Krebs bei Kindern: Moritz, der Krebs und Wolken aus Zuckerwatte

hzKampf gegen Krankheit

Moritz aus Lünen ist zwei, als er die Diagnose Krebs erhält. Zwei Jahre kämpft er - am Ende verliert er den Kampf. Seine Mutter erzählt seine Geschichte, in der es nicht nur um Trauer geht.

Lünen

, 20.06.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Moritz, genannt Momo, schaute gern in die Wolken. „Guck mal, das ist ein Delfin“ oder „guck mal, ein Dinosaurier“, sagte der damals Vierjährige zum Beispiel zu seiner Mutter, wenn er aus dem Krankenhausfenster blickte. „Das war Milla. Die hat uns die Wolken geformt, damit uns nicht so langweilig ist im Krankenhaus“, sagte seine Mutter Wiebke Vahlbruch (33) dann.

Milla war Moritz‘ Freundin im Krankenhaus auf der Krebsstation. Im Dezember 2019 ist sie gestorben. Sie litt an Krebs. Genau wie Moritz.

„Er war nicht mehr der, der er vorher war“

Moritz erhielt die Diagnose am 4. Dezember 2017. Damals war er zwei Jahre alt. Vorausgegangen waren schon mehrere Arztbesuche ohne befriedigendes Ergebnis. Moritz hatte irgendwann angefangen zu humpeln. War es das Trampolin im Garten, auf dem er sich unbemerkt den Fuß verknackst hatte?, fragte sich seine Mutter. Doch es kam immer mehr.

Der lebensfrohe, wilde, kleine Moritz wurde auf einmal immer in sich gekehrter und weinerlicher. „Er war nicht mehr der, der er vorher mal war“, erinnert sich Wiebke Vahlbruch. „Irgendwas war komisch“, sagt die Lünerin.

Die Diagnose: Neuroblstom, Stadium 4

Als Moritz irgendwann dann auch den Kopf nicht mehr richtig zur Seite bewegen kann, überweist ihn eine Ärztin in die Kinderklinik nach Datteln. Dort machen die Ärzte erst einen Ultraschall, dann ein Röntgenbild. Auf Anhieb finden sie drei Tumore. Danach gibt es noch weitere Untersuchungen. Die bringen schließlich Gewissheit: Moritz leidet an einem Neuroblastom.

Das ist eine Krebserkrankung des Nervensystems. Sie ist in Deutschland die zweithäufigste bösartige Krebserkrankung im Kindesalter, wie die Deutsche Krebsgesellschaft erklärt. Etwa eines von 100.000 Kindern ist pro Jahr betroffen. Bei 90 Prozent der Betroffenen tritt die Krankheit bis zum sechsten Lebensjahr auf.

Die Prognosen sind nicht gut. Moritz ist bei der Diagnose in Stadium vier. Das höchste Krebsstadium. Das bedeutet: Der Krebs hat bereits gestreut. Die Tumorzellen sitzen in den Knochen von Moritz, im Kopf, im Oberschenkel. Überall. Die Ärzte geben ihm nur eine Überlebenschance von 20 Prozent. Auf diese 20 Prozent hofft seine Familie. Seine Mutter, sein Vater, seine heute siebenjährige Schwester und auch die neuen Partner seiner Eltern. Wiebke Vahlbruch schreibt in dieser Zeit Tagebuch, sie will alles erinnern. Und Moritz das Tagebuch irgendwann mal zeigen. Dass es anders kommen wird, weiß sie damals noch nicht.

Chemo, Bestrahlung und immer wieder Chemo

Für Moritz geht es nach der Diagnose sofort weiter. Erst mit einer Chemotherapie, dann mit einer Operation, bei der viel Tumorgewebe entnommen wird. Tumorgewebe setzt Adrenalin frei. Als es verschwunden ist, ist Moritz geradezu auf Adrenalin-Entzug. „Es ging ihm richtig schlecht“, sagt Wiebke Vahlbruch. Danach folgt wieder Chemotherapie, innere Bestrahlung, eine weitere Chemotherapie. Eine Hochdosis-Chemo, die besonders aggressiv gegen den Krebs kämpft, aber auch gegen den kleinen Körper.

Moritz fängt sich in dieser Zeit einen Keim ein. Seine Mutter erfährt später, dass es ein besonderer Keim ist. Einer, den erst drei Menschen auf der Welt hatten. Nur Momo hat ihn überlebt. Die Mutter und auch der Rest von Momos Familie sehen es als Zeichen. „Wenn er das überlebt, dann überlebt er auch alles andere“, sagt Wiebke Vahlbruch. Danach kommt die nächste Bestrahlung. Und eine Antikörpertherapie. Das klingt angenehmer als Chemotherapie. War es aber nicht. „Es war die aufwendigste Therapie. Moritz hat sehr extrem darauf reagiert“, sagt Wiebke Vahlbruch.

Eine dunkle Krebswolke

Aufgezählt klingt das alles nach einer nicht enden wollenden großen Wolke. Nach einer Krebswolke, die in dieser Zeit - in zwei Jahren - alles bestimmt hat. Die dunkle Krebswolke hat vieles bestimmt. Aber sie hat nicht alles für die Familie verdunkelt. Zwischendurch fielen auch immer wieder Sonnenstrahlen durch die Wolken. Selbst in der Klinik, wo Wiebke Vahlbruch so viele Kinder gesehen hat, die an Krebs erkrankt sind. Die alle ihre Haare verloren haben, alle gezeichnet von der Krankheit waren und kämpfen mussten, gegen den mächtigen Gegner Krebs. Selbst da war Licht und Lachen.

„Momo hat gern Streiche gespielt“, erzählt Wiebke Vahlbruch. Also tat er das auch in der Klinik. Manchmal hat er die Krankenschwestern mit einer Wasserpistole nass gespritzt. Sie spritzten fröhlich zurück. „Oft ist er mit seinem Bobby Car über die Gänge gepäst“, erzählt Wiebke Vahlbruch und manchmal hat er eine Plastikspinne bereit gelegt, damit sich die Krankenschwestern erschrecken. Wiebke Vahlbruch lächelt, während sie das erzählt, in ihrem Esszimmer, wo viele bunte Familienfotos hängen. Natürlich auch von Momo.

„Wir wussten, dass das nicht passieren darf“

Kurzzeitig ging es Momo besser. Doch dann bekommt Momo starke Schmerzen. Er möchte nicht mehr spielen. „Wieder mal war alles irgendwie komisch“, sagt seine Mutter. Wieder wird ein Ultraschall gemacht. „Und dann wurde gesehen, dass er einen Rückfall hat“, sagt Wiebke Vahlbruch. „Wir wussten von Anfang an, dass das nicht passieren darf.“ Wiebke Vahlbruch schluckt, als sie es erzählt.

Nun geht es nicht mehr darum, ob Momo gerettet werden kann. Sondern nur noch darum, wie lange er noch da sein wird. Oft hat Momo mit seiner Mutter über den Himmel geredet. „Für ihn war das keine Frage, dass er in den Himmel kommt“, sondern nur, wie es da aussieht“, sagt Wiebke Vahlbruch. Er sagt seiner Mutter genau, welche Kuscheltiere er mitnehmen will in den Himmel (seine Hasen) und malt sich mit ihr zusammen aus, wie es dort ist. Die Wolken, so beschreibt er, sind für ihn aus Zuckerwatte. Nicht irgendwelche, sondern Zuckerwatte mit Popcorngeschmack.

Früher standen auf diesem Tisch im Wohnzimmer Momos Medikamente. Jetzt stehen hier kleine Erinnerungen. Auch ein Bild von Moritz am Meer, mit Blick zu den Wolken.

Früher standen auf diesem Tisch im Wohnzimmer Momos Medikamente. Jetzt stehen hier kleine Erinnerungen. Auch ein Bild von Moritz am Meer, mit Blick zu den Wolken. © Sabine Geschwinder

Momo macht zunächst noch eine Rückfalltherapie. Aber nicht lange. „Er hat klargemacht, dass er gehen möchte“, sagt seine Mutter. Vorher hatte er gezeigt, dass er kämpfen will, dann, dass der Kampf beendet ist.

Umgeben von seiner Familie

Momo will zu Hause sein, wenn er geht. Und das kann er auch. Er wünscht sich, dass seine Mutter, sein Vater und deren neue Partner in seinen letzten Stunden bei ihm sind. Am 1. März 2020 haben sie sich um das Sofa versammelt, auf dem Momo liegt. Zuvor hat Momo schon zwei Tage nichts mehr getrunken. Der Körper macht sich für das Sterben bereit.

Die Ärzte des ambulanten Palliativdienstes geben ihm Medikamente. Doch erst, als nur noch seine Familie bei ihm ist, möchte Momo gehen. Sie sagen ihm, dass sie bei ihm sind und dass er nicht mehr stark sein muss. Um 12.30 Uhr stirbt Momo im Alter von vier Jahren.

Briefe und ein Buch für Momo

An seinem Grab steht eine Bank, damit man sich dort gerne und lange aufhalten kann. Außerdem bauen seine Großeltern einen Pfahl, an dem ein kleiner Briefkasten befestigt ist. Die Kinder und auch Erwachsenen in Momos Leben können ihm so einen Brief schreiben, wenn ihnen danach ist.

Wiebke Vahlbruch hat das Buch "Im Himmel ess' ich Zuckerwatte" über die Krebserkrankung ihres Sohnes geschrieben.

Wiebke Vahlbruch hat das Buch "Im Himmel ess' ich Zuckerwatte" über die Krebserkrankung ihres Sohnes geschrieben. © Sabine Geschwinder

Wiebke Vahlbruch hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet. Aus ihren Tagebucheinträgen ist ein Buch entstanden, ihr bislang erstes Buch. Es gibt ihre Tagebucheinträge wieder. In den zwei Jahren hatte sie immer wieder Literatur gesucht, bei der es um Krebserkrankungen bei Kindern geht. Meistens hatten die ein Happy End, eine Heilung. Sie möchte mit ihrem Buch nun den Dialog öffnen, über die zwei schweren Themen Krebs und Tod. Sie möchte Menschen trösten, deren Kinder ebenfalls betroffen sind. Sie hofft, damit auch Hospizmitarbeitern und Ärzten helfen zu können, eine Perspektive der Eltern zu erhalten. Und natürlich möchte sie auch an Momo erinnern.

An das Traurige, das Schöne. Und an Wolken, die nicht dunkel sind, sondern aus Zuckerwatte bestehen und nach Popcorn schmecken.

Das Buch:
Das Buch „Im Himmel ess‘ ich Zuckerwatte“ von Wiebke Vahlbruch ist seit April im Buchhandel sowie online erhältlich. Es ist im Tredition-Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro.
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