Lüner Reisebüro-Chef: „Unsere Lage ist alarmierend und dramatisch“

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Immer noch sind es meistens Stornierungen, mit denen die Reisebüros zu tun haben. Auf ihren Kosten bleiben sie sitzen und von der Politik kommt nicht die erwartete Hilfe, so Joachim Horn.

Lünen, Selm

, 12.05.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diese Aussage macht betroffen: In den Reisebüros herrscht seit Mitte März de facto Berufsverbot. Diese Aussage stammt von Thomas Bösl, Mitglied im Vorstand des Deutschen Reise-Verbandes. Wie sein Vorstandskollege sieht es auch Joachim Horn, der in Lünen und Selm seit vielen Jahren erfolgreich Reisebüros betreibt.

Beide erwarten, „dass die Politik endlich respektvoller mit der Reisebranche umgeht“, wie Horn im Gespräch unterstreicht Der Reisebüro-Chef war mit Kollegen und Mitarbeitern bei den Demos seiner Branche in Dortmund mit dabei. Die Lage stelle sich derzeit „alarmierend und äußerst dramatisch dar“.

Joachim Horn war - natürlich mit Maske und Abstand - bei der Demo der Reisebüromitarbeiter dabei.

Joachim Horn war - natürlich mit Maske und Abstand - bei der Demo der Reisebüromitarbeiter dabei. © hORN

Jedes Reisebüro habe seit November für seine Kunden Urlaubs-Angebote herausgesucht, Reisen gebucht und viele anderen Serviceleistungen erbracht. Horn: „Da jedes Reisebüro als Handelsvertreter arbeitet, wird es von den Reiseveranstaltern auch erst dann bezahlt, wenn der Kunde seinen Urlaub angetreten hat.“

Nun wurden aber wegen der Corona-Pandemie seit Mitte März alle Reisen abgesagt. Also werden sämtliche Kosten eines Reisebüros aus den Monaten November bis März nicht mehr bezahlt. „Ganz im Gegenteil müssen die Reisebüros sogar erhaltene Provisionsabschläge oder -vorauszahlungen an die Veranstalter zurückerstatten, was für viele Kollegen einen Liquiditätsengpass bis hin zur Existenzgefährdung bedeutet. Konkret hat aktuell fast jedes Reisebüro daher ein hohes Minus aufgebaut,“ schildert Horn die Lage.

Kurzarbeit angemeldet

Er hat in seinen Reisebüros mit seinen Mitarbeitern derzeit Kurzarbeit angemeldet. Man sei aber weiterhin zu bestimmten Zeiten für die Kunden persönlich da, im Regelfall telefonisch und per E-Mail erreichbar. Auf Wunsch könnten unter strikter Einhaltung der Hygienebestimmungen auch individuelle Termine mit vereinbart werden.

Vereinzelt gibt es auch schon wieder Anfragen von Kunden, die neu einen Urlaub buchen möchten. Horn: „Hier werden wir entsprechend den Anfragen auch fündig.“ Das Gros der anfallenden Arbeit sind aber Umbuchungen, Stornierungen sowie Anfragen weit nach der bis zum 14. Juni geltenden Reisewarnung des Auswärtigen Amtes.

Umbuchungen oder Reisegutscheine

Teilweise haben die Kunden aber das Glück, dass große Reiseanbieter bereits bis Ende Juli oder August Umbuchungen anbieten, oder aber auf freiwilliger Basis bereit sind, die Buchung zurückzunehmen, wenn der Kunde freiwillig die Wandlung der geleisteten Anzahlung in ein Reiseguthaben akzeptiert.

Horn: „Aber auch hier muss ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir und die Kollegen in allen anderen Reisebüros diese Leistungen und alle damit verbundenen Beratungen ohne jegliche Vergütung erbringen, während alle Kosten weiterlaufen.“

Weil offenbar viel Unsicherheit herrscht, bekommen Horn und seine Kollegen auch zahlreiche Anfragen von Reisewilligen, die ihre Buchung im Internet oder über Call-Center getätigt haben und nun keine Ansprechpartner mehr finden.

„Auch hier helfen viele Kollegen und geben Auskünfte, soweit es möglich ist“, so das Vorstandsmitglied des Deutschen Reise Verbandes.

Für viele Branchen gab es bereits von der Bundes- oder Landesregierung Hilfsmaßnahmen. Doch die Reisebüros sagen, dass sie als kleinere Unternehmen „oftmals von den Politikern übersehen werden“ und „dass Politiker das spezielle Geschäftsmodell der Touristik nicht verstehen“.

Mit entsprechendem Abstand machten Mitarbeiter von Reisebüros aus der Region klar, wie schwierig die Lage in der Reisebranche derzeit ist.

Mit entsprechendem Abstand machten Mitarbeiter von Reisebüros aus der Region klar, wie schwierig die Lage in der Reisebranche derzeit ist. © Horn

Tatsächlich sei es aber so, dass in den Reisebüros sowie bei den Reiseveranstaltern fast 100.000 Menschen arbeiten. Berücksichtige man die ganze Touristik von der Fluggesellschaft bis hin zur Gastronomie, von der Bahn bis zum Mietwagen, dann arbeiten tatsächlich fast 3 Millionen Menschen in diesem Bereich in Deutschland.

Auch Joachim Horn kann zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, wann man wieder verreisen kann. Er geht aber davon aus, „dass zu allererst Reisen in Deutschland mit dem Pkw, mit dem Bus sowie der Bahn möglich sind, egal ob man seine Freizeit auf dem Campingplatz, in einem Hotel oder in einer Ferienwohnung verbringen möchte“.

Einige Bundesländer haben schon derartige Lockerungen bekannt gegeben, die sich aber fast täglich ändern.

Deutschland ist in diesem Sommer der Gewinner

Horn ist überzeugt davon, dass Deutschland in diesem Jahr im Sommer der Gewinner sein wird. Die Gründe dafür: Urlaub in Deutschland bedeutet Sicherheit, denn jeder Reisende hat die Gewähr, im Falle eines Falles schnell und sicher nach Hause zu kommen und dass vor Ort eine optimale Gesundheitsvorsorge sichergestellt ist.

Horn wünscht sich von der Bundesregierung, dass sie „Sorgen und Nöte und die speziellen Probleme der Reisebüros wahrnimmt.“ 11.000 Reisebüros deutschlandweit benötigten Sicherheit in Form von nicht rückzahlbaren Beihilfen, die zur Deckung der Basiskosten des Geschäftsbetriebes dienen. Horn: „Darüber hinaus benötigen die Reisebüros einen unkomplizierten Zugang zu KfW-Mitteln, um sicherzustellen, dass ihr Überleben gewährleistet wird.“

Da viele Reisebüros anders als Handwerk und Industrie oftmals von Einzelkaufleuten geführt würden, die keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben, sei zusätzlich eine Beihilfe zum Lebensunterhalt dieser Unternehmer dringend notwendig.

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