Daniel, Leon und Janis (vlr) machen in Lünen ihr Abitur - mitten in der Corona-Pandemie. © Privat
Abitur in der Pandemie

Lüner Schüler über anstehendes Abitur: „Ich hänge in der Luft“

In wenigen Tagen beginnen die Abiturprüfungen an den Schulen in NRW. Zwei Lüner Schüler erzählen vom Lernen während der Pandemie, ihrer Gefühlslage und Perspektiven für die Zeit danach.

Janis Katthagen und Leon Günther, beide 18 Jahre alt und beide Schüler an der Käthe-Kolwitz-Gesamtschule, stehen kurz vor ihren Abiturprüfungen. Am 23. April geht es los mit der schriftlichen Prüfung in Englisch, Anfang Juni werden sie die Schule dann, wenn alles glatt läuft, zum letzten Mal als Schüler von innen gesehen haben.

„Das Format Distanz ist nicht fürs Lernen gemacht“

Diese Perspektive ist für beide, vermutlich mehr noch als bei jeder Schülergenration zuvor, mit sehr gemischten Gefühlen verbunden. „Vier bis fünf Stunden Unterricht vor dem PC sind einfach sehr ermüdend“; und das ohne richtigen Ausgleich: Sport, Feiern, Freunde treffen. Auch Leon Günther sagt: „Beim Unterricht zu Hause herrscht einfach eine ganz andere Atmosphäre. Es gibt keinen direkten Austausch, keine Gruppenarbeit, man ist einsam und schon morgens unmotiviert.“ Vor der Pandemie sei er sechs Mal pro Woche ins Fitnessstudio gegangen. „Das war mein Ausgleich“, sagt er.

Homescooling, vor allem in der Abschlussphase, sei eine große Belastung und Stress, verbunden mit Unsicherheit. „Das Format Distanz ist nicht fürs Lernen gemacht“, sagt Leon und spricht von seinen Noten, die seit der Pandemie ganz deutlich schlechter geworden seien. „Ich war immer mündlich ein sehr starker Schüler. Im Homescooling konnte ich diese Stärke nicht mehr ausleben. Janis erzählt von den Hausaufgaben, die zum Online-Unterricht dazu gekommen seien: „Das Maß an Hausaufgaben wurde nicht richtig dosiert. Wir mussten sehr viel selbst erarbeiten.“ „Hausaufgaben sind der Unterricht geworden“, sagt Leon. Und beide sprechen davon, dass die Freunde fehlen.

„Mit dem Stoff sind wir durchgekommen“

Trotz allem fühlen sich beide eigentlich ganz gut auf die Prüfungen vorbereitet. Auch wenn Leon, der in Deutsch, Geschichte, Englisch und Biologie geprüft wird, sagt: „Ich würde mich sicherer fühlen, wenn wir mehr Präsenzunterricht gehabt hätten. „Mit dem Stoff sind wir durchgekommen“, berichtet Janis, für den Prüfungen in Sport, Deutsch, Geschichte und Mathematik anstehen. Unsicher macht ihn jedoch die Ungewissheit bezüglich seiner praktischen Sportprüfung. „Wir konnten nicht richtig trainieren und wissen auch noch nicht, ob wir mit Maske Inlinern und Badminton spielen müssen. Und was passiert, wenn wir in Quarantäne müssen?“

Die Idee des sogenannten Durchschnittsabiturs lehnen beide ab. Einige Zeit war diskutiert worden, ob die Abiturienten ihre Abschlussnote auf Basis ihrer bisherigen Noten und ohne Abiturprüfung errechnet bekommen sollten. Zuletzt hatte die Landesregierung entschieden, dass die Prüfungen wie gewohnt stattfinden sollen. „Das Durchschnittsabitur wäre für uns auf dem Arbeitsmarkt ein Genickbruch“, sagt Leon. „Natürlich würde ich das Durchnittsabitur nehmen“, sagt Janis. „Aber es müsste bundeseinheitlich sein. So macht das keinen Sinn.“

„Ich hänge in der Luft“

Am meisten ärgert den 18-Jährigen, dass es keine richtige Perspektive für nach dem Abitur gibt. „Es gibt nichts so richtig, auf das ich mich freuen kann“, sagt er. „Jede Form von Belohnung, zum Beispiel der Abiball oder eine schöne Reise, fällt weg.“ Ein Studium zu beginnen, in dieser Zeit, in der Seminare ebenfalls am Computer stattfinden, man keine neue Stadt so richtig kennenlernen kann, inklusive deren Nachtleben und neuer Leute, kann er sich auch nicht vorstellen.

„Ich hänge in der Luft“, sagt Janis, „Ich will raus, was arbeiten, was erleben, Leute treffen.“ Sein Klassenkamerad Leon empfindet das ähnlich: „Auf ein Studium habe ich im Moment wenig Lust. Aber ich habe im Moment auch keine Ahnung, was ich möchte und was überhaupt möglich ist.“

So ginge es vielen ihrer Freunde und Bekannten.

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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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