Die Erde schützen: Warum wir nur noch wenig Zeit haben und deshalb ganz neu denken müssen

hzMeinung am Mittwoch

Neu denken und radikal denken. Das fordert Gastautor Björn Schreiter. Angesichts des Klimanotstands haben wir dafür noch knapp fünf Minuten. Es ist „Fünf vor Zwölf.“

von Björn Schreiter

Lünen

, 03.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Es gibt ein „Fünf-vor-Zwölf-Paradoxon“: Bezogen auf die letzte Möglichkeit, unseren Planeten vor schweren Schäden zu bewahren, war es bereits im letzten Jahrhundert „Fünf-vor-Zwölf“. Dass die Uhr sich scheinbar keine Minute weiter gedreht hat, zeigt, welche Relevanz wir der Warnung beigemessen haben. Inzwischen hagelt es Gerichtsurteile gegen Industrie und Regierungen und massive Proteste der heranwachsenden Generation. „Fünf vor Zwölf“ ist es in der Darstellung aber noch immer.

Unkrautvernichter auf Vorrat

Die Reaktion der Industrie? Ein großes deutsches Unternehmen bewirbt das Horten seines Unkrautvernichters „Kaufen Sie noch einen Vorrat, bevor es ihn nicht mehr gibt!“ hörte ich doch tatsächlich vor kurzem im Radio. Zunächst glaubte ich, in einer Satire-Sendung gelandet zu sein, doch die Werbung war ernst gemeint.

Die Erde schützen: Warum wir nur noch wenig Zeit haben und deshalb ganz neu denken müssen

Gastautor Björn Schreiter. © Quiring-Lategahn

Gastautor Björn Schreiter ist Architekt .

Bald ging mir auf, dass diese „Fünf-Vor-Zwölf“-Reaktion in prominenter Reihe steht: So führt die Förderung von energetischen Gebäudesanierungen zwar zu kurzfristig geringeren Energieverbräuchen, jedoch in der Gesamt-Ökobilanz ohne Nachhaltigkeitsvorgaben für die eingesetzten Materialien zu katastrophalen Ergebnissen.

Steuergelder für neue Autos

Die „Umweltprämie“ der Bundesregierung brachte vor einigen Jahren Privatleute dazu, sich mit Steuergeldern neue Autos mit minimal reduziertem Giftausstoß kaufen zu können. Dass deren Treibstoffbedarf beim täglichen Einsatz jedoch identisch ist, spielte ebenso wenig eine Rolle wie der Energie-, Trinkwasser- und Rohstoffeinsatz bei der Auto-Produktion.

Keine Spur von Umdenken

Auch die nun angepriesene Elektromobilität ist nur eine minimale Verschiebung des Status quo statt eines neuen Konzepts. Zwar kommen keine Rauchwolken mehr aus den Fahrzeugen, jedoch manifestiert der Umstieg die Idee des Individualverkehrs, bei dem viel zu große Fahrzeuge mit je einer Person besetzt unsere Straßen verstopfen. Weiterhin müssen diese Fahrzeuge hergestellt und betrieben werden, brauchen entsprechende Verkehrswege (die weiter ausgebaut werden) und Abstellflächen, da sie 90 Prozent des Tages stehen. Von „Umdenken“ kann hier nicht die Rede sein.

Lieber am gewohnten festhalten

Nun ist es leicht, auf Industrie und Regierung zu schimpfen. Am Ende sitzen dort Menschen wie wir. Und so wie wir lieber am Gewohnten festhalten (und ich bin sicher, dass viele Menschen der Aufforderung zum Gartengift-Hamsterkauf folgen), werden auch in den Führungsebenen lieber konservative statt progressive Entscheidungen getroffen - kleine Modifikation des Bekannten statt radikal neuer Ideen.

Nachfahren der Eiwanderer innovativer

Jörg Heynkes erklärt in seinem Buch „Zukunft 4.1“, dass die innovativen Kräfte im Silocon-Valley darauf zurückzuführen seien, dass es sich bei den Entwicklern um die Nachfahren der Einwanderer handelt, die mutig aus Europa in eine ungewisse Zukunft gestartet sind, während wir die Nachfahren derer sind, die lieber zuhause geblieben sind.

Diesem Klischee müssen wir entgegen wirken. Denken wir neu. Denken wir radikal. Dafür haben wir hoffentlich noch fünf Minuten Zeit.

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