Schulden in Lünen: Immer mehr Menschen haben zu wenig Geld zum Leben

hzSchuldneratlas

Die Zahl der überschuldeten Personen in Lünen ist 2019 leicht gestiegen, wobei es große Unterschiede zwischen den Stadtteilen gibt. Vor allem zwei Probleme führen in die Schuldenfalle.

Lünen

, 22.11.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Verband Creditreform hat den Schuldneratlas 2019 veröffentlicht. Creditrefrom ist als Auskunftei in etwa vergleichbar mit der Schufa, hat also auch Zugriff auf die entsprechenden Daten - wobei als Indiz der Analyse die Postleitzahl (PLZ) dient. Folglich lässt sich ein ziemlich genaues Bild der jeweiligen Stadt zeichnen, so auch für Lünen.

„Ziemlich genau“ deshalb, weil die PLZ-Gebiete nicht immer exakt den Grenzen der Stadtteile entsprechen. Dennoch wird deutlich, dass man es in Lünen nach wie vor mit einem Nord-Süd-Gefälle zu tun hat. Die nördlichen Stadtteile stehen mit einer Überschuldungsquote - also dem Anteil überschuldeter Personen ab 18 Jahren an der Gesamtbevölkerung - von 11,69 Prozent besser da als die Südschiene mit 12,93 Prozent.

Lünens Entwicklung bildet eine Ausnahme

Nochmal höher ist die Quote für den Bereich, in den Lünens größter Stadtteil Brambauer fällt. Mehr als 16 Prozent der über 18-Jährigen sind überschuldet, haben also ein derart geringes Einkommen, dass sie auf absehbare Zeit ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können. Für ihren Lebensunterhalt stehen ihnen weder Vermögen noch Kredite zur Verfügung.

Insgesamt waren in Lünen im Jahr 2019 9697 Menschen überschuldet, knapp 10 mehr als im Jahr zuvor. Die Quote für gesamt Lünen stieg folglich leich an, von 13,44 auf 13,46 Prozent. „Damit bildet Lünen eine Ausnahme“, sagt Wolfgang Scharf, Geschäftsführer der Creditreform Dortmund/Witten. In Dortmund sei die Quote beispielsweise zurückgegangen. „Warum sich das in Lünen nicht ähnlich abgespielt hat, wissen wir nicht.“

Wobei: Tatsächlich sind auch bis auf den PLZ-Bereich 44536 die Quoten zumindest leicht rückläufig. Allerdings verweist Scharf auch auf die langfristige Entwicklung: „Im Vergleich zum ersten Schuldner-Atlas aus dem Jahr 2004 ist die Verschuldung im Bereich Brambauer und Lippholthausen um 4,71 Prozent gestiegen.“ Aktuell seien hier jeder fünfte Mann und jede achte Frau überschuldet.

Diese Nachricht kommt vor allem deshalb überraschend, weil die Arbeitslosenquote in Lünen seit Monaten sinkt und derzeit bei 9,1 Prozent liegt. Creditreform weist im Schuldneratlas neben Erkrankung und Sucht allerdings auch auf ein längerfristig niedriges Einkommen als mögliche Ursache für die Schuldenentwicklung hin.

So viele Geringverdiener wie nirgendwo sonst im Kreis Unna

Wirft man einen Blick in die Statistik der Agentur für Arbeit, bestätigt sich dieses Bild: Von 31.054 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im September 2019 bezogen 865 Menschen zusätzliche Leistungen vom Jobcenter. Ihr Lohn lag also unter dem Niveau von Hartz IV, weshalb das Einkommen „aufgestockt“ wird.

Der Wert an sich ist vermeintlich niedrig, jedoch ist der Anteil der „Aufstocker“ an allen Erwerbstätigen in Lünen mit 2,8 Prozent der zweitschlechteste Wert im Kreis Unna nach Bergkamen (2,9 Prozent). Bei der Quote der geringfügig Beschäftigten, also zum Beispiel 450-Euro-Jobber, belegt Lünen mit 14,3 Prozent gar den „Spitzenplatz“ im Kreis. 4762 Menschen gehen in der Lippestadt einer solchen Beschäftigung nach.

Der Weg aus der Schuldenfalle

Problem: Mittlerweile wird durch Aktionen wie Null-Prozent-Finanzierungen oder Ratenkauf suggeriert, dass man sich auch mit wenig Geld trotzdem viel leisten kann. „Mangelnde Finanzkompetenz“ nennt das die Creditreform in ihrem Bericht. Wolfgang Scharf präzisiert: „Darunter können auch Fälle sein, in denen zum Beispiel Kinder oder Jugendliche Handy-Abos abgeschlossen haben, die sie nicht bezahlen können.“ Aus Angst, aufzufliegen, suchen sie sich jedoch keine Hilfe - nicht mal bei den Eltern - und geraten immer tiefer in die Schuldenspirale.

Angst und Scham sind oft auch die größten Hemmschwellen für Erwachsene, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Wie es gelingen kann, hatte uns bereits im Januar ein Lüner Frührentner erzählt.

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Altersarmut steigt

Wolfgang Scharf sieht im Bereich Altersarmut in Deutschland eine besorgniserregende Entwicklung: Die Zahl der Überschuldeten über 70 Jahre sei im Vergleich zum Vorjahr um 118.000 Fälle gestiegen. Mittlerweile sind laut Creditreform 381.000 Menschen aus dieser Altersklasse überschuldet.
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