festivals und Auftritte lief gerade an und drei Konzerte, für die wir schon gebucht waren, wurden abgesagt“, erzählt Sänger und Bassist Jan Kriych, der hauptberuflich als Heilerziehungspfleger arbeitet. „Es ist schlimm, dass wir nicht musikalisch produktiv sein können. In dieser kreativen Phase ist jetzt ein enormer Bruch drin. Und auch wir müssen zum Beispiel unseren Proberaum finanzieren.“

Zusätzlich zu den CD-Promotion-Konzerten hatten sie geplant, neue Songs zu schreiben. „Außerdem leiden wir wirklich darunter, dass wir uns nicht zum Proben treffen können. Das ist nicht nur musikalisch hart, sondern auch in dem Sinne, dass wir unsere tiefe Freundschaft momentan nur digital pflegen können“, sagt der 29-Jährige. Ein kleines Trostpflaster gab es jedoch für Effektief auch in dieser Shutdown-Phase: Am 4. April hatte die Band die Möglichkeit, im Rahmen von „Projekt Wohnzimmer“, ein digitales Veranstaltungsformat der MP Veranstaltungstechnik GmbH aus Dülmen, ein Konzert über Soziale Medien zu streamen.

„Auch wenn wir uns über diese Möglichkeit natürlich sehr gefreut haben, ist es nicht das Gleiche, wie vor Publikum zu spielen“, sagt Kriych. „Musikalisch haben wir eigentlich gar nicht so viel zu bieten. Einen großen Teil macht die Interaktion mit dem Publikum und auch untereinander aus.“ Er hofft, dass Kultur durch die Corona-Zeit, in der die Menschen offensichtlich merken, wie sehr sie sie vermissen, wieder einen höheren Stellenwert bekommt.

Shutdown beim Konzertveranstalter

Und auch für die Menschen, die von Konzerten und der Organisation leben, ist die momentane Situation besonders schwierig. „Mein Business ist zur Zeit überhaupt nicht existent“, sagt Christian Ernsting. Als Konzertveranstalter organisiert er beispielsweise die Bands für das Lükaz oder die Alternative Stage auf dem Brunnenfest.

„Bisher sind sieben Konzerte im Lükaz abgesagt und das Brunnenfest fällt wahrscheinlich auch aus. Momentan habe ich die Hoffnung, dass wir wenigstens für die Alternative Stage einen Plan B finden können.“ Seiner Erfahrung im Umgang mit den Bands nach meint er, dass die Situation die großen Bands nicht so sehr treffen wird, die mittelständischen oder kleinen Bands vor echte Existenzprobleme stellt.

„Einige nutzen die Zeit aber auch sehr kreativ und bringen neues Merchandising wie T-Shirts oder Masken heraus. Andere geben Streamingkonzerte.“ Er selbst hat davon natürlich wenig. „Finanziell merke ich ganz klar die Einbußen. Ich lenke mich mit dem ganzen Schriftverkehr, der jetzt mit den Bands und den Agenturen zu erledigen ist, und mit Gartenarbeit ab“, sagt der 34-Jährige. Seine große Hoffnung: Dass das große Heimspiel von Axxis, geplant für den 3. Oktober im Lükaz, stattfinden kann.

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