Schnell viele impfen, das möchte Hausarzt Dr. Arne Krüger (Archivbild). Von der Politik fühlt er sich ausgebremst. © Goldstein
Coronavirus

Lüner Arzt frustriert: Impfstoff des Kreises darf nicht in die Praxen

Impffrust bei Dr. Arne Krüger. Die Hausärzte würden ausgebremst. Seine Kritik: Das NRW-Gesundheitsministerium verhindere, dass überzähliger Impfstoff aus dem Impfzentrum in den Praxen lande.

Den Hausärzten fehlt Impfstoff und dann auch noch der passende. „Wir kommen nicht vorwärts“, ärgert sich Dr. Arne Krüger, Vorsitzender des Lüner Ärztevereins. Klare Worte zur Impfsituation fand er in der Sendung „Live nach 9“ der ARD am Donnerstag (15.4.).

Seine Kritik zielt auch auf das NRW-Gesundheitsministerium: Im Impfzentrum in Unna erreiche man Kapazitätsgrenzen. Kein Verständnis habe Krüger dafür, dass die Hausärzte bewusst ausgebremst würden. Denn Impfstoff, der dort demnächst übrig sei, dürfe nicht an die Praxen verteilt werden. Er sieht dahinter ein Politikum. Das Land setze auf die Struktur der Impfzentren und wolle sogar noch zusätzliche Impfstellen einrichten.

Volker Meier, Pressesprecher des Kreises Unna, bestätigt das. Der Kreis sei im Gespräch mit dem Ministerium. Das Impfzentrum habe eine sechste Impfstraße in der Turnhalle in Unna eingerichtet und wolle die Taktung erhöhen. Doch in absehbarer Zeit komme es aber an seine Grenzen. Denn es stünde nur eine bestimmte Anzahl an Ärzten zur Verfügung.

Beim Kreis gebe es daher die Idee, Impfstoff, der dort nicht verabreicht werden könne, an die Hausärzte zu geben. Es handelt sich dabei um Impfstoff der Firmen Biontech und Moderna. Dieser Vorschlag werde mit dem NRW-Gesundheitsministerium intensiv diskutiert, so Meier. Das Ministerium entscheidet darüber, weil es nicht nur den Impfstoff, sondern auch die Logistik zur Verfügung stellt. Eine Antwort zu dem Thema habe der Kreis Unna bis Freitagnachmittag (16.4.) nicht bekommen.

Kapazitäten im Impfzentrum erhöhen

Auf Anfrage der Redaktion erklärt das Ministerium: „Der Kreis Unna, die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe und das Ministerium für Arbeit Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen befinden sich derzeit in einem Austausch zur Ausweitung der Impfkapazitäten im Impfzentrum des Kreises Unna.“ Aufgabe dieser Zentren sei die Sicherstellung der Impfung der allgemeinen Bevölkerung, heißt es weiter. Dafür erhielten die Impfzentren, in diesem Fall das des Kreises Unna, durch das Land Nordrhein-Westfalen entsprechende Impfstoffmengen, die durch das Impfzentrum vor Ort zu verimpfen seien.

Ärzte bekommen Impfstoff vom Bund

„Der Impfstoff, welcher den Impfzentren durch das Land zur Verfügung gestellt wird, soll somit die Verimpfung der allgemeinen Bevölkerung im Kreisgebiet sicherstellen“, schreibt die Pressestelle des Ministeriums. Parallel erhielten auch niedergelassene Ärzte Impfstoff für Menschen, die einen Anspruch aufgrund chronischer Erkrankung hätten. „Die Zuweisung dieses Impfstoffbudgets erfolgt unmittelbar durch den Bund.“

Wie viel Impfstoff das sein wird, weiß Krüger nicht. Habe er Anfang April Biontech-Dosen bekommen, habe es diese Woche Astrazeneca gegeben. Ein Impfstoff, der laut Ständiger Impfkommission (Stiko) nicht jedem verabreicht werden darf. Er bedeute einen höheren Beratungsbedarf bei den Patienten, der so in die Praxen verlagert würde. „Wir sollen pflegende Angehörige impfen, können es aber nicht mit Astrazeneca, weil viele weiblich und unter 60 sind“, sagt Krüger. Für kommende Woche seien ihm gerade mal 18 Dosen Biontech angekündigt worden.

Doppelstruktur bedeutet viel Arbeit

Dass die Leute bei ihren vertrauten Ärzten geimpft werden wollen, werde von der Politik ignoriert. Man setzte auf das System der Impfzentren, statt jetzt die zu nutzen, die da sind: die Praxen. Die Zentren seien als Bypass geplant gewesen, jetzt müssten sie geschlossen werden, fordert Krüger. Denn die Doppelstruktur bereite viel Arbeit. Zwei seiner Arzthelferinnen säßen 20 Stunden in der Woche am Telefon. Vielfach würden Patienten angerufen, die dann aber schon im Impfzentrum geimpft worden seien. Andere wollten einen Termin, aber nicht mit Astrazeneca geimpft werden.

„Praxen sind schneller“

Krüger fordert, Impfstoff freizugeben und die Arbeit der Impfzentren in die Praxen zu verlagern. „Wenn ich ausreichend Impfstoff habe, kann ich 200 bis 300 Leute pro Woche impfen“, so Krüger. Die Praxen wären schneller als die Zentren. Beim Ministerium findet das keinen Anklang. Dort heißt es: „Die in Nordrhein-Westfalen aufgebauten Impfstrukturen bestehen aus einem Dreiklang: Impfzentren, mobile Teams und eigenständige Impfung des Krankenhauspersonals.“ So habe man die logistischen Anforderungen an eine termin- und bedarfsgenaue Auslieferung der Impfstoffe sowie an eine Rekonstitution der Impfstoffe erfüllen können. „Zudem war damit eine Sicherstellung der Umsetzung der Priorisierung gewährleistet“, teilt die Pressestelle mit.

Diskussion um Zweitimpfung

Damit das Impfen Fahrt aufnimmt, schlägt Krüger die Einstellung von Zweitimpfungen bis Mai vor. „Wir organisieren jetzt die Zweitimpfungen, dabei sind 80 Prozent noch gar nicht geimpft.“ Großbritannien und Israel hätten es vorgemacht. Man müsse so viel wie möglich impfen. Nach der Erstimpfung liege der Schutz bei 70 bis 80 Prozent. So könne man viele Leute retten. Auch dieses Thema wird beim Ministerium anders gesehen: Für eine vollständige Immunisierung seien zwei Impfstoffdosen notwendig. Die Zweitimpfungen fänden laufend neben der Erstimpfung statt. Das Gesundheitsministerium orientiere sich dabei an Empfehlungen der Stiko.

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Redaktion Lünen
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