Rathaus-Paternoster in Lünen: In zehn Minuten über 13 Stockwerke gondeln

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Nach zwei Jahren ist der Paternoster-Aufzug im Rathaus Lünen wieder in Betrieb. Dabei hätte er eigentlich schon 1994 endgültig stillgelegt werden sollen. Ein besonderer Status rettete ihn.

Lünen

, 08.10.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im November 2018 stoppte der Paternoster-Aufzug im Lüner Rathaus: Die Antriebsräder waren defekt. „Und Ersatzteile für so einen Aufzug gibt es nicht im Baumarkt“, sagt Stadtsprecher Benedikt Spangardt auf die Frage, warum die Reparatur so lange gedauert hat. „Die Räder mussten neu angefertigt werden.“ Problem: Die Firma Rheinstahl Eggers-Kehrhahn, die den Paternoster damals gebaut hatte, existiert nicht mehr. Also musste erst einmal eine neue Firma her, die so einen Auftrag erfüllen konnte - fündig wurde die Stadt Lünen schließlich im Sauerland.

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Paternoster in Lünen wieder in Betrieb

Eigentlich hätte der Paternoster im Sommer 2019 wieder laufen sollen, doch bei der Abnahme stellte der TÜV fest, dass eine Antriebswelle schadhaft war. Auch die musste eigens neu angefertigt werden, sodass der Aufzug erst wieder im September 2020 offiziell in Betrieb gehen konnte.

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Funktionsweise eines Paternoster-Aufzuges.
Quelle: CC BY-SA 3.0 (Wikipedia)

Das System hat sich seit dem Erstbetrieb 1960 nicht verändert: 26 Kabinen, für je zwei Personen, werden von einem 7-PS-Motor an zwei je 112 Meter langen Ketten über die 13 Stockwerke (plus Keller) gezogen. Die Geschwindigkeit beträgt 20 Zentimeter pro Sekunde. Am oberen und unteren Ende werden die Gondeln über die großen Scheiben in den jeweils anderen Schacht gesetzt und fahren in die andere Richtung weiter.

Aufzugsverordnung wollte Damen schützen

Eine Runde im Lüner Rathaus dauert etwa zehn Minuten. Nutzen können den Paternoster allerdings nur Mitarbeiter der Verwaltung, und auch nur dann, wenn sie vorher eine entsprechende Einweisung erhalten haben. Für die Öffentlichkeit ist er - wie viele andere Aufzüge dieser Art in Deutschland auch - nicht zugänglich. Eine Tatsache, die den Aufzug übrigens gerettet hat: Denn eigentlich hätten alle Paternoster-Aufzüge spätestens am 31. Dezember 1994 stillgelegt werden müssen.

Wer in der letzten Etage weiterfährt, hat nichts zu befürchten - er kommt auf der anderen Seite wieder herunter (oder herauf).

Wer in der letzten Etage weiterfährt, hat nichts zu befürchten - er kommt auf der anderen Seite wieder herunter (oder herauf). © Claeßen

Grund dafür war laut Stadt Lünen die Aufzugsverordnung vom 17. August 1988 der damaligen Europäischen Gemeinschaft (heute Europäische Union, EU). Sogenannte Umlaufaufzüge, die vor 1974 gebaut worden waren, sollten demnach bis 1994 stillgelegt werden, da angeblich die Unfallzahlen zu hoch waren - und man den Damen beim Aufstieg unter den Rock gucken könne. Was die Unfälle angeht, heißt es seitens der Stadt Lünen, dass diese ganz allgemein meistens bei Reparaturarbeiten und nicht im Alltagsbetrieb passiert seien.

Noch heute gibt es einen Sicherheitsmechanismus: Sowohl in den Kabinen als auch auf den einzelnen Stockwerken gibt es Scharniere, die sofort nachgeben, wenn ein Fahrgast mit dem Fuß zwischen Kabine und Stockwerk gelangt. „Die Stromzufuhr wird dann unterbrochen und der Aufzug stoppt“, erklärt Benedikt Spangardt.

Trotz solcher Sicherheitsmaßnahmen bleibt der Paternoster den Verwaltungsangestellten vorbehalten - und ist laut Spangardt sehr beliebt: „Gerade, wenn man nur ein paar Stockwerke hoch oder runter muss, wird der Paternoster gern dem normalen Aufzug oder den Treppen vorgezogen.“ In den ersten beiden Stockwerken des Rathauses sorgen gläserne Törchen dafür, dass nur Befugte mit Zugangschip den Paternoster erreichen.

Kabinen im Stil der 1950er-Jahre

Ein weiterer Faktor, der für den Paternoster in Lünen sprach, war die Tatsache, dass er zum Rathaus gehört - und damit Teil eines bautechnischen Denkmals ist. Er wurde seit 1960 nicht verändert, selbst die Farben der Kabinen entsprechen noch dem Stil der damals ausklingenden 1950er-Jahre: resopal-bunt.

Der Aufzug in Lünen ist einer von rund 60 Paternostern, die derzeit in Nordrhein-Westfalen noch in Betrieb sind. Deutschlandweit gibt es noch rund 400 dieser Umlaufaufzüge, die gerne auch als „Beamtenbagger“ bezeichnet werden, da diese Art der Personenbeförderung vor allem in Ministerien und Ämtern genutzt wurde. In Lünen ist für Auflagen und Nutzungsmodalitäten das Amt für Arbeitsschutz der Bezirksregierung Arnsberg zuständig.

In einer vorherigen Version hatten wir geschrieben, der Paternoster „gondele“ über 14 Etagen. Tatsächlich können Fahrgäste nur auf 13 Etagen zu- und aussteigen, darüber und darunter werden die jeweils umgesetzt.

Rosenkranz als Namensgeber

Die Bezeichnung „Paternoster“ für den Umlaufaufzug ist auf das Rosenkranzgebet zurückzuführen. Nach zehn Ave Maria kam ein Vater unser (lat. Paternoster), entsprechend waren auf den Rosenkranzschnüren zehn kleine Perlen gefolgt von einer großen aufgezogen. Die Kabinen sind ähnlich wie die Perlen auf einer Schnur aufgezogen. Der Rosenkranz wurde früher regional auch „Paternosterschnur“ genannt.
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