Der Kuckuck ist weit verbreitet: in Liedern, Sprichwörtern und bei Gerichtsvollziehern. Vor der Haustür ist er dagegen kaum noch anzutreffen. Es gibt aber eine haarige Hoffnung.

Lünen, Selm, Olfen

, 02.06.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass Kinder nicht das Abbild ihrer Eltern sind, kommt vor. Das, was der Rohrspatz gerade in seinem Nest in der Lippe-Aue bei Beckinghausen aufzieht, ist aber völlig aus der Art geschlagen: ein hungriger Riese mit schlechten Manieren und doch gutem Ruf.

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Der Kuckuck ruft in der Lippe-Aue

Dass da etwas nicht stimmen könnte mit seinem Nachwuchs, kommt dem kleinen Röhricht-Bewohner gar nicht in den Sinn. Zu beschäftigt ist er damit, Insekten, Spinnen, Raupen und Schnecken anzuschleppen. Eins nach dem anderen verschwindet im großen, roten Rachen des jetzt schon mehr als dreimal so großen Sprösslings: ein echtes Fressmonster. Der kleine Rohrspatz würde am liebsten stundenlang schimpfen, doch auch dazu fehlt ihm die Zeit. Denn schon wieder schreit es im viel zu klein gewordenen Nest nach Nachschub. Zum Kuckuck noch mal!

Was der Kuckuck mit dem Teufel zu tun hat

  • Wer altmodisch flucht, kommt um den immer seltener werdenden Vogel nicht herum. Das hat Tradition: Seit dem späten Mittelalter muss das Tier, das seine Eier in die Nester anderer Vögel legt, herhalten für Beschimpfungen aller Art. Immer wenn sie den Teufel meinten, setzten die Wüteriche von einst sicherheitshalber den Kuckuck ein. Weil man den Herrn der Finsternis in Zeiten von Pest und Hexenverfolgung besser nicht leichtfertig anrief, dann doch lieber den allseits verbreiteten und bekannten Brutparasiten. Heute wäre die Wahl nicht auf ihn gefallen.

Der Kuckuck ist vom Aussterben bedroht. Kinder kennen ihn zumeist nur noch aus der Schwarzwalduhr der Großeltern oder aus „Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald“, wenn überhaupt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gilt der Bestand als abnehmend, wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) mitteilt. Zwischen 1990 und 2015 sei die Zahl der taubengroßen Tiere um 17 Prozent zurückgegangen.

Naturreport 2020: Sehr starker Bestandsrückgang auch im Nordkreis

Rund 230 Brutpaare gab es zwischen 1997 und 1999 im Kreis Unna. Seitdem geht es steil bergab mit dem Kuckuck um Kreis. Um mehr als 50 Prozent sei der Bestand eingebrochen, ist in dem im Mai veröffentlichten Naturreport 2020 für den Kreis Unna nachzulesen. Selbst die Lippe-Auen bilden da keine Ausnahme: „Sehr starker Bestandsrückgang auch im ehemals dichter besiedelten Nordkreis“, heißt es im Naturreport.

So sieht ein erwachsener Kuckuck aus.

So sieht ein erwachsener Kuckuck aus. © dpa (A)

Noch ist der zweisilbige Ruf aber nicht ganz verstummt: eine kleine Terz nach unten, wie Musiker wissen, der Abstand von drei Tönen. Wer das erste Mal im Jahr diesen Ruf hört, tut gut daran, Geld in der Tasche zu haben. Denn das verspricht laut Redensart „volle Taschen für das ganze Jahr“. Ein anderes Sprichwort legt nahe, die Kuckuck-Rufe zu zählen. Denn der gefiederte Prophet verrate damit, wie viele Jahre man noch zu leben habe.

Ausgeklügelte Technik in der Kinderstube

Der Kuckuck selbst kann etwa zehn Jahre alt werden: Zeit genug, um ganze Generationen von Rohrspatzen, Bachstelzen und mehr als 40 andere Singvogelarten Frühjahr für Frühjahr in den Wahnsinn zu treiben - mit einer ausgeklügelten Technik.

Frau Kuckuck braucht nur fünf Sekunden, um ein Ei zu legen - ins fremde Nest. Sie wählt dafür ein Nest der Vogelart aus, die sie am besten kennt: die ihrer eigenen unfreiwilligen Zieheltern. Damit das den zurückkehrenden Singvogeleltern nicht gleich auffällt, ist das Ei deutlich kleiner, als es bei einem Vogel der Sperber-artigen Größe eines Kuckucks zu erwarten wäre. Und damit auch weiterhin die Anzahl der Eier im Nest stimmt, nimmt die Kuckucks-Mutter ohne Familiensinn eines mit und verspeist es. Auch die anderen werden nicht ausgebrütet werden.

Es darf nur einen geben im Nest

Dafür sorgt der kleine Kuckuck, der schon schnell ein großer wird, sobald er zwölf Tage nach der heimlichen Eiablage geschlüpft ist. Und ein starker. Schon acht Stunden, nachdem er die Schale durchstoßen hat, stemmt er die anderen Eier in einem Kraftakt hinaus - notfalls auch die jungen Stiefgeschwister. In diesem Nest kann es nur einen geben.

In Lünen-Beckinghausen, wo die alten Römer einst ihr Castell hatten, sind Kuckucks-Rufe im Mai und Juni zu hören.

In Lünen-Beckinghausen, wo die alten Römer einst ihr Castell hatten, sind Kuckucks-Rufe im Mai und Juni zu hören. © vom Hofe

Die Fortpflanzungsart ist stressfrei und effizient und hat sich in der Evolution durchgesetzt. Warum hat der Kuckuck dann ausgerechnet im 21. Jahrhundert existenzielle Schwierigkeiten bekommen? Ornithologen nennen ein ganzes Bündel von möglichen Ursachen.

Klimawandel sorgt für Probleme

Etwa den Klimawandel: Der Frühling Beginnt immer früher. Gartenrotschwanz, Teichrohrsänger - das ist ein anderer Name für den Rohrspatz - und die anderen möglichen Pflegeeltern kommen entsprechend früher aus ihren Winterquartieren zurückt. Der Kuckuck, der die meiste Zeit des Jahres in Zentralafrika südlich des Äquators, verbringt, kommt immer häufiger zu spät, um seine Eier Fremden unter zu schieben.

Oder die Veränderung der Landschaft durch Flächenfraß wachsender Städte und durch die moderne Landwirtschaft. Bei vielen Vogelarten sind dramatische Rückgänge zu beobachten, darunter auch Wirtsvögel der Kuckuckskinder. Sie finden nicht mehr ihren angestammten Lebensraum, die Wildpflanzen und die davon lebenden Raupen, Käfer oder Heuschrecken. Eine Insektenart, die gerade gegen den Trend um sich greift, könnte helfen.

Eichenprozessionsspinner auf dem Speiseplan

Das meint Falko Prünte, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Station für den Kreis Unna und für Dortmund. Die Eichenprozessionsspinner, diese Raupen mit den gefährlichen Brennhaaren, hätten nur wenige natürliche Feinde. „Der Kuckuck gehört dazu“: ein Nahrungsangebot für gerade flügge gewordene Jungvögel. Mehr Giftraupen, mehr Kuckucks - ob diese Rechnung aufgeht, weiß auch Prünte nicht. Zumindest sei es eine schwache Hoffnung.

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