Die Mitarbeiterinnen der Tagespflege an der Lippe schlüpften in der Märchenwoche in die Rollen des Märchens vom Froschkönig. © Tagespflege an der Lippe
Entlastungs-Angebot

Lüner Tagespflege: Warum die Gäste sich manchmal wie im Märchen fühlen

Neue Impulse und doch eine feste Struktur - diese Mischung gibt es in den Tagespflegen. Ein Angebot, das pflegende Angehörige entlastet. Und manchmal hat das Ganze sogar etwas Märchenhaftes.

Ein gemaltes Rapunzel mit blondem, langen Zopf schaut zu, während zwei Gäste der Tagespflege an der Lippe an einem der Tische „Mensch ärger dich nicht spielen“. Mit speziellen, besonders großen Figuren und Würfeln, damit die Senioren sie besser greifen können.

Luise Cramer (Name geändert) ist seit sieben Wochen regelmäßig zu Gast in der Tagespflege in der Mersch. Zusammen mit ihrem Mann. Der nutzt die Mittagszeit, um sich auszuruhen. Seine Frau, der man nicht ansieht, dass sie demnächst ihren 90. Geburtstag feiert, hat sich deshalb Dieter Brunner (Name geändert) als Spielpartner gesucht. Er ist seit vier Wochen zu Gast in der Einrichtung.

„Zuhause hätte ich niemanden, mit dem ich spielen könnte und es ist für mich so richtig entspannend“, meint die 89-Jährige. Den beiden relativ neuen Gästen gefällt es in der Tagespflege. „Ich könnte jetzt nichts sagen, was mir nicht gefällt“, meint Luise Cramer. Beiden gefiel auch die Märchenwoche, die das Team um Leiter Goran Petrovic mit viel Liebe zum Detail vorbereitet hatte.

Freuen sich über das Engagement und die Fantasie in der Tagespflege an der Lippe: Chefin Birgit Rückert, ihr Stellvertreter Denis Pestinger-Rückert (l.) und Tagespflege-Leiter Goran Petrovic.
Freuen sich über das Engagement und die Fantasie in der Tagespflege an der Lippe: Chefin Birgit Rückert, ihr Stellvertreter Denis Pestinger-Rückert und Tagespflege-Leiter Goran Petrovic. © Beate Rottgardt © Beate Rottgardt

Das Rapunzelbild ist nicht die einzige Erinnerung an das Märchenthema, nebenan sind noch Kulisse und Requisiten der Aufführung des „Froschkönigs“ zu sehen. Alle Bilder sind liebevoll von Mitgliedern des Teams entworfen und gemalt worden.

„Das macht uns Spaß und auch den Gästen“, freut sich Petrovic. Er ist seit dem Beginn der Tagespflege 2012 Leiter der Einrichtung. Corona hat auch diesem Entlastungsangebot für pflegende Angehörige zugesetzt. Erst mussten die Tagespflegen schließen, dann durften sie öffnen, aber nicht im vollen Umfang. „Jetzt ist das für uns so was wie ein Neustart“, sagt Petrovic. Auch mit mehreren neuen Gästen.

Zuschuss zu Kosten

13 Gäste kommen zurzeit in die Tagespflege an der Lippe, einige Plätze seien noch frei. Von einem bis zu fünf Tagen in der Woche können die Gäste kommen. Wer einen Pflegegrad hat, der bekommt einen Zuschuss zu den Kosten für den Besuch der Tagespflege. „Wir haben aber auch Gäste, die keinen Pflegegrad haben und die Kosten selber tragen“, so Birgit Rückert, Leiterin des gleichnamigen Pflegedienstes, zu dem die Tagespflege gehört.

Für die Gäste ist die Tagesstruktur in der Tagespflege wichtig. Für die pflegenden Angehörigen, dass sie ihre Eltern oder ihren Ehepartner gut betreut wissen und sie so auch mal Zeit für sich selber haben. Goran Petrovic: „Es ist für beide Seiten so was wie ein bisschen Urlaub vom Alltag.“

Auch die sieben Zwerge waren bei der Märchenwoche mit dabei – in eher stiller Rolle. © Tagespflege an der Lippe © Tagespflege an der Lippe

Die Gäste bekommen zudem Wertschätzung und Anerkennung für das, was sie noch können. Fähigkeiten, die ihre Angehörigen oft als selbstverständlich hinnehmen – nicht aus bösem Willen, sondern weil der Pflegestress alles überwiegt.

Die Gründe, warum die Menschen – derzeit sind die Gäste zwischen 59 und 95 Jahren alt – in die Tagespflege kommen, sind vielfältig. Zum einen geht es um die Entlastung der Angehörigen, aber auch darum, dass die Gäste neue Menschen kennenlernen. Denn ab einem gewissen Alter muss man damit klar kommen, dass Freunde oder auch der langjährige Partner nicht mehr da sind.

Zirkusvorstellung geplant

Petrovic: „Die Gäste bekommen neue Impulse.“ Abwechslung steht im Vordergrund. So plant das Team eine Zirkuswoche mit bunten Kulissen und Vorstellungen, bei denen die Mitarbeitenden als Artisten auftreten. Wichtig, so sagt Junior-Chef Denis Pestinger-Rückert, dass das Team mit viel Herz dabei ist.

Man merkt Goran Petrovic an, dass auch er selbst Spaß an der Betreuung der Gäste hat. Eigentlich wollte der gebürtige Kroate 1999 nur übergangsweise beim Pflegedienst Rückert arbeiten. Der Übergang dauert schon mehr als 20 Jahre. In einigen Wochen erleben Luise Cramer und Dieter Brunner eine Live-Version des „Dinners for One“ – das ist schon Tradition in der Tagespflege und Teil des Jahresprogramms. Jetzt spielen sie aber erstmal ihr Spiel weiter.

Über die Autorin
Redaktion Lünen
Beate Rottgardt, 1963 in Frankfurt am Main geboren, ist seit 1972 Lünerin. Nach dem Volontariat wurde sie 1987 Redakteurin in Lünen. Schule, Senioren, Kultur sind die Themen, die ihr am Herzen liegen. Genauso wie Begegnungen mit Menschen.
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