Kurzarbeitanzeigen sorgen für neue Arbeitsweise in der Arbeitsagentur

hzCorona-Krise

Immer mehr Firmen beantragen Kurzarbeit. Die Agentur für Arbeit muss eine Flut von Anträgen, Anfragen und Bescheiden auch aus Lünen bearbeiten. Das bringt Veränderungen mit sich.

Lünen

, 19.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Önder Aytekin in diesen Tagen in seinem Garten sitzt, blickt er auf 15 Autos. Die Fahrschulwagen müssen in Corona-Zeiten still stehen und parken auf seiner Wiese. „Seit dem 17. März“, berichtet der Inhaber der Fahrschule Europa in Lünen. Auch seine 20 Fahrlehrer können nicht arbeiten, die 15 Mitarbeiter im Büro erledigen, was noch anfällt.

Auch Irmgard Wiatrowski vom Pflegedienst Merten & Merten aus Lünen findet für einige Mitarbeiter kaum Aufgaben: Während die Nachfrage nach Pflege boomt, wird die Hauswirtschaftshilfe mehr und mehr abbestellt. „Wäsche waschen, putzen, das erledigen jetzt vielfach die Angehörigen“, erklärt Irmgard Wiatrowski. Andere wollen aufgrund der Ansteckungsgefahr mehr Abstand.

Genau wie diesen beiden können viele Unternehmen ihre Mitarbeiter kaum noch sinnvoll beschäftigten. Hier hilft die Kurzarbeit, die Arbeitgeber bei der Agentur für Arbeit beantragen können. Die Rahmenbedingungen dafür haben sich in Corona-Zeiten geändert - und das erleichtert den Zugang.

Zur sache

Das Kurzarbeitergeld (KUG)

  • Anspruch auf Kurzarbeitergeld besteht, wenn mindestens zehn Prozent der Beschäftigten einen Arbeitsentgeltausfall von mehr als zehn Prozent haben (vor Corona galten jeweils 30 Prozent)
  • Anfallende Sozialversicherungsbeiträge für ausgefallene Arbeitsstunden werden zu 100 Prozent erstattet
  • Der Bezug von KUG ist bis zu zwölf Monate lang möglich
  • Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter können ebenfalls in Kurzarbeit gehen und haben Anspruch auf KUG
  • In Betrieben, in denen Vereinbarungen zur Arbeitszeitschwankungen genutzt werden, wird auf den Aufbau negativer Arbeitszeitkonten verzichtet
  • Die weiteren Voraussetzungen zur Inanspruchnahme von KUG behalten ihre Gültigkeit.
  • Weitere Informationen und Antragstellung online unter https://www.arbeitsagentur.de/m/corona-kurzarbeit/

Bei der Agentur für Arbeit in Hamm, die auch für den Kreis Unna zuständig ist, geht seit Mitte März eine Flut von Anzeigen ein. Auch wenn die Agentur seit dem 18. März für den Publikumsverkehr geschlossen ist, wird hinter den verschlossenen Türen gearbeitet. Und das tun die meisten Mitarbeiter anders als gewohnt.

Arbeitsagentur setzt andere Schwerpunkte bei der Tätigkeit

Schwerpunkttätigkeit der 200 dort beschäftigten Mitarbeiter sind eigentlich Berufsberatung, Arbeitsvermittlung und Arbeitgeberservice. Der Leistungsbezug wird von Mitarbeitern bearbeitet, die formal zur Agentur für Arbeit Dortmund gehören, auch wenn sie in Hamm sitzen. Doch die schaffen die Arbeit nicht mehr allein. Die Hammer Kollegen springen ihnen daher jetzt bei.

„Wir brauchen Kolleginnen und Kollegen an der Leistungsfront“, erklärt Thomas Helm, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Hamm, warum Arbeitsvermittlung und Berufsberatung in der Aufgabenpriorität derzeit an letzter Stelle kommen. Es sei denn, es handelt sich um aktuell dringend gesuchte Kräfte in der Pflege oder Ernte.

Zum Stand 31. März hatten sich in Hamm und dem Kreis Unna 2100 Betriebe gemeldet und Kurzarbeit angezeigt: Zum Vergleich: Während der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009 waren es insgesamt knapp 780 Betriebe. „Und inzwischen sind vier Wochen rum. Im April hat es deutlich angezogen“, erklärt Helm. Genaue Zahlen zum aktuellen Stand gibt es jedoch erst Ende des Monats. Erst dann würden die tatsächlichen Dimensionen der Krise sichtbar.

Kurzarbeit angezeigt, aber Geld noch nicht abgerufen

Wobei auch das erst nur grob, denn viele Unternehmen haben bislang gehandelt wie der Pflegedienst Merten & Merten: „Wir haben zwar die Kurzarbeit angezeigt, aber noch nicht in Anspruch genommen“, sagt Irmhard Wiatrowski. Bislang habe man versucht, andere Lösungen zu finden und ein wenig umzustrukturieren.

Die 450-Euro-Teilzeitkräfte beschäftige man weiter, weil die sonst keine andere Absicherung hätten, erklärt Wiatrowski. Entgegenkommen dem Pflegedienst jedoch die erleichterten Bedingungen für Kurzarbeit: Die 25 Hauswirtschaftskräfte, die nicht beschäftigt werden können, würden sonst bei den insgesamt 170 Mitarbeitern gar nicht ins Gewicht fallen.

Das sieht in der Fahrschule anders aus: „Wir setzten gerade auf Weiterbildung. Das war's“, sagt Aytekin. Ein bisschen Kundenkontakt hier, ein paar Rechnungen und Mahnungen schreiben dort: Mehr geht nicht, wo der Betrieb still steht. „Genau werden wir aber erst in einigen Monaten wissen, wie viel Kurzarbeit es tatsächlich gegeben hat. Im Moment gehen nur die Anzeigen ein“, erklärt Thomas Helm von der Agentur für Arbeit. Denn die Arbeitgeber berechnen das Kurzarbeitergeld selbst, bezahlen die Angestellten und lassen sich die Summe im Nachhinein von der Agentur für Arbeit erstatten. „Wie wir die Abrechnungen schaffen, wird auch nochmal spannend“, gibt Helm zu. „Jede Abrechnung für jeden betroffenen Arbeitnehmer muss einzeln bearbeitet werden.“

Deshalb bilden sich die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit derzeit weiter. Mit Leistungsbezug und rechtlichen Grundlagen hatte der Großteil von ihnen bislang nichts zu tun. Und bislang fehlten auch die technischen Voraussetzungen und Zugriffsberechtigungen für diese Arbeit. „Der Sozialdatenschutz ist für uns äußerst wichtig. Der Datenzugriff war bislang strikt in Leistung und Vermittlung getrennt“, erklärt Helm.

Technische Voraussetzungen geschaffen

In einem „Kraftakt“ wurde die komplette EDV umgestellt - und alle Mitarbeiter ziehen mit. Das Team, das sich normalerweise um das Thema Kurzarbeitet kümmert, konnte bereits verfünffacht werden. Tendenz steigend, denn es muss quasi über Bedarf ausgebildet werden, damit die Berufsberater, wenn die Wirtschaft wieder anläuft, wieder in die Jobvermittlung zurückkönnen, ihre Arbeit bei der Antragsbearbeitung aber nicht liegen bleibt.

„Es ist nicht nur ein Kraftakt, es macht auch noch Spaß“, sagt jedoch Anja Peka, die bislang als Berufsberaterin an Schulen unterwegs war, nun jedoch einen Bürojob in der Leistungsabteilung eingenommen hat. „Es geht ja jetzt darum, alles zu versuchen, Arbeitsplätze zu sichern. Und da können wir helfen, da können wir etwas tun“, sagt sie, dass das gerade „richtig gut tut“.

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