Es wird im Lichte der Pandemie ein stiller Abschied: An diesem Freitag hat Michael Makiolla seinen letzten Arbeitstag – nach 30 Jahren beim Kreis Unna und 16 Jahren als Landrat. Ein Porträt.

Kreis Unna

, 30.10.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zielstrebig und entschlossen, aber immer besonnen und respektvoll: Das sind Attribute Michael Makiollas, der über all die Jahre als Landrat des Kreises Unna immer bescheiden und bodenständig geblieben ist – und damit irgendwie auch ein Gegenpol war zu der Selbstgefälligkeit manch eines Mit- und Gegenspielers in der kleinen wie großen Politik. Nun verlässt Michael Makiolla die „Brücke“ im Kreishaus: Nach 16 Jahren als Landrat – und nach ziemlich genau 30 Jahren im Dienst der Kreisverwaltung Unna.

Corona-Pandemie: Große, mentale Belastung

Die letzten Monate haben dem 64-Jährigen durchaus zugesetzt. Die Pandemie habe ihn „mental doch sehr intensiv beschäftigt“, betont Makiolla im Gespräch mehrfach. Er habe sich „an der Spitze eines großen Teams“ verantwortlich für die Menschen im Kreis Unna gefühlt und insbesondere dafür, dass eben diese Menschen das Coronavirus und dessen gesundheitliche Gefahren, aber auch die vielschichtigen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft möglichst unbeschadet überstehen.

Die Corona-Pandemie hat Landrat Michael Makiolla zuletzt auch dazu veranlasst, sich mit Videobotschaften direkt an die Bürgerinnen und Bürger im Kreis Unna zu richten. Diese Krise ist zum Ende seiner Zeit als Landrat die größte, punktuelle Herausforderung.

Die Corona-Pandemie hat Landrat Michael Makiolla zuletzt auch dazu veranlasst, sich mit Videobotschaften direkt an die Bürgerinnen und Bürger im Kreis Unna zu richten. Diese Krise ist zum Ende seiner Zeit als Landrat die größte, punktuelle Herausforderung. © Archiv

Diese Menschen, denen er sich als Landrat, aber eben auch als einer der ihren immer verpflichtet gefühlt hat. In der Corona-Krise genau so wie in der Flüchtlingskrise oder auch der Strukturkrise.

„Man kann richtig stolz sein auf die Menschen in dieser Region.“
Michael Makiolla (SPD)

„Man kann richtig stolz sein auf die Menschen in dieser Region“, sagt Michael Makiolla wie eine Art Gruß zum Abschied – auch wenn er es vor allem auf den Umgang mit der Flüchtlingskrise bezieht, die „wir alle zusammen im Großen und Ganzen gut gemeistert“ haben, wie er sagt.

Krisen bestimmten die letzten Amtsjahre Makiollas

Krisen bestimmten insbesondere die letzten Amtsjahre Makiollas. Hätte nicht das Coronavirus seit März alles verändert, wäre wohl die Flüchtlingskrise 2015 und 2016 die größte punktuelle Herausforderung gewesen. Als größte Aufgabe und gleichzeitig auch größten Erfolg seiner Amtszeit aber beschreibt er die Bewältigung des ökonomischen Strukturwandels.

Ein Bild aus 2004, als Michael Makiolla (2.v.r.) noch Kreisdirektor war – und das Bergwerk Ost noch etwa 3300 Mitarbeiter hatte. Nach der Grubenfahrt wies Makiolla im Gespräch auf die besondere Bedeutung des Standortes für das östliche Ruhrgebiet hin.

Ein Bild aus 2004, als Michael Makiolla (2.v.r.) noch Kreisdirektor war – und das Bergwerk Ost noch etwa 3300 Mitarbeiter hatte. Nach der Grubenfahrt wies Makiolla im Gespräch auf die besondere Bedeutung des Standortes für das östliche Ruhrgebiet hin. © Archiv

Der Niedergang der Montanindustrie hat das gesamte Revier in eine Krise gestürzt. Die Folge: zweistellige Arbeitslosenquoten auch im Kreis Unna. „Wir hätten uns 2004 nicht zu träumen gewagt, die Arbeitslosenquote quasi zu halbieren“, verweist Makiolla auch auf den deutlichen Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im Kreis Unna um fast 40.000. „Aber das bin ja alles nicht ich gewesen, das waren wir alle zusammen.“

Makiolla war immer Netzwerker und treibende Kraft

Das ist sie eben, die Bescheidenheit dieses Mannes. Aber: Ziele brauchen Taten – und in diesem Punkt war Makiolla als Landrat eben immer auch treibende Kraft. Er war der Netzwerker, der Partner ins Boot geholt und Bündnisse geschmiedet hat. Dazu Bausteine wie „eines der besten Jobcenter bundesweit“, die Ansiedlungspolitik der Wirtschaftsförderungsgesellschaft und nicht zuletzt auch die gute Zusammenarbeit mit der Arbeitgeberseite wie etwa der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe, die Makiolla übrigens ausdrücklich nennt, um ihr „eine sehr intensive, gute und erfolgreiche Zusammenarbeit“ zu attestieren.

Uwe Ringelsiep, Michael Makiolla, Thomas Helm

Unter anderem mit Jobcenterchef Uwe Ringelsiep (links) und Thomas Helm (rechts) als Chef der Agentur für Arbeit an seiner Seite hat Michael Makiolla das prestigeträchtigste Projekt seiner letzten Amtszeit erfolgreich umgesetzt: Die Halbierung der Jugendarbeitslosigkeit im Kreis Unna – jedenfalls bis zum Beginn der Corona-Pandemie im März. © Archiv

Natürlich, insbesondere in den letzten Jahren, ist immer wieder auch Kritik an der Lösung für den Strukturwandel laut geworden: Logistik sei die Krisenbranche der Zukunft, hieß es oft. Makiolla sagt dazu: „Wie mussten eine Masse an Menschen mit Arbeit versorgen. Dazu wären wir ohne die Logistiker nicht in der Lage gewesen.“

Arbeitsmarkt bleibt große Herausforderung im Kreis Unna

Gleichwohl sei es richtig und wichtig, mehr höher qualifizierte Arbeitsplätze in die Region zu holen. „Das wird jetzt die Herausforderung der nächsten Jahre sein“, sagt er und ist überzeugt, dass der Kreis Unna eine ganz neue Gründermentalität braucht. „Wenn man 150 Jahre gewohnt ist, in großindustriellen Strukturen zu arbeiten und zu leben, dauert es offensichtlich mehrere Generationen, bis das Bewusstsein dafür da ist, sich vielleicht auch mal mit einer Geschäftsidee selbstständig zu machen.“ Den Kreis Unna unterscheide die Unternehmensstruktur von den Boom-Regionen Deutschlands: „Uns fehlen die Mittelständler“, sagt Makiolla.

„Wenn sich SPD und Grüne damals zusammengetan hätten, könnten wir heute deutlich weiter sein.“
Michael Makiolla (SPD)

Nach 14 Jahren als Landrat des Kreises Unna sind freilich nicht nur Erfolgsgeschichten zu erzählen. Gerne hätte er eine Hochschule in den Kreis Unna geholt. Und auch in der Politik gab es Situationen, „da hätte ich mir einen anderen Ausgang gewünscht“, verweist Michael Makiolla beispielsweise auf die gescheiterte, millionenschwere Stiftung für Haus Opherdicke. Da war der Landrat auch uneinig mit seinen Genossen.

Größte politische Niederlage: Zwist mit den Grünen

Als größte politische Niederlage aber empfindet er auch ganz persönlich, dass es nie gelungen ist, im Kreistag ein Bündnis aus SPD und Grünen zu schmieden. „Ich glaube, mit dieser Konstellation hätten wir mehr erreichen können für den Kreis Unna“, nennt Makiolla etwa den ÖPNV als Beispiel. „Wenn sich SPD und Grüne damals zusammengetan hätten, könnten wir heute deutlich weiter sein.“ Stattdessen haben sich die Grünen zum Ende seiner ersten Wahlperiode in einem „Jamaika“-Bündnis mit CDU und FDP sogar gegen ihn verschworen, wollten eine Wiederwahl verhindern.

Michael Makiolla im Rahmen einer Kreistagssitzung 2013: Politik war nicht immer einfach – und sie wird nicht einfacher, glaubt er.

Michael Makiolla im Rahmen einer Kreistagssitzung 2013: Politik war nicht immer einfach – aber „in der ganzen Zeit doch recht konstruktiv“, sagt er. © Udo Hennes / Archiv

Ob Politik manchmal auch genervt hat? Makiolla lacht. „Ich will und kann mich nicht beklagen, im Vergleich zu anderen hatte ich es sehr gut; auch wenn es mal gehakt hat sind unsere Politiker in der ganzen Zeit doch recht konstruktiv gewesen.“ Und dennoch: Es ist das politische Geschäft, das er am wenigsten vermissen wird. „Die politischen Verhältnisse sind schwieriger geworden, die Parteienlandschaft ist immer zersplitterter und die Partikularinteressen werden immer stärker – das wird alles nicht einfacher“, sagt Makiolla.

Herzenswunsch: Kostenlose Kulturveranstaltungen

Wenn er dagegen zwei Dinge noch „einfach machen“ dürfte, dann wäre das Tabula rasa im ÖPNV mit einer landesweit einheitlichen Tarifstruktur und „alle Kulturveranstaltungen kostenlos, auch wenn es unrealistisch ist“. Es müsse möglich sein, dass jeder zu jeder Zeit ohne Geld Kulturveranstaltungen besuchen kann.

„Ich erwarte von Mario Löhr, dass er das auch macht.“
Michael Makiolla (SPD)

Kultur war und ist Michael Makiolla eben eine Herzensangelegenheit. Ohne ihn gäbe es die Neue Philharmonie Westfalen höchstwahrscheinlich nicht mehr. Auch der Erhalt des Hauses Opherdicke war kein politischer Selbstläufer, dazu das Engagement des Kreises rund um Schloss Cappenberg. Ungeachtet einer über viele Jahre mitunter wirklich desolaten finanziellen Lage des Kreises hat Michael Makiolla diese kulturellen Perlen wie einen Schatz gehütet – auch gegen den politischen Widerstand, der immer wieder aufflammte. Er hat sich während seiner gesamten Amtszeit leidenschaftlich für den Erhalt der Kulturangebote des Kreises eingesetzt. „Und ich erwarte von Mario Löhr, dass er das auch macht“, so Makiolla.

Rasmus Baumann, Michael Makiolla

Landrat Michael Makiolla mit Rasmus Baumann, Generalmusikdirektor der Neuen Philharmonie, die es ohne das Engagement des Landrats vermutlich nicht mehr geben würde. Dieses wie auch andere kulturelle Angebote des Kreises hat er gehütet wie einen Schatz. © Stefan Milk / Archiv

Das ist aber auch das Einzige, was er über seinen Parteifreund und Nachfolger Mario Löhr sagt. „Ich bin nicht der, der jetzt durch schlaue Kommentare reinredet – das will ich nicht und das gehört sich nicht.“ Jetzt seien andere an der Reihe. „Die werden ihr Ding schon machen.“

Das Siegerlächeln 2004: Als Michael Makiolla mit 62,9 Prozent der Stimmen zum Landrat des Kreises Unna gewählt worden war, freute sich Ehefrau Gabi mit ihm. Bis heute musste sie oft zurückstecken, jetzt gehört die Zeit ihres Ehemannes wieder ganz ihr.

Das Siegerlächeln 2004: Als Michael Makiolla mit 62,9 Prozent der Stimmen zum Landrat des Kreises Unna gewählt worden war, freute sich Ehefrau Gabi mit ihm. „Sie hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel auf mich Rücksicht nehmen müssen“, sagt Makiolla – jetzt gehört er wieder ganz ihr. © Marcel Drawe

Er selbst will und muss jetzt erstmal Abstand gewinnen, die Anspannung der letzten Monate abfallen lassen. Und dann freut er sich darauf, wieder Herr über seine Zeit zu sein, die er jetzt seiner Ehefrau schenken will. „Sie hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel auf mich Rücksicht nehmen müssen, was ihr Leben und ihre Zeiteinteilung angeht. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mich nach ihr orientiere, das hat Vorrang vor allem Anderen.“

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