Mieses Geschäft mit der Einsamkeit: Lünerin soll 8500 Euro zahlen, um ihren „Hans“ zu sehen

hzVerbraucherärger mit Partnervermittlung

Eigentlich wünschte sich Luise Schüssler (Name geändert) nur wieder einen netten Tanzpartner, der auch mit ihr ins Theater geht. Der Wunsch sollte die Lünerin teuer zu stehen kommen.

Lünen, Werne, Selm

, 16.07.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tanzen - das ist es, was Luise Schüssler vermisst, seitdem ihr Mann gestorben ist. Und natürlich die Gespräche und den gemeinsamen Besuch im Theater. „Natürlich hab ich Freundinnen, aber die haben alle einen Partner, da fühle ich mich wie das fünfte Rad am Wagen“, sagt die agile Mittsiebzigerin aus Lünen.

Ihre Freundinnen ermunterten sie immer wieder, doch mal auf eine Annonce zu antworten und so einen Partner fürs Tanzen und Theater kennenzulernen. Irgendwann schaute sich Luise Schüssler dann tatsächlich Kontaktanzeigen an. Und entdeckte eine, die sie ansprach. „Hans“ war in etwa ihr Alter und hatte auch die selben Interessen wie die Lünerin.

Luise Schüssler rief bei der kostenlosen Telefonnummer der Partnerschaftsvermittlung an, die unter der Annonce stand. „Man fragte mich, warum mir denn ausgerechnet ,Hans` so gut gefällt und kündigte mir an, dass am nächsten Tag ein Mitarbeiter der Agentur bei mir vorbei kommt und alles weitere regelt“, so die Lünerin.

Seniorin sollte 8500 Euro zahlen

Der Mitarbeiter klingelte auch tatsächlich am nächsten Tag bei der Seniorin. „Er hat dann erst ein Profil von mir erstellt und auch ein Foto gemacht. Dann wollte er meine Kontoauszüge sehen.“

Luise Schüssler zeigte sie ihm. Der Mann wollte offenbar wissen, wieviel Rente die Lünerin bekommt. Und dann ließ er die Katze aus dem Sack: 8500 Euro sollte die Lünerin bezahlen, damit die Firma ihr den Kontakt mit „Hans“ vermittelt. „Wie soll ich das denn machen mit 1200 Euro Rente?“ fragte die Lünerin sich und den Mitarbeiter.

Der wollte ihr aber erstmal den Vertrag und natürlich „Hans“ schmackhaft machen. Man müsse ja nicht zusammenziehen („das will ich auch gar nicht“), aber man kann ja zusammen zum Tanzen und sie hätte dann wieder eine Schulter zum Anlehnen und auch jemanden, der sie mit einem Auto fahren kann.

Sie könne die geforderte Summe auch in kleinen Raten zahlen. „Aufdringlich war er nicht. Also hab ich nicht sofort Nein gesagt.“

Vorzüge der „ausgesuchten Herren“ hervorgehoben

Und so kam dann am nächsten Tag noch eine „sehr gepflegte und gut aussehende Dame“ von der Agentur zu ihr nach Hause. Auch sie hob die Vorzüge der „ausgesuchten Herren“ hervor, die Luise Schüssler angeblich kennenlernen könne. „Und dann meinte sie, vielleicht wäre ja einer dabei, der mir die 8500 Euro bezahlt.“

Als die Lünerin immer noch skeptisch reagierte, kam die Frage, was sie denn monatlich zahlen könne. Man einigte sich schließlich auf die kleinste mögliche Rate von 60 Euro im Monat.

Das müsse die Mitarbeiterin mit ihrer Chefin abklären und dafür stellte sie ihr Handy auf Lautsprecher. „Die Chefin sagte dann, für so eine geringe Rate werde man erstmal nicht tätig, da müsse erstmal Geld fließen“, erinnert sich die Rentnerin.

„Ihren ,Hans’ können Sie bei den Raten vergessen“

Als die Mitarbeiterin dann mit dem unterschriebenen Vertrag die Wohnung verließ, habe sie noch gesagt: „Ihren ,Hans‘, den können Sie vergessen, wenn eine Dame kommt, die 8500 Euro zahlt, vermitteln wir ihn an diese Kundin.“

Das war im vergangenen Jahr. Seit September 2018 werden Luise Schüssler monatlich 60 Euro abgebucht. Sonst passierte nichts - die Lünerin bekam keine Partnerschaftsvorschläge und von „Hans“ hörte sie auch nichts.

„Ich hab meinen Freundinnen nichts davon erzählt. Und immer gewartet - vielleicht kommt ja zu Weihnachten was oder zu Ostern.“

Inzwischen reichte es der Lünerin. Sie holte sich Rat und Hilfe bei der Verbraucherberatung. „Ich hab mir gedacht, es reicht jetzt, ich habe über 500 Euro bezahlt und es passiert nichts.“

Rechtsanwältin hat Kündigung an die Agentur geschickt

Verbraucherberaterin Hannah Pick ist froh, dass sich die Seniorin an die Verbraucherberatung in Lünen gewandt hat, die auch für Selm und Werne zuständig ist. Und sieht auch gute Chancen, ihr zu helfen.

Die Rechtsanwältin der Verbraucherberatung hatte bereits einen Termin mit Luise Schüssler. Ein Brief an die Agentur ist abgeschickt. Darin wird der Vertrag gekündigt und angefochten, dass angeblich ein Widerruf nicht möglich sei.

„Die Mitarbeiterin hat mir gesagt, wenn ich nicht monatlich bezahle, dann bekomme ich einen Zahlungsbefehl über 4000 Euro“, so Luise Schüssler.

Die Rechtsanwältin ermutigte die Lünerin auch dazu, die letzten beiden Zahlungen über ihre Bank zurückzuholen. Sie sieht auch Chancen, dass Luise Schüssler ihr ganzes Geld zurück bekommt.

Leider ist diese Sache kein Einzelfall

Hannah Pick: „Die Verbraucherin hat keine Widerrufsbelehrung ausgehändigt bekommen. Das ist eine Möglichkeit, anzusetzen.“

Zudem steht in dem Vertrag, den Luise Schüssler bekommen hat, dass die Agentur eine Rückabwicklung des Vertrages sowie eine Rückerstattung der bis dahin geleisteten Zahlungen garantiert, wenn innerhalb von vier Wochen ab Vertragsabschluss keine vermittlungsbereiten Personen vorgeschlagen wurden.

„Leider ist das kein Einzelfall. Wir kennen noch mehr Ratsuchende, die solche Erfahrungen gemacht haben. Auch der geforderte Betrag von 8500 Euro ist gleich“, sagt Hahnnah Pick.

Alarmierend findet sie es auch, dass die Agentur-Mitarbeiterin Lusie Schüssler vorgeschlagen haben, sie solle doch bei der Bank einen Kredit über die geforderte Summe aufnehmen. Alles sehe zudem nach frei erfundenen Profilen in den Annoncen aus.

Die Verbraucherberatung bietet Rat und Hilfe in der Beratungsstelle, Kirchstraße 12. Öffnungszeiten: Montag 9 bis 13 Uhr, 13.30 bis 17 Uhr, Mittwoch: 9 bis 13 Uhr, 14 bis 18 Uhr, Donnerstag 9 bis 13 Uhr, 13.30 bis 17 Uhr und Freitag 9 bis 13 Uhr.
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