Lünerin (80) pflegte jahrelang ihren Mann Nicht warten, bis man nicht mehr kann

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Anja Teumeuna (l.) und Annette Goebel raten pflegenden Angehörigen immer wieder, sich rechtzeitig Hilfe zu holen und auch an sich selbst zu denken.
Anja Teumeuna (l.) und Annette Goebel raten pflegenden Angehörigen immer wieder, sich rechtzeitig Hilfe zu holen und auch an sich selbst zu denken. © Beate Rottgardt
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Am Anfang dachte Helene Wittmeyer (Name geändert): Das schaffe ich alles allein. Doch bald merkte die heute 80-Jährige, dass es über ihre Kräfte ging, 24 Stunden sieben Tage die Woche für ihren Mann da zu sein. Der 13 Jahre ältere Werner hatte die Diagnose Demenz bekommen. Viereinhalb Jahre lang pflegte Helene Wittmeyer ihren Mann. Ihre Tochter riet ihr vor Anfang an, Entlastungsmöglichkeiten zu nutzen. Das tat die Lünerin dann auch. Heute sagt sie: „Man muss frühzeitig die Reißleine ziehen.“ Und sie rät anderen pflegenden Angehörigen, „nicht zu warten, bis man selbst merkt, ich kann nicht mehr“. Entlastungsangebote bieten die Chance, Auszeiten zu nehmen, um selbst bei Kraft zu bleiben.

Alles begann mit der Diagnose Demenz. Etwa ein Jahr später besuchte das Paar Bekannte. Als Helene und Werner Wittmeyer nach Hause kamen, saß er in einem Zimmer und konnte seine Frau plötzlich nicht mehr sehen. Helene Wittmeyer rief sofort den Rettungsdienst und tat damit genau das Richtige. Denn die Ursache der plötzlichen Blindheit war ein Schlaganfall. Das Augenlicht kam zum Glück wieder. Doch seit dem Schlaganfall brauchte der Lüner einen Dauerkatheter.

Pflegedienst und Treppenlift

„Leider gab es von Anfang an Probleme mit dem Katheter, vor allem am Wochenende. Da habe ich gemerkt, dass ich an meine Grenzen komme.“ Auf Rat der Tochter hatte das Ehepaar schon einen Pflegedienst engagiert. Auch einen Treppenlift ließ das Ehepaar einbauen. Doch das allein reichte nicht, damit Helene Wittmeyer auf Dauer die Kraft für die Pflege hatte. Denn „ich konnte ihn nicht eine Stunde allein lassen.“ Die Enkelkinder schalteten sich ein, betreuten den Großvater, damit Oma mal abschalten oder einkaufen konnte.

Angehörige nehmen immer noch zu selten Entlastungsleistungen in Anspruch, wissen auch Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit der Stadt Lünen, und Anja Teumeuna vom Evangelischen Altenzentrum. Überlastete Angehörige merken oft erst, wenn es fast zu spät ist, dass sie sich zu viel zumuten. Dabei gibt es in Lünen und Umgebung zahlreiche Möglichkeiten, sich bei der Pflege unterstützen zu lassen.

Damit pflegende Angehörige weiter Kraft für die Unterstützung ihrer Partner oder Eltern haben, müssen sie auch mal eine Auszeit nehmen.
Damit pflegende Angehörige weiter Kraft für die Unterstützung ihrer Partner oder Eltern haben, müssen sie auch mal eine Auszeit nehmen. © Jana Bauch/dpa/dpa-tmn

In Lünen bietet der Seniorenladen inzwischen wieder verschiedene Angebote als offener Treff für Senioren – sehr niederschwellig, als Gemeinschaftserlebnis. „Viele ältere Menschen rufen an, weil sie einfach mal reden wollen. Da hilft der Besuchsdienst. Wir haben eine Dame, die immer gerne schwimmen gegangen ist, mit einer Ehrenamtlichen zusammen gebracht, die mit ihr jetzt einmal die Woche schwimmen geht, was ihr auch Spaß macht“, so Anja Teumeuna. Eine Angehörige suchte eine Begleitung für ihre Mutter zum Spaziergang am Tag, denn die Tochter arbeitet und kommt erst nach Hause, wenn es dunkel ist, so Annette Goebel.

Anja Teumeuna würde sich von der Politik wünschen, dass mehr als 125 Euro monatlich als Entlastungsbetrag zur Verfügung stehen würden: „Viele nutzen das Geld für hauswirtschaftliche Hilfen. Wir stellen derzeit auch fest, dass die Anfragen bei der Tagespflege zögerlicher werden, weil derzeit die Angst vor hohen Energiekosten herrscht“, so Anja Teumeuna. Dabei würden gerade die Besuche in Tagespflegen oder das Nutzen von Kurzzeitpflege den pflegenden Angehörigen helfen, neue Kraft zu sammeln, weil sie mal Zeit für sich haben.

Tagespflege als Einstieg

Die Tagespflege ist beispielsweise ein „sanfter Einstieg, wenn Menschen Angst haben vor der Kurzzeitpflege, dann schnuppern sie erstmal in das Angebot hinein“, sagt die Mitarbeiterin des Evangelischen Altenzentrums. Sie habe oft Angehörige bei sich im Büro sitzen, die erst kommen und um Hilfe bitten, wenn sie schon nicht mehr können. Wichtig sei dabei, sich richtig und ausführlich beraten zu lassen, was die Finanzierung betrifft, rät auch Annette Goebel.

Das hat auch Helene Wittmeyer getan. Ihre Tochter schlug vor, den Vater und Ehemann in der Tagespflege betreuen zu lassen, damit seine Frau ein paar Stunden Zeit für sich hat, um zum Arzt zu gehen, einzukaufen oder einfach mal durchzuatmen. „Am Anfang hat er noch gesagt, warum soll ich da hin? Nachher ist er dann sogar drei Tage die Woche hingegangen und hat sich wohl gefühlt. Er meinte, ich weiß, du musst auch mal schlafen.“ Wenn der Fahrdienst klingelte, packte er sein Täschchen und freute sich auf den Tag und die Begegnungen.

In den verschiedenen Tagespflege-Einrichtungen in Lünen werden die Gäste beschäftigt, sie haben Zeit, sich zu unterhalten und einen geregelten Tagesablauf.
In den verschiedenen Tagespflege-Einrichtungen in Lünen werden die Gäste beschäftigt, sie haben Zeit, sich zu unterhalten und einen geregelten Tagesablauf. © picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/dpa

Die Stunden, in denen ihr Werner in der Tagespflege betreut wurde, waren für Helene Wittmeyer wichtig. „Aber ich bin schon manches Mal zuhause verzweifelt, wenn mein Mann nachts unruhig war, weil es wieder Probleme mit dem Katheter gab. Zum Schluss hatten wir für ihn ein Pflegebett, aber ich hab nicht mehr richtig geschlafen, hab auf alle Geräusche gehört und bin immer aufgewacht, wenn er sich meldete.“ Irgendwann schlugen ihr die Sorgen auf den Magen.

Weil sie zwischendurch ein paar ganze Tage zum Ausruhen brauchte, nutzte sie auch die Kurzzeitpflege, in der sie ihren Mann gut betreut wusste. „Es waren mal acht Tage, mal 14 Tage, da bin ich alleine nach Büsum gefahren, wo wir auch oft zusammen waren.“ Sie ist froh, dass sie mit ihrem Werner viele Urlaubsreisen unternommen hat, als er noch gesund war: „Wir haben da alles richtig gemacht.“ Am Ende konnte er sich an keinem Gespräch mehr beteiligen, verwechselte Kinder und Enkel. Seine letzten Monate verbrachte er – schwer an Krebs erkrankt – in liebevoller Betreuung des Lüner Hospiz. Seine Frau besuchte ihn jeden Tag.