Lüner Apotheker: Gericht sollte sich lieber mit wichtigeren Themen befassen

hzAus für Apotheken-Geschenke

Eine Packung Taschentücher oder Traubenzucker gibt es in Apotheken zum Medikament als Geschenk dazu. Das hat der Bundesgerichtshof jetzt verboten. Lüner Apotheker finden das lächerlich.

Lünen

, 08.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, lautet ein Spruch. In Apotheken sind es die Kunden gewöhnt, dass es immer mal etwas dazu gibt, wenn sie ihr Rezept einlösen. Von der Packung Taschentüchern in Grippezeiten über kleine Päckchen mit Traubenzucker bis zu Punkten, die man sammeln und dann gegen Prämien tauschen kann.

„Gehörte immer schon dazu“

Damit jedoch, so die Richter des Karlsruher Bundesgerichtshofes, unterwandern Apotheker die Preisbindung. Bislang hatten die Juristen Mini-Geschenke im Wert von bis zu einem Euro durchgehen lassen. Auch damit ist jetzt Schluss.

Lüner Apotheker schütteln über dieses Urteil den Kopf. Andere Themen seien viel wichtiger, sagen sie.

„Ich finde, Politik und Gerichte sollten sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen als mit Taschentüchern in den Taschen der Patienten“, so der Sprecher der Lüner Apotheken, Dagobert Ullrich.

Lüner Apotheker: Gericht sollte sich lieber mit wichtigeren Themen befassen

Apotheker Dagobert Ullrich fände es sinnvoller, wenn sich die Politik mit der Reduzierung von Plastikverpackungen beschäftigen würde. © Foto: Fröhling

Kleine Aufmerksamkeiten wie eben die Packung Taschentücher oder Geschmacksmuster gehörten seiner Meinung nach „immer schon dazu“.

„Größere Auswüchse wie Punkte oder Taler, auch wenn es viele machen, gehen am Wesen der Apotheke vorbei“, so Ullrich. Dadurch werde der Fokus nicht mehr auf Gesundheit und Arzneien gelenkt: „Der Kunde konzentriert sich auf Bratpfanne oder Einkaufskorb, den er für seine Punkte bekommt.“ Ullrich hat sich „vor einigen Jahren“ dagegen entschieden, sieht seine „Bären-Apotheke“ als klassische Apotheke.

Verstoß gegen Preisvorschriften

Klage in Karlsruhe

  • Die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs hatte vor dem Bundesgerichtshof geklagt.
  • Konkret ging es um zwei Gutscheinaktionen von Apotheken in Darmstadt und Berlin, die die Richter beanstandeten.
  • In einem Fall gab es Gratis-Brötchen für die Apotheken-Kunden, im anderen einen Euro Nachlass beim nächsten Einkauf.
  • Entschieden wurde, dass auch „geringwertige Werbegaben“ einen spürbaren Verstoß gegen Preisvorschriften darstellten und damit wettbewerbswidrig seien. (Az. I ZR 206/17 u.a.)

Wichtiger wäre es, so Ullrich, wenn sich die Politik mit dem Vermeiden von Plastiktüten und Verpackungsmüll beschäftigen würde. „Wenn wir Medikamente verschicken oder ausliefern, können wir sie ja nicht offen abgeben. Aber es wäre wichtig, dabei dennoch Plastik zu vermeiden.“ Eine Umsetzung müsse schneller erfolgen, denn die Kunden legten großen Wert auf Umweltschutz.

Für ausländische Apotheken gelten Regeln nicht

Für Dr. Susanne Streich, die in Brambauer drei Apotheken führt, stellt die Entscheidung des Bundesgerichtshofs eine Diskriminierung von inländischen Apotheken dar. Denn für ausländische Apotheken, bei denen die Patienten per Internet bestellen, gelten die Regelungen nicht.

Sie hat vor über fünf Jahren ein Prämiensystem mit Apotheken-Talern eingeführt. „Natürlich gibt es Taler auch für Sachen, die man ohne Rezept hier kaufen kann, wie Kosmetik.“

Lüner Apotheker: Gericht sollte sich lieber mit wichtigeren Themen befassen

Dr. Susanne Streich will erstmal abwarten, was Apothekenkammer und Verband raten. Sie findet andere Themen wie Lieferengpässe wichtiger. © Foto: Wolfram Schroll / studioSc

Susanne Streich will erstmal die Reaktionen und Empfehlungen des Verbandes und der Apothekenkammer nach dem Urteil abwarten. „Es sieht aber so aus, als ob wir Kunden, die ein Rezept einlösen, keine Taler oder Taschentücher mehr geben dürften.“

Auch sieht sie andere Themen als viel wichtiger und gravierender an. „Es gibt derzeit massive Lieferschwierigkeiten bei 64 Medikamenten. Betroffen sind Blutdruckmittel, Impfstoffe, aber auch Mittel für Bienen-Allergiker oder fiebersenkende Säfte. Da muss etwas passieren in der Politik.“

Kampf mit unterschiedlichen Waffen

Das Problem ist, dass durch das Verbot von Werbegaben deutsche Apotheken schlechter gestellt werden, sagt auch Torsten Hackenberg, Inhaber der „Apotheke am Hauptbahnhof“.

„Für die Versandapotheken, die im Ausland sitzen, gilt das deutsche Recht nicht“, sagt er. Hackenberg bezeichnet die Entscheidung der Karlsruher Richter als „im Prinzip lächerlich“ und fragt sich, „warum ausländische Versand-Apotheken bei uns alles machen dürfen. Dem einen Riegel vorzuschieben, wäre viel dringlicher.“

Hier kämpfe man im Wettbewerb um den Kunden mit unterschiedlichen Waffen.

Lüner Apotheker: Gericht sollte sich lieber mit wichtigeren Themen befassen

Die kleine Packung Traubenzucker zum vom Arzt verschriebenen Antibiotikum für ein erkältetes Kind darf nicht mehr in der Apotheke verschenkt werden. © pa/obs/ABDA Bundesvgg. Dt. Apoth

Natürlich werde er sich an die Regelung halten. Aber Hackenberg bedauert es, „wenn man dem kleinen Kind mit Fieber, das ein Antibiotikum verschrieben bekommen hat, nicht mehr als Trost Traubenzucker schenken darf.“ Das geht nur noch, wenn zusätzlich beispielsweise ein rezeptfreies Nasenspray gekauft wird.

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