Knöllchen wegen Handy-Fotos: Lüner zeigt Falschparker an - Geschäft warnt vor „Hilfssheriff“

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Seit einem Jahr ist Michael Kotissek in Horstmar mit seiner Handy-Kamera unterwegs, fotografiert Falschparker. Ein Geschäft warnt seine Kunden nun vor dem „Hilfssheriff“ und den Knöllchen.

von Kristina Gerstenmaier

Horstmar

, 04.12.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor allem fühlt sich Michael Kotissek beim Radfahren behindert. Nahezu täglich radelt er über die Preußenstraße zur Post oder zur Grundschule am Lüserbach, wo er Geflüchteten Nachhilfe gibt. Wenn die Autos auf dem Fahrradweg parken oder auch nur halten, dann ärgert sich der 61-Jährige darüber.

Denn dann muss er in den meist fließenden Verkehr auf der dicht befahrenen Preußenstraße ausweichen - und gerät dabei in gefährliche Situationen. Darüber hinaus sieht der Lehrer, der inzwischen vor allem als Briefmarkenhändler arbeitet, sich aber auch als „Verfechter der Gerechtigkeit“.

Drei „Hotspots“ für Falschparker

Er selbst sagt: „Ich kann noch ausweichen, aber andere mit Rollator, Kinderwagen oder Rollstuhl können oft nichts machen.“ Da spiele dann ein gewisser Gerechtigkeitssinn eine Rolle. „Ich finde es einfach unverschämt, wie sich manche gedankenlos das Recht nehmen, einfach derartig zu parken.“

Dabei gebe es drei „Hotspots“ in Horstmar: Vor der Sparkasse, der Apotheke und der Post. Zunächst hatte der verheiratete Familienvater es mit Reden versucht. Immer wieder sprach er Falschparker an. Die Antworten seien Schulterzucken, Beschimpfungen und manchmal auch der Stinkefinger gewesen.

Drei Schreiben an das Ordnungsamt hätten „keine Verbesserung bewirkt“, wie er sagt, so dass er sich vor etwa einem Jahr - „wütend über diese Ignoranz“ - gezwungen sah, zu einer härteren Methode überzugehen.

30 Fotos in einem Monat

Seitdem fotografiert er die Autos, die den Fahrrad- oder Gehweg zustellen. Auch Autos, die ohne sichtbaren Behindertenausweis auf privaten Behindertenparkplätzen stehen, lichtet Kotissek ab: „Sie nehmen anderen Menschen, die wirklich darauf angewiesen sind, die Parkplätze weg.“

Knöllchen wegen Handy-Fotos: Lüner zeigt Falschparker an - Geschäft warnt vor „Hilfssheriff“

Eine der Situationen, die Michael Kotissek ärgern: Ein Auto parkt auf dem Geh- und Radweg. © Kotissek

Manchmal sind es fünf Fotos am Tag, in manchen Monaten kommen bis zu 30 Bilder zusammen. Die schickt er dann in Form von Privatanzeigen an die Stadt. „Manchmal bekomme ich positive Rückmeldungen“, erzählt Michael Kotissek. „Aber meistens sehen die Betroffenen ihr Unrecht überhaupt nicht ein.“ Eigentlich sei das ja Aufgabe der Stadt, aber solange die sich nicht kümmere, findet er es richtig, „dass es jemanden gibt, der das macht“.

„Mischt sich in etwas ein, das ihn nichts angeht“

Anna Küppersbusch, Inhaberin der Barbara-Apotheke an der Preußenstraße, sieht die Sache etwas anders. Viele ihrer Kunden waren bereits von den Anzeigen durch Michael Kotissek betroffen.

Deshalb hat sie nun mit einem Aushang reagiert: „Hiermit möchte ich sie darauf aufmerksam machen, dass sich der Horstmarer Bürger Michael K. zur Aufgabe gemacht hat, vermutliche ‚Falschparker‘ zu fotografieren (...). Ich habe - trotz der privaten Parkplätze leider keine Handhabung dagegen. Daher bitte ich Sie - in Ihrem Interesse - nicht auf dem Fahrradstreifen zu ‚halten‘.“

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Grundsätzlich werde der Verkehr gerade auf der Preußenstraße „immer krimineller“ - vor allem im Sommer, wenn die Leute den Seepark besuchen. „Es gibt berechtigte Fälle, in denen die Autofahrer damit zu rechnen haben, dass sie zur Verantwortung gezogen werden“, räumt die Apothekerin ein.

Allerdings sollte man in solchen Fällen situativ entscheiden und auch Toleranz zeigen - Kotissek, der selbst Kunde bei ihr ist, fotografiere aber pauschal.

„Dabei wird die Apotheke auch von vielen ältere Menschen mit Gehbehinderung besucht, die auf kurze Wege angewiesen sind.“

„Wie kann man schwerkranke Menschen anschwärzen?“

Besonders ärgern sie die Fotos von Autos auf ihrem privaten Behindertenparkplatz: „Da mischt sich Herr Kotissek in etwas ein, das ihn nichts angeht“, sagt sie. Manche Kunden sind sehr schlecht zu Fuß, auch ohne einen Behindertenausweis zu haben.“

Zum Beispiel Evelyn Berger. Die 65-Jährige ist an Krebs erkrankt und kann nach eigenen Angaben schwer gehen. Als sie einmal in Begleitung von Bekannten vor dem Schaufenster der Apotheke hielt und ihre Begleitung schnell hineinsprang, um ein Rezept einzulösen, fotografierte Kotissek sie. 20 Euro Bußgeld kamen ihr kurz darauf ins Haus geflattert.

„Es waren vielleicht zwei Minuten, die wir dort hielten“, erzählt Berger aufgebracht. „Es geht mir gar nicht ums Geld, sondern darum, dass ich nicht verstehe, wie man schwerstkranke Menschen derartig anschwärzen kann. Das finde ich unverschämt.“

Gespräch ohne Ergebnis

Kunden, wie Evelyn Berger zu fotografieren, führt nach Meinung von Anna Küppersbusch einfach zu weit. Da die Apothekerin „sehr harmoniebedürftig ist“, wie sie selbst sagt, suchte sie das Gespräch mit Michael Kotissek - und stieß dabei auf taube Ohren.

Knöllchen wegen Handy-Fotos: Lüner zeigt Falschparker an - Geschäft warnt vor „Hilfssheriff“

Anna Küppersbusch, Inhaberin der Barbara-Apotheke, informiert ihre Kunden per Schreiben an der Schaufensterscheibe und am Tresen über den selbst ernannten Ordnungshüter. © Gerstenmaier

Vielmehr leide Michael Kotissek darunter, dass ihm für sein Handeln viel Missachtung entgegengebracht werde: „Von Fußgängern, die mich beim Fotografieren beobachten, bekomme ich manchmal Zuspruch. Ich bin also nicht der Einzige, der sich über das aggressive Parkverhalten einiger Autofahrer beschwert.“

Andere Reaktionen fallen aber auch ganz anders aus: Oft werde er bedroht, körperlich bedrängt, oder sogar mit den Worten wie „Ich weiß wo du wohnst“, zuhause angerufen. „Ich würde mir wünschen, dass die Stadt Lünen viel häufiger in Horstmar kontrolliert“, sagt Kotissek. „Ich fürchte allerdings, dass sie damit heillos überfordert ist. Also muss ich das übernehmen.“

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