Der Tigerschnegel hat vier Fühler. Zwei davon haben Augen. Andere Weichtiere - etwa Muscheln - besitzen gar keinen Kopf. © picture-alliance/ dpa
Naturphänomen

Nacktschnecke im Tiger-Dress ist der Kamasutra-Meister der Weichtiere

Der Tiger unter den Nacktschnecken hat elegante schwarze Streifen auf grauer Haut, ist schlank, heimlich und so etwas wie ein Kamasutra-Meister. Das ist nicht der einzige Grund, ihn zu mögen.

Schnecken sind nicht gerade Tiere zum Verlieben, insbesondere Nacktschnecken nicht. Sie sind weder kuschelig, noch niedlich, sondern eher das komplette Gegenteil: eklig. Darum machen sich Menschen auch nur selten Mühe, genau hinzusehen – und verpassen dabei eine Menge.

An warmen, feuchten Sommerabenden sind sie plötzlich da. Unübersehbar. Und manchmal leider auch unausweichlich. Wer regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs ist, kennt den verzweifelten Slalom-Parcours über orange-gesprenkelte Radwege, wenn es gilt, irgendwie an all den Großen Wegschnecken vorbei zu steuern.

Gestreifte Entdeckung auf dem Radweg

So war es auch an einem der ersten Augustabende 2021 – und doch ganz anders. Denn Zwischen den fetten, schleimigen Kriechern in Signalfarbe zeigte sich auf dem Radweg an der B 54 kurz vor der Stadtgrenze zwischen Lünen und Werne plötzlich ein ganz anderes Exemplar aus der Familie der Landlungenschnecken, also den Schnecken, die dauerhaft auf dem Trockenen leben und deshalb keine Kiemen mehr haben, sondern eine einfache Lunge mitsamt Atemloch. Da lohnte es, das Fahrrad abzustellen und sich auf den schleimigen Boden zu hocken, um Bekanntschaft zu machen mit einem Tier im Raubkatzen-Muster, das sich kaum Menschen zeigt.

Ihm scheint bei dieser Begegnung nicht wohl zu sein. Gerade hatte es sich noch im zügigen Schneckentempo – zumindest schneller als die orangefarbenen Schnecken-Kollegen – auf seiner Schleimspur voran bewegt, jetzt liegt es unbeweglich auf dem Asphalt: ein mit seinen fast 20 Zentimetern Länge zu groß geratener Wurm. Oder eine geschrumpfte Schlange. Auf jeden Fall ein schlankes langes Etwas. Ob es den Menschen neben sich sehen kann und sich deshalb vorsorglich tot stellt?

Für Fressfeinde ein widerwertiger Happen

Die vier Fühler sind das einzige, was sich noch bewegt – unabhängig voneinander: tastend, suchend, blinzelnd. Zwei von ihnen haben, was in der Dämmerung kaum zu erkennen ist, schwarze Punkte: die Augen. Sie bieten zwar einen Rundum-Blick, gelten aber eigentlich als nicht besonders gut. Nur helle und dunkle Kontraste können sie erkennen, aber eben auch Bewegungen. Das reicht. Der Schnegel ist gewarnt. Er kann zwar nicht fliehen, ist aber bereit, sich zusammenzuziehen und noch mehr einzuschleimen als bislang, um einen möglichst widerwertiger, zäher Happen für mögliche Fressfeinde darzustellen.

Seltene Begegnung: ein Tigerschnegel auf dem Radweg an der B 54 in Wethmar. Was man ohne Größenvergleich nicht erkennt: Er ist fast 20 Zentimeter lang. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Der Schleim ist nicht nur gut, um sich vor Igel, Amsel und Co. zu wehren. Er hat auch noch eine ganz andere Wirkung. Wenn der Schnegel in romantischer Stimmung ist – und das passiert nur einmal im Jahr – bei einer Lebenserwartung von 2,5 bis 3 Jahren und einer Geschlechtsreife ab einem Jahre -also höchstens zweimal im Schnegel-Leben. Dieses seltene Liebesglück feiert er dann aber um so ausgiebiger – mit artistischem Geschick und größter Ausdauer: ein Kamasutra-Künstler unter den Weichtieren.

Ein Liebesakt der Superlative

Die Suche nach einem Partner, der auch gerade Lust hat, ist der erste Schritt zum spektakulären Liebesspiel. Hauptsache, Schnegel sind Zwitter. Sobald ein Artgenosse, der Lust hat, einen anderen trifft, versucht er ihn ebenfalls in Stimmung zu bringen durch aufdringliches Hinterherkriechen und Lecken. Das alleine kann schon Stunden dauern. Sind beide bereit, fängt die wollüstige Plackerei erst richtig an. Die Zwei suchen sich eine erhöhte Position: einen Ast oder einen Mauervorsprung – in jedem Fall etwas weit über dem sicheren Boden der Tatsachen. Was dann passiert, hat das „Kuratorium Weichtier des Jahres 2005“ beschrieben.

Beide Partner bilden – Kopf an Schwanz – einen Kreis und drehen sich umeinander. Stunden lang. Dabei sondern sie Schleim ab, der sich während des ganzen Tanzes klumpig zwischen ihnen ansammelt. „Nun verengen die Tiere den Paarungskreis, umschlingen sich Mehrfach, geradezu stürmisch, bewegen die Köpfe heftig hin und her, belecken sich dabei ausgiebig“. Das liest sich wie der Höhepunkt, ist es aber längst noch nicht.

Schnecken-Sex zwischen Himmel und Erde

Denn jetzt sondern die beiden nach der Beschreibung der Molluskenforscher jeweils einen stabilen Schleimfaden ab und lassen sich dann beide todesmutig von ihrem Ast oder ihrer Mauer in die Tiefe fallen – nicht nebeneinander, sondern miteinander. Denn die Schleimfäden drehen sich und bilden eine Art rotierendes Seil zwischen Himmel und Erde. 40 Zentimeter tief lassen sie sich so fallen, bis beide ihre stattlichen Geschlechtsorgane – immerhin fast ein Drittel der gesamten Körperlänge – an der rechten Seite öffnen und Sperma austauschen, der Monate lang befruchtungsfähig bleibt. Jeder Schnegel wird im August/September und später im Juni des nächsten Jahres Eier legen, aus denen drei bis sechs Woche später der Nachwuchs schlüpft.

So artistisch und ausgiebig der Akt ist, so banal geht er zu Ende. Beide Tiger, deren Sinnlichkeit gerade noch die Schwerkraft überwunden zu haben schien, gehen grußlos ihrer eigenen Wege: der eine den Schleimfaden hoch nach oben, der andere lässt sich nach unten fallen.

Das Interesse für andere Nacktschnecken ist beim Tigerschnegel aber auch außerhalb der Paarungszeit da. Dann hat er seine Kollegen – insbesondere die orangefarbenen Nacktschnecken, die sich so gerne über den Salat hermachen – zum Fressen gern. Pflanzen stehen zwar auch auf seiner Speisekarte, aber am liebsten nur verfaulte. Damit können Gartenfreunde gut leben. Und für eine Vorführung des tollkühnen Liebesspiels gäben sie sogar ihr liebstes Gemüse her.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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