Tatortreiniger und Entrümpler Rüdiger Mertens präsentiert die historische Limonadenflasche, die in Lünen abgefüllt wurde. © Julian Preuß
Rarität

Limonade aus Lünen ist 90 Jahre alt: Skurriles Fundstück

Maximilian Mertens (42) ist Tatortreiniger. Er hat schon viele kuriose Dinge gefunden. Nun bereichert eine ungeöffnete Limonadenflasche aus den 1930er-Jahren seine Sammlung.

Die Wohnung im Lüner Süden gleicht einem Antiquitätengeschäft. An den Wänden finden sich Vitrinen, Regale und Schränke voller Gegenstände. Kugelschreiber, Feuerwehrorden, Modellautos, Uhren – alles, was das Trödlerherz höherschlagen lässt. Zwischen den unzähligen Fundstücken wirkt die kleine Glasflasche mit dem dunkelroten Verschluss und dem orangenen Etikett unscheinbar. „Fruchtsaftgetränk“ steht dort in Buchstaben geschrieben, die der Frakturschrift sehr ähnlich sieht. Die weinrote Flüssigkeit lässt Traubensaft im Inneren vermuten.

Mertens findet Flasche bei Reinigung eines Leichenfundorts

Probieren möchte Rüdiger Mertens nicht. „Das Haltbarkeitsdatum ist bestimmt schon abgelaufen“, meint der selbstständige Tatortreiniger und Wohnungsauflöser mit einem Lächeln. Gefunden hat er die einzelne Flasche bei Reinigung eines Leichenfundorts – in einem Schrank auf dem Dachboden der verstorbenen Person.

Dieser Kassenzettel ist aus den 30er Jahren und gibt Hinweise auf das Alter der Flasche mit Limonade.
Dieser Kassenzettel ist aus den 30er Jahren und gibt Hinweise auf das Alter der Flasche mit Limonade. © Julian Preuß © Julian Preuß

Besonders kurios: Er fand auch eine Quittung, ob sie zu der gefundenen Flasche gehört, lässt sich nicht mehr sagen. Ausgestellt hatte sie die Bier-, Mineralwasser-, Spirituosen- und Weingroßhandlung Karl Ebrecht. Der gleiche Name findet sich auf dem Etikett der Flasche. Auf dem vergilbten Zettel ist schwer lesbar der Preis zu erkennen: 3,25 Reichsmark – geschrieben mit blauer Tinte. Auch das Ausstellungsdatum wurde eingetragen. Anfang der 1930er-Jahre wurde die Rechnung geschrieben. Das genaue Datum ist nicht mehr lesbar.

Rechnung stammt aus den 1930er Jahren

Trotzdem lässt der Zettel auf das ungefähre Alter der ungeöffneten Flasche schließen. Seit etwa 90 Jahren wartet die Limonade darauf, getrunken zu werden. „Sie sah sehr alt aus, ich mag so etwas. Außerdem kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es eine der letzten Exemplare ihrer Art ist. Deshalb habe ich sie mitgenommen“, erklärt Mertens, der sich selbst als „Jäger und Sammler“ bezeichnet. Den Fund teilte er bei Facebook. Innerhalb von 24 Stunden kommentierten mehr als 30 Personen den Beitrag – 250 Menschen gefiel er.

Das “Fruchtsaftgetränk” stammt von Karl Ebrechts Betrieb in Lünen. © Julian Preuß © Julian Preuß

Via Google begab sich der 42-Jährige auf Spurensuche zu der Rarität und kam zu dem Schluss: „Das ist die nächste Kuriosität in meiner Sammlung.“ In seinem Berufsalltag findet der Tatortreiniger immer wieder Schätze aus der Vergangenheit, die er behalten darf. So lebe immer ein Stück der Verstorbenen in den Gegenständen weiter, findet Mertens.

Der Dortmunder zog vor etwa einem Dreivierteljahr nach Lünen. Bereits als junger Erwachsener entdeckte er seine Leidenschaft für alte Dinge. „Ich bin früh von zu Hause weg und habe in heruntergekommenen Gebäuden und Wohnungen gelebt. So habe ich angefangen, Messie-Unterkünfte aufzuräumen“, erinnert er sich. Später machte er sich selbstständig, führte Haushaltsauflösungen durch und machte die notwendigen Qualifikationen als Tatortreiniger.

„Die Funde helfen mir, mit vielen Dingen klarzukommen“, sagt Mertens. Er habe viele Schicksale und menschliche Abgründe erlebt, die auch sein alltägliches Verhalten prägen. „Wenn sich beispielsweise der Rollator der Nachbarin mehrere Tage nicht bewegt, werde ich aufmerksam“, erzählt er und ergänzt: „Es beschäftigt mich, wenn Personen teils mehrere Jahre tot in ihren Wohnungen liegen. Und das, obwohl der Leichengestank penetrant ist.“

Viele Gegenstände sind zu schade zum Wegwerfen

Daher verbindet er mit vielen Stücken seiner Sammlung noch die Fundorte und auch die Menschen, denen sie vorher gehörten. „Ich habe beispielsweise mal ein selbst gemaltes Gemälde einer Autistin gefunden und sollte es entsorgen – doch das konnte ich nicht. Es war zu schön zum Wegwerfen“, erinnert sich Mertens. Nun steht es in seinem Keller. Wie viele andere Dinge auch, die er nach seinem persönlichem Geschmack mitnahm und vor der Entsorgung rettete.

Eigentlich wollte Mertens einige der Antiquitäten auf Trödelmärkten verkaufen. Dann kam die Corona-Pandemie. Dennoch hegt er den Traum, irgendwann seinen eigenen Trödelladen in Lünen zu eröffnen. Genug Verkaufsgegenstände hätte er auf jeden Fall. Doch es sei schwierig, passende Räumlichkeiten zu finden. Sollte sich dieser Wunsch dennoch irgendwann erfüllen, würde Mertens trotzdem weiter als Tatortreiniger arbeiten und Wohnungen entrümpeln. „Das ist mein Traumjob“, sagt er.

Von einigen Sammlergegenständen wird er sich dann jedoch nicht trennen – beispielsweise von einem alten Micky-Maus-Telefon. Auch die in Lünen abgefüllte Limonadenflasche wandert in eine Vitrine: „Damit sie nicht umfällt und kaputt geht.“ Und vielleicht die nächsten 90 Jahre unbeschadet übersteht.

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