Lüner Apotheker-Sprecher: Ärzte wollen Dauerrezepte nicht

hzGesetz ohne Umsetzung

Verabschiedet wurde das Gesetz für Dauerrezepte schon vor Corona, umgesetzt wird es aber immer noch nicht. Der Lüner Apotheker-Sprecher Dagobert Ullrich vermutet dahinter eine Absicht.

Lünen

, 02.10.2020, 10:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für Annegret Gosemärker wäre es „ein echter Segen“, wenn sie nicht für jedes neue Rezept zum Hausarzt müsste. Seit vielen Jahren leidet die 65-Jährige an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Dazu kommt die erbliche Stoffwechselerkrankung, durch die ihre Lunge nicht mit dem nötigen Eiweiß versorgt wird. Jede Woche bekommt sie deswegen beim Lungenarzt Eiweißinfusionen. Über den Arzt wird Annegret Gosemärker auch mit den nötigen Rezepten versorgt.

Schwierig ist allerdings, andere Rezepte, die die chronisch kranke Lünerin braucht, zu besorgen. Seit vielen Jahren nimmt sie beispielsweise Schlaftabletten. „Die sind zwar nicht gut, aber ohne die kann ich einfach nicht schlafen, und bei mir kann man sowieso nichts mehr kaputt machen“, sagt sie. Mühsam sei es, deswegen regelmäßig zum Hausarzt zu müssen. Weil sie Angst vor einer Ansteckung durch andere Patienten hat, wartet sie meist vor der Praxis, während ihr Mann das Rezept abholt - Quartal für Quartal. Außerdem muss sie immer genau kalkulieren, wie lange die Packung mit den 20 Tabletten noch reicht und wo die Wochenenden und Feiertage liegen. „Es wäre wirklich sehr entlastend für mich, wenn ich dafür einfach ein Dauerrezept hätte“, sagt Annegret Gosemärker.

Gesetz ist in Kraft, aber...

Schon vor knapp einem Jahr wurde ein solches Gesetz, das chronisch Kranken ermöglicht, mit weniger Arztbesuchen an ihre Medikamente zu kommen, verabschiedet. Durch Dauerrezepte sollen Patienten das entsprechende Medikament nach erstmaliger Verordnung durch den Arzt noch bis zu drei weitere Male ohne weitere Verordnung direkt in der Apotheke abholen können. Die Regelung soll zu Erleichterungen für Arzt und Patienten führen, nicht aber medizinisch notwendige Arztbesuche ersetzen. In Kraft getreten ist es im März 2020. „Was vom Gesetzgeber als Erleichterung für Versicherte und auch als Entlastung für Praxen geplant war, erweist sich ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes weiterhin als Dauerbaustelle. Das Gesetz läuft offensichtlich ins Leere“, bemängelt Thorben Krumwiede, Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD).

Das Problem: Konkrete Ausführungsbestimmungen hat der Gesetzgeber im Gesetz nicht vermerkt. Der Deutsche Apothekerverband, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen können sich nicht auf ein Vorgehen einigen, so der UPD. Somit bleibe das Gesetz bisher folgenlos.

Mangelnde Bereitschaft der Ärzte

Dass das so ist, hängt an den Ärzten, sagt Dagobert Ullrich, Sprecher der Lüner Apotheker und Inhaber der Bären-Apotheke. „Von ärztlicher Seite will man die Kompetenz nicht abgeben“, vermutet er. In seiner Apotheke gäbe es einige Patienten, die sehr regelmäßig kämen. Zum Beispiel solche, die an Bluthochdruck oder Herzinsuffizienz leiden. „An uns Apothekern scheitert es nicht“, so Ullrich, „aber das Prinzip ist ärztlicherseits nicht gewollt.“ Tochter Antonia Ullrich, ebenfalls Apothekerin, ergänzt: „Nur so werden zu Quartalsanfang die Krankenkassenkarten eingelesen. Fällt das weg, bekommen die Ärzte für das Ausstellen der Rezepte für das Quartal kein Geld.“

Der Brambauer Allgemeinmediziner Johannes Püschel relativiert: „Natürlich spielen wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle“, sagt er. „Einen Teil der Umsätze bestreiten wir aus den Rezeptverordnungen. Aber dass sie alleine die Triebfeder sind, glaube ich nicht.“ Als verordnender Arzt habe er die Verantwortung für die Patienten. Deswegen sei es wichtig, dass er die Patienten regelmäßig sieht. „Eine Dauerrezeptur müsste flexibel auf die Behandlungsrealität abgestimmt sein“, so seine Meinung.

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