Er ist wieder da: der regelmäßige Besucher des Hofes Schulze Wethmar. © Peter Strube
Naturschauspiel

Lippeaue im Frühling: Treue der Störche gilt dem Nest, nicht dem Partner

Gerade einmal drei Storchenpaare haben 1991 noch in NRW gebrütet. 20 Jahre später waren es allein in der Lippeaue zwischen Werne und Lünen drei. Die ersten Vögel sind jetzt zurück.

Der Frühling ist da, und das schon Ende Februar. Er ist nicht ganz einen Meter groß, trägt ein weißes Federkleid mit schwarzen Kanten, hat knallrote Beine und sagt keinen Pieps. Peter Strube aus Lünen hat ihn entdeckt. Und fotografiert.

Der langbeinige Frühlingsbote lässt sich von der menschlichen Aufmerksamkeit nicht aus der Ruhe bringen. Ausdauernd stolziert er weiter auf der Wiese neben dem Hof Schulze Wethmar umher, während Strube das Objektiv auf ihn richtet: Meister Adebar, so heißt das Tier seit dem Mittelalter. Es gilt in den Geschichten, die sich Menschen seit Alters her erzählen, als gelehrt und hochmütig. Davon ist auf Strubes Fotos nichts zu sehen. Stattdessen erscheint der Storch dort als unermüdlich und hungrig. Ohne Unterlass stochert er mit seinem langen Schnabel im Grünland herum.

Störche kommen, um zu bleiben seit 2012

Der Storch hat Appetit. Dass es nahe der Lippe Mäuse, Regenwürmer und sonstiges aus Storchensicht wohlschmeckendes Getier zu finden gibt, weiß der mit dem Nimmersatt verwandte Vogel. Vermutlich kennt er die Lippe-Aue bereits aus den Vorjahren. Seit 2012 kommen dorthin Störche, um zu bleiben. Den ersten hat ein anderer Fotograf im Bild festgehalten: der Ornithologe Klaus Nowack aus Werne.

Das Foto stammt vom 14. April 2012. Ein Storch sitzt auf einer von Menschen angelegten Nisthilfe: nichts, was mit den üblichen Nistkästen in Gärten vergleichbar wäre, sondern eine Kanzel, die so groß ist wie ein Wagenrad und auf einer Art Telegrafenmast ruht. Nowack hatte das Foto in der Nähe der Biologischen Station Heil aufgenommen – vom Bio-Hof Schulze Wethmar aus sechs Kilometer Luftlinie entfernt auf der anderen Seite der Lippe. Eine historische Aufnahme.

Ein historisches Bilddokument: Klaus Nowack hat den ersten Storch fotografiert, der sich auf eine der damals neuen Nisthilfen in der Lippeaue niedergelassen hat. Das war 2012. Bis zur ersten Brut dauerte es noch vier Jahre. © Klaus Nowack © Klaus Nowack

Zum ersten Mal war es gelungen, im Bild festzuhalten, dass sich ein Storch für die von Menschen gemachten Nester interessiert. Zur Brut war es damals zwar noch nicht gekommen, aber immerhin: Es war ein Zeichen dafür, dass die Naturschützer im Kreis Unna, die den Storch in der Lippeaue ansiedeln wollten, auf dem richtigen Weg waren. Seit rund fünf Jahren brüten die Mitglieder des Hauses Adebar dort tatsächlich. Allein 2020 schlüpften sieben Junge in drei Gelegen zwischen Werne und Lünen. Ein Storchennest war nahe des Gersteinwerks an der Stadtgrenze zu Hamm, ein anderes in Alstedde und ein drittes nahe eines Altarms der Lippe irgendwo dazwischen.

Störche honorieren die Anstrengungen des Umweltschutzes

Klaus Nowack kann sich noch gut daran erinnern, dass die klappernden Frühlingsboten Lünen und Werne wie den gesamten Kreis Unna gemieden hatten. „Jahrzehntelang waren die nicht da“, sagt er. „Und ob sie je in der Lippeaue gebrütet haben, weiß niemand“, ergänzt Klaus Klinger, Leiter der Biologischen Station in Bergkamen-Heil, die für den Kreis Unna und Dortmund zuständig ist. Das Weißstorchprojekt, das die Bio-Station 2008 angestoßen hat, sei „ein echter Erfolg“: eine Bestätigung für die Unterschutzstellung der Aue und die Umstellung auf extensive Landwirtschaft dort. Obwohl es auch Enttäuschungen gab.

Mit dem Aufstellen von Nisthilfen ist es nicht getan. Das mussten die Naturschützer leidvoll feststellen. Denn ausgerechnet das Storchennest an der Biostation in Heil meiden die Vögel, das auf dem Dach der Station ebenfalls. Statt sich ins gemachte Nest zu setzen, haben sie lieber selbst gebaut: einen Horst auf einem Hochsitz in Alstedde, wie Klinger erzählt. Die Jägerinnen und Jäger hätten ihn daraufhin an die Storchenfamilie abgetreten – dauerhaft. Denn wo ein Storchennest einmal ist, bleibt es auch. Zumindest ein Partner kehre immer wieder dorthin zurück. Der Storch bleibt seinem Nest treu – seinem Partner nicht unbedingt.

Wilder Sex verdankt ihm den Beinamen

„Störche führen eine Saisonehe“, sagt Klaus Nowack. Ihr sehr freizügiges Sexualleben – Störche paaren sich zum Teil mehrmals in der Stunde vor aller Augen in der Öffentlichkeit – ließen ihn zum Symbol der Fruchtbarkeit werden: zum Babys bringenden Klapperstorch.

Das weiß auch Dirk Schulze Wethmar. Deshalb sieht er seinen geflügelten Nachbarn mit gemischten Gefühlen. „An sich ist er mir sehr willkommen“, sagt der Bio-Landwirt. Seit einigen Jahren komme er jedes Jahr und besuche die Weiden rund um den Hof. „Inzwischen haben wir aber vier Kinder“, sagt Schulze Wethmar und lacht. Der Storch könne ja gerne bleiben. „Aber Babys braucht er uns eigentlich nicht mehr zu bringen.“ Seit der Geburt der Zwillinge haben die Schulze Wethmars vier Kinder und sind nach Bekunden des Vaters „rundum glücklich damit“.

Statt in den Tschad in die Rieselfelder

Woher der weiße, hochbeinige Frühlingsbote kommt, der auf der Wiese neben dem Bauernhof Regenwürmer und Mäuse sucht? Ohne Ring am Fuß lässt sich da nur spekulieren. Vielleicht hat er in der Westafrikanischen Sahelzone zwischen dem Tschad und dem Senegal überwintert Und ist über Gibraltar an die Lippe gekommen wie die meisten seiner Artgenossen, die in Süd – und Westdeutschland brüten. Vielleicht hat er es sich auch einfacher gemacht. „Warum die kräftezehrende Reise auf sich nehmen, wenn es gar nicht mehr so eiskalt wird wie ehedem? Viele fliegen deshalb nur noch bis nach Spanien. „Und manche Störche bleiben im Winter auch in Deutschland“, sagt Klaus Nowack. Mindestens vier in den Rieselfeldern in Münster.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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