Lüner zurück von der MS Artania: Aus der Traumreise wurde ein Albtraum

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Eva und Karl-Heinz Rümmler sind wieder zurück in Lünen. Nach einer Traumreise, die zum Albtraum mutierte. Das Ehepaar war auf der „MS Artania“ und ist jetzt froh, wieder daheim zu sein.

Lünen

, 03.04.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zweieinviertel Jahre vor der Einschiffung hatten Eva und Karl-Heinz Rümmler aus Lünen ihre absolute Traumreise gebucht: Vier Wochen Kreuzfahrt auf der „MS Artania“, der „Grand Lady“ aus der beliebten ARD-Dokureihe „Verrückt nach Meer“. Von Sydney sollte es nach Neuseeland gehen, dann durch die Südsee bis zur peruanischen Hauptstadt Lima. Vier Wochen sollte die Reise dauern. Nun ist das Paar statt in der Südsee zwei Wochen in häuslicher Quarantäne. Weil sich 46 Passagiere und Crewmitglieder mit dem Coronavirus infiziert haben.

Dass sie die Reise so früh gebucht haben, hatte einen Grund. „Das Schiff ist immer gut gebucht und die teuersten Kabinen sind immer als erstes weg“, erzählt Karl-Heinz Rümmler. Der 66-Jährige und seine ein Jahr jüngere Frau hatten sich für eine Außenkabine entschieden. Sie kennen die „Artania“ von einer früheren Reise nach Brasilien. „Da hatten wir eine Balkonkabine, die wir aber kaum genutzt haben, weil an Deck immer viel los war“, so der Lüner.

Karl-Heinz und Eva Rümmler bei ihrem Vorprogramm in Singapur.

Karl-Heinz und Eva Rümmler bei ihrem Vorprogramm in Singapur. © Rümmler

Das Ehepaar hatte ein Vorprogramm gebucht, war einige Tage in Singapur. Dann ging es weiter nach Sydney, wo die Einschiffung stattfand. „Es waren etwa 1000 Passagiere an Bord, darunter 400 Weltreisende.“ Einen Tag waren die Rümmlers an Bord, da erfuhren sie, dass die geplante Reise nicht stattfindet. Das traditionelle „Käptn-Handshake“ mit dem aus dem Fernsehen bekannten norwegischen Kapitän Morten Hansen sollte erst ohne Händeschütteln stattfinden, wurde dann aber komplett abgesagt.

„Wir haben ein Formular auf die Kabine bekommen mit dem Angebot, in zwei bis drei Tagen von Sydney zurück nach Hause zu fliegen. Aber wir wollten lieber an Bord bleiben.“ Das hätte eine vierwöchige Reise bedeutet - aber komplett ohne Landgänge und auf direktem Wege zurück nach Bremerhaven.

Das Lüner Ehepaar Karl-Heinz und Eva Rümmler vor der MS Artania. Aus der geplanten Traumreise wurde für die Beiden ein Albtraum.

Das Lüner Ehepaar Karl-Heinz und Eva Rümmler vor der MS Artania. Aus der geplanten Traumreise wurde für die Beiden ein Albtraum. © Rümmler

Also blieben die Lüner und hatten in Sydney die Chance, einige Ausflüge zu unternehmen. In dieser Zeit bunkerte die Crew tonnenweise Lebensmittel für die lange Reise. Einschränkungen gab es während der Woche in Sydney nicht. Das ganz normale Bordleben mit Shows und Unterhaltungsprogramm lief ab.

Nach dem Ablegen mit Blick auf die weltberühmte Oper ging es dann an der Südspitze Australiens entlang bis an die Westküste vor Fremantle, dem Hafen von Perth. Mehrere Passagiere und Crewmitglieder hatten Fieber.

Positive Coronavirus-Tests in Fremantle

Rümmler: „Die beiden Schiffsärzte sind deckweise zu den Kabinen gegangen und haben Fieber gemessen. Auf einmal meldeten sich Leute, die Fieber hatten.“

Daraufhin beschloss der Kapitän, schneller nach Fremantle zu fahren. Dort hoffte man auf die Tests, ob die Fiebernden mit Corona infiziert waren. Als die Tests positiv verliefen, durfte das Schiff nicht im Hafen anlegen, lag auf Reede vor der Stadt.

Da durften die Passagiere kaum noch die Kabine verlassen. Nur eine Stunde am Tag und nur auf Deck 4, auf dem man das ganze Schiff umrunden kann und dem Sonnendeck. „Das Ganze lief deckweise ab, um den Abstand halten zu können“, berichtet der Lüner.

Eva und Karl-Heinz Rümmler an Bord der "MS Artania". Das Schiff ist derzeit unterwegs nach Bremerhaven. Die Lüner sind wieder zuhause.

Eva und Karl-Heinz Rümmler an Bord der „MS Artania". Das Schiff ist derzeit unterwegs nach Bremerhaven. Die Lüner sind wieder zuhause. © Rümmler

Essen gab es nur noch auf die Kabine. Am ersten Tag das Frühstück im Pappkarton - den Kaffee gab es dann zwei Stunden später. Mittags Linsensuppe und auch abends nicht wirklich das gewohnte hochklassige Essen. „Der erste Tag war horrormäßig. Ab dem zweiten Tag hatten sie es besser im Griff, tagsüber wurden dann auch immer mal wieder Kaffee, Bier, Wein oder Sekt verteilt.“

Trotz dieser Einschränkungen sagt Karl-Heinz Rümmler: „Das Team des Reiseveranstalters Phönix hat sich ein Bein ausgerissen.“ Kreuzfahrtdirektor Klaus Gruschka, dem das Ganze wohl auch sehr nah ging, musste die Lage managen.

Ärgerlich sei gewesen, dass einige Passagiere sich nicht an die Anweisungen hielten. Denn die Konsequenz wäre gewesen, dass die Behörden niemanden an Land gelassen hätten. Die Behörden schickten Drohnen übers Schiff, um zu sehen, ob alle den Anweisungen folgten. „Einige Passagiere sonnten sich außerhalb der vorgegebenen Zeiten. „Da gab es ein Donnerwetter vom Kapitän“.

Kapitän Morton Hansen, bekannt aus der ARD-Dokuserie „Verrückt nach Meer“ musste an Bord der MS Artania ein Donnerwetter loslassen, weil sich Passagiere nicht an die Auflagen der australischen Behörden hielten.

Kapitän Morton Hansen, bekannt aus der ARD-Dokuserie „Verrückt nach Meer“ musste an Bord der MS Artania ein Donnerwetter loslassen, weil sich Passagiere nicht an die Auflagen der australischen Behörden hielten. © picture alliance / dpa

Weil es dann aber zwei medizinische Notfälle an Bord gab, die nichts mit Corona zu tun hatten, durfte die „Artania“ dann doch im Hafen anlegen. Damit die Notfälle ins Krankenhaus gebracht werden konnten.

Vier Tage verbrachten die Rümmlers auf ihrer Kabine, dann wurden die Freigänge auch gestoppt. Die Corona-Infizierten kamen in Krankenhäuser.

Phönix und das Auswärtige Amt hatten sich mittlerweile um Rückflüge nach Deutschland gekümmert. Condor schickte vier Flugzeuge, die Crew hatte sich freiwillig gemeldet, um die Touristen heim zu holen.

Die MS Artania im Hafen von Femantle. Von dort aus ging es auch für die beiden Lüner mit dem Bus und dann per Flugzeug ab Perth

Die MS Artania im Hafen von Femantle. Von dort aus ging es auch für die beiden Lüner mit dem Bus und dann per Flugzeug ab Perth © picture alliance/dpa

Am Sonntag (29.3.) sollten die Passagiere abfliegen. „Wir waren die ,Glücklichen`, die die letzte Maschine erwischt haben und auch noch als letzte an Bord durften“, so Karl-Heinz Rümmler. Die australischen Behörden hatten genaue Listen vorgelegt, auf denen die Reihenfolge der Passagiere, die von Bord gehen durften, festgelegt war. „Die ersten Passagiere durften um 13 Uhr Ortszeit (fünf Uhr morgens in Deutschland, Anm.d.Red.) das Schiff verlassen. Aber dann klappte etwas mit der Kommunikation nicht und alles verspätete sich um vier Stunden.“

Alle Passagiere, die von Bord sollten, mussten sich jeweils im Theater des Schiffes versammeln. „Natürlich mit dem gebührenden Abstand.“

Am deutschen Kreuzfahrtschiff «MS Artania» im Hafen von Fremantle hängen Banner mit Dankessagungen an Fremantle. An Bord des Schiffes bestand bei mindestens 46 Menschen Verdacht auf das Coronavirus.

Am deutschen Kreuzfahrtschiff «MS Artania» im Hafen von Fremantle hängen Banner mit Dankessagungen an Fremantle. An Bord des Schiffes bestand bei mindestens 46 Menschen Verdacht auf das Coronavirus. © picture alliance/dpa

Ihr Gepäck musste an Bord bleiben, erlaubt war letztlich nur ein Handgepäck pro Person. Die Koffer haben die Passagiere gepackt und in der Kabine gelassen. „Die werden jetzt 14 Tage in Quarantäne sein und dann mit einem Frachtflugzeug nach Deutschland gebracht und den Passagieren geliefert werden. Die australischen Behörden hatten Angst, dass die Koffer mit Corona kontaminiert seien.

Jeweils 20 Passagiere durften in einen Bus einsteigen, der natürlich für wesentlich mehr Fahrgäste ausgelegt war. Denn auch hier sollte Abstand gehalten werden. Als das Lüner Ehepaar endlich an der Reihe war, mussten die Beiden noch eine Stunde lang im Bus am Schiff sitzen, bevor es losging. Grenzkontrolleure und Polizei sicherten die Busse ab: „Wir haben an keiner Ampel gehalten, hatten grüne Welle bis zum Flughafen.“ Ohne Kontrolle ging es aufs Flugfeld und über den hinteren Eingang ins Flugzeug. „Da war es dann mit dem Abstand vorbei, der Flieger war ausgebucht.“

Passagiere des deutschen Kreuzfahrtschiffes «MS Artania» werden mit Bussen des öffentlichen Transportsystems „TransPerth" zum Flughafen Perth International gefahren, von wo aus sie ein Charterflug der Condor Airlines zurück nach Deutschland bringen soll.

Passagiere des deutschen Kreuzfahrtschiffes «MS Artania» werden mit Bussen des öffentlichen Transportsystems „TransPerth" zum Flughafen Perth International gefahren, von wo aus sie ein Charterflug der Condor Airlines zurück nach Deutschland bringen soll. © picture alliance/dpa

Alle Passagiere mussten Mundschutz tragen. Das tat auch die Crew. „Der Service war sehr gut. Es gab warme Gerichte, Getränke und Sandwiches.“ Zunächst flog die Maschine von Perth auf die thailändische Insel Phuket zum Auftanken. Dann ging es weiter nach Frankfurt. „Insgesamt waren es 21 Stunden im Flieger, wach waren wir wohl so 48 Stunden,“ schätzt Rümmler. In Frankfurt kam ein Mediziner vom Gesundheitsamt an Bord und schaute, ob alle fit waren.

Einen Notfall gab es allerdings - eine zuckerkranke Passagierin, die wegen unregelmäßigen Essenszeiten und Zeitverschiebung kollabiert war. Mit Flughafenbussen ging es in kleinen Gruppen zur Passkontrolle. „Mitarbeiter von Phönix warteten auf uns, wir sind dann mit dem Bus nach Dortmund gefahren worden.“ Montagabend (30.3.) um 20 Uhr war das Ehepaar dann wieder daheim in Lünen.

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Ob das Ehepaar ihre Traumreise, die im Albtraum endete, noch einmal antreten würde? „Es waren außergewöhnliche Ereignisse. Ich denke, mit gebührendem Abstand würden wir noch mal eine Kreuzfahrt buchen, aber ob es die gleiche Route und überhaupt noch mal soweit weg sein wird, wissen wir noch nicht.“ Es war ein Traum, und „den bezahlt man ja auch nicht eben aus der Portokasse.“ Einen Teil des Reisepreises wird das Paar wohl wieder zurückbekommen.

Rümmler denkt aber, es wäre besser gewesen, wenn der Veranstalter die Reise abgesagt hätte und es früher Reisewarnungen gegeben hätte.

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