Lünerin (58) über die Pflege ihrer Mutter (84): „Sie zapfte mich an wie eine Zapfsäule“

hzSerie „Wenn die Eltern älter werden“

Die Mutter kann nicht mehr alleine ihr Leben meistern. Konsequenz für die berufstätige Tochter: Sie vernachlässigt ihre eigenen Interessen. Bis sie merkt, dass es so nicht weitergehen kann.

Lünen

, 18.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Pflichtbewusstsein und das Gefühl, die Mutter unterstützen zu müssen, das ist es, was Elke Brauers (Name geändert) Leben eine ganze zeitlang geprägt hat.

Dann aber geht es so nicht mehr weiter. Elke Brauer und ihre beiden Brüder - die nicht in Lünen leben - entschließen sich, einen Heimplatz für die 84-jährige Mutter zu suchen, die an Demenz erkrankt ist.

„Ich unterstütze meine Mutter seit zehn Jahren“, sagt die 58-Jährige. Ihre Mutter war nach der Trennung vom Vater nicht nur für ihre drei Kinder da. Sie hat auch Handwerkliches übernommen, die Wohnung selbst renoviert. Das ging irgendwann nicht mehr. Und weil Elke Brauer offenbar das handwerkliche Talent geerbt hat, übernahm sie schließlich diese Arbeiten.

„Als meine Mutter ihre zweite Hüft-OP hatte, erholte sie sich nicht mehr so schnell wie nach der ersten“, erzählt Elke Brauer. Hilfsmittel lehnte sie ab. Vier Wochen später bekam die Seniorin Probleme mit der Galle, musste erneut operiert werden. Die Narkose vertrug sie nicht gut, die damals 74-Jährige litt am Durchgangs-Syndrom und hatte während der OP noch einen Infarkt erlitten. Die Folge: Viele gesundheitliche Einschränkungen.

Tochter kam an ihre Grenzen

Bis dahin hatte die Mutter sich und ihren Hund selbst versorgt. Das funktionierte nicht mehr. „Wir Geschwister haben uns zusammengesetzt und überlegt, ob es sinnvoll wäre, Mutter in der geronto-psychiatrischen Tagesklinik behandeln zu lassen. Aber wir konnten uns nicht einigen. Also hab ich sozusagen den Pflegedienst ersetzt.“ Vor der Arbeit Frühstück gemacht. Den Hund versorgt. Nach der Arbeit wieder Essen zubereitet. Mit dem Hund rausgegangen. „Ich dachte, wenn ich ihr jetzt noch den Hund wegnehme, verliert sie ihren Lebenswillen.“

Elke Brauer kam an ihre Grenzen: „Ich hatte drei Monate lang kein Wochenende, keine Zeit für mich.“ Dann engagierte Elke Brauer eine Betreuungskraft, doch das wollte ihre Mutter ebenso wenig wie eine Reinigungshilfe: „Da dachte ich, wichtiger wäre eine Ansprache, wenn ich arbeiten bin, aber auch das lehnte meine Mutter vehement ab.“

Es wurde dennoch ein bisschen besser. Bis die Nachbarn, mit denen ihre Mutter 50 Jahre lang Tür an Tür wohnte, ins Service-Wohnen zogen. „Meine Mutter wollte aber unbedingt bleiben. Wir haben sie dann überredet, auch ins Service-Wohnen zu ziehen. Das war vor knapp einem Jahr.“ In der Nähe der neuen Wohnung gibt es eine Tagespflege. „Ich dachte, da hätte sie ein, zwei Tage die Woche Beschäftigung und Kontakte, aber das wollte sie nicht.“

Den zehn Jahre alten Hund vermittelte der Tierschutz an eine Pflegefamilie. „Ich konnte ihn leider nicht zu mir nehmen, bei mir wäre er ja nur den ganzen Tag allein gewesen“, so die 58-Jährige. Während des Umzugs war die Mutter in einer Kurzzeitpflege untergebracht. „Dort fühlte sie sich sehr wohl, weil die Konstellation der anderen Gäste passte, sie sich unterhalten konnte.“

Immer vergesslicher

In ihrem neuen Zuhause stürzte die Mutter und kam in die Geriatrie, um wieder fitter zu werden. Dort zeigte es sich, dass sie immer vergesslicher wurde. „Sie verwechselte ihre Medikamente.“ Nun kommt drei Mal am Tag der Pflegedienst und gibt die jeweils verordneten Tabletten.

Zwei Mal die Woche ist eine Betreuungskraft bei der alten Dame, geht beispielsweise - wenn sie will - mit ihr einkaufen. Auch Elke Brauer besucht ihre Mutter regelmäßig. „Trotzdem ruft sie zehn Mal am Tag bei mir an und beschwert sich, dass niemand zu ihr kommt oder dass angeblich ihr Ausweis und ihre Bankkarte weg sind.“ Was alles nicht stimmt.

Als sie bei einem Besuch der Tochter den Wasserkocher auf den Herd stellt und das Kochfeld anstellt, dreht Elke Brauer die Sicherung für den Herd der Mutter in der neuen Wohnung raus, damit nichts Schlimmeres passiert. „Sie war böse auf mich. Ich hab Essen auf Rädern bestellt, aber das wurde aufgerissen und entweder unangetastet in den Kühlschrank gestellt oder in den Müll geworfen.“

Noch einmal war die Mutter in der Kurzzeitpflege. Diesmal zusammen mit mehr Demenzkranken, sie hatte eine Aufgabe gefunden, ihnen vorgesungen. „Früher hat sie es abgelehnt, jemals in ein Altenheim zu gehen. Mittlerweile merkt sie, dass sie alleine nicht mehr zurecht kommt und dass sie vereinsamt.“

Vorwürfe an die Tochter, dass sie unglücklich sei, sind schwer auszuhalten: „Meine Mutter zapft mich an wie eine Zapfsäule, das Ganze ist ein emotionaler Kraftakt“, gibt Elke Brauer zu. Böse ist sie ihrer Mutter aber nicht.

Platz im Seniorenheim gefunden

Inzwischen will die Mutter ins Altersheim. Der Familienrat mit allen drei Geschwistern beschließt - man versucht, einen Platz zu finden. Den hat sie mittlerweile. Damit der Umzug möglichst reibungslos und stressfrei für die 84-Jährige abläuft, wird einer der beiden Brüder sie ins neue Zuhause bringen, der andere packt dann den Koffer. „Ich erledige das Organisatorische.“

Elke Brauer fiel die Entscheidung fürs Pflegeheim letztlich leicht. Doch der Weg bis dahin war lang. „Ich fände es gut, wenn jeder Mensch einmal kurz, aber richtig darüber nachdenkt, wie er später leben will und auch eine Patientenverfügung ausfüllt. Das erleichtert den Angehörigen vieles.“

Wenn die Mutter jetzt im Heim lebt, ist für Elke Brauer „der Druck weg. Es ist ein gutes Gefühl, ich weiß, sie ist da gut versorgt. Ich kann sie ganz entspannt besuchen und ich kann mein Leben wieder so leben, wie ich es möchte.“

  • Wenn eine häusliche Pflege nicht mehr möglich ist, betragen die Leistungen der Pflegeversicherung für die vollstationäre Pflege/Pflege im Heim monatlich bei Pflegegrad II 770 Euro, bei Pflegegrad III 1262 Euro, bei Pflegegrad IV 1775 Euro und bei Pflegegrad V 2005 Euro.
  • Infos zum Thema Pflegeheim gibt es hier:
  • Pflegestützpunkt Lünen – Beratung für gesetzlich Versicherter aller Krankenkassen, Arndtstraße 4 (im Haus der Knappschaft), Ansprechpartner: Falko Lange, Tel. (02306) 70 03 - 92, E-Mail: psp-luenen@kbs.de oder falko.lange@kbs.de
    Compass Pflegeberatung – Beratung für Versicherte privater Krankenkassen, Tel. (0800) 101 88 00, zuständige Beraterin für Lünen: Stephanie Schuh, Tel. (0221) 93 332 229, E-Mail: stephanie.schuh@compass-pflegeberatung.de, www.compass-pflegeberatung.de
Das sind die Pflegeheime in Lünen:
  • AWO-Seniorenzentrum „An der alten Gärtnerei, Waltroper Str. 25 (Brambauer), Tel. (0231) 98 68 09 102, www.awo-rle.de
  • AWO-Seniorenzentrum „Minister Achenbach“, Hermann-Schmälzger-Str. 5 (Brambauer), Tel. (0231) 87 83-1, www.awo-rle.de
  • Caritas-Altenzentrum St. Norbert, Laakstr. 78 (Nordlünen), Tel. (02306) 70 08 0, www.caritas-luenen.de
  • Caritas-Seniorenzentrum an der Lippe, Mersch (Mitte), Tel. (02306) 76 51 50, www.caritas-luenen.de
  • Coldinne-Stift Lünen, Alstedder Str. 150 (Alstedde), Tel. (02306) 9 10 11 0,
  • Evangelisches Altenzentrum Lünen, Bebelstr. 200 (Lünen-Süd), Tel. (02306) 9 44 77 0, www.diakoniedortmund.de
  • Pflegeeinrichtung „Fünf Wände“, Rudolph-Nagell-Str. 17 (Nordlünen), Tel. (02306) 9 10 34 98, www.fuenfwaende.de
  • Residenz Osterfeld, Günter-Kleine-Str. 1 (Mitte), Tel. (02306) 9 29 44 0, www.alloheim.de
  • Seniorenzentrum Beckinghausen, Kamener Str. 224 (Beckinghausen, Tel. (02306) 9 84 84 0, www.alloheim.de
  • Seniorenhaus Wethmar Mark, Wethmar Mark 76 (Wethmar), Tel. (02306) 30 50 0, www.seniorenhaus-wethmar-mark.de
  • Die Heimfinder-App in NRW gibt es hier: https://www.heimfinder.nrw.de/
    Infos der Verbraucherzentrale, wie man das passende Heim findet, gibt es ebenfalls im Internet.
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