Semih (2) sollte nur wenige Tage alt werden - und geht jetzt in den Kindergarten

hzTrisomie 13

Dass Semihs Eltern den ersten Kita-Tag erleben dürfen, hätten sie vor zwei Jahren nicht zu hoffen gewagt. Hier berichten sie, auf welches Szenario sie sich stattdessen eingestellt haben.

Lünen

, 30.05.2019, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist Dienstag, der 28. Mai, ein ganz normaler Tag für die meisten. Für die Mutter des kleinen Semih ist heute jedoch ein besonderer Tag. Ihr Sohn kommt heute in den Kindergarten. Der Zweijährige lacht und lacht. Es sind viele Kinder um ihn herum, er bekommt eine kleine Schultüte von seiner Mama und viele Erzieherinnen sprechen mit ihm.

Der Junge ist voll dabei und erkundet seine neue Umgebung - auf seine Art. Er steckt sich vieles in den Mund, strampelt mit den Füßen und zieht seiner Mutter an den Haaren.

All diese neuen Eindrücke saugt der kleine Junge in sich auf und freut sich, dass er teilhaben darf, teilhaben am Leben. Dass das so ist, ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Denn eigentlich hatten sich die Eltern des kleinen Semih auf ein ganz anderes Szenario vorbereitet - Semih hat Trisomie 13.

Ärzte warnten: Semih wird nur wenige Tage alt

Eltern zu werden ist für viele Menschen ein großer Wunsch. So auch für Semra und Metin E. aus Lünen (Namen wurden von der Redaktion geändert). Endlich war es so weit, sie erwarteten ein Kind. Dann kam der Schock.

Bei einer Ultraschalluntersuchung zu Beginn des fünften Schwangerschaftsmonats machten sich die ersten Sorgen breit. Die Frauenärztin benötigte viel Zeit für die Untersuchung. Der erste Verdacht auf Trisomie 13 kam auf.

Die Ärztin empfahl ihr weitere Untersuchungen in der Pränataldiagnostik. Dort bestätigte sich die Befürchtung. Das Kind hat Trisomie 13 und somit das Pätau-Syndrom. Menschen mit dieser Genommutation am dreizehnten Chromosomenpaar haben eine geringe bis keine Lebenserwartung.

Die Ärzte von Semra E. hatten sie und ihren Mann Metin darauf vorbereitet, dass ihr Kind noch während der Schwangerschaft sterben könne. Falls dies nicht geschehe, würde ihr Sohn vermutlich nur wenige Tage alt werden.

Schwangerschafts-Abbruch wegen Trisomie 13 kam nicht in Frage

Für Familie E. war diese Nachricht ein Schock. Ein Schwangerschaftsabbruch kam für die gläubige Mutter allerdings nicht in Frage: „Im Islam ist so etwas nicht vorgesehen, und ich bin sehr gläubig.“

Doch der Junge kämpfte und plötzlich ging die Familie mit einem schwerbehinderten Sohn nach Hause, der eine doppelte Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, jeweils sechs Finger und Zehen, tiefliegende Augen und tief sitzende Ohren hat. Außerdem hat Semih einen Herzfehler, ein unterentwickeltes Gehirn und ist blind.

Auf einmal hatte die Familie ein Kind, das rund um die Uhr Betreuung, Pflege und Aufmerksamkeit benötigt. Semra und Metin E. hatten nichts vorbereitet, es gab kein Kinderzimmer, kein Bettchen und keinen Kinderwagen. Die junge Mutter entwickelte Schlafstörungen: Sie hatte permanent Angst, dass ihr Sohn jeden Moment sterben könne.

Kindergarten-Suche gestaltete sich schwierig

Mittlerweile ist Semih zwei Jahre alt und kann weder sprechen noch sehen. Sich allein aufrecht zu halten, schafft er nicht. „Er kann sich mit den Füßen im Liegen weiter schubsen, aber krabbeln und sitzen kann er nicht“, erzählt seine Mutter. Das Loch in seinem Herzen hat sich glücklicherweise von selbst geschlossen.

Semra E. ist glücklich, dass ihr Sohn schon viel länger lebt, als sie ursprünglich zu hoffen gewagt hatte. Sie denkt, dass er noch lange bei ihnen bleiben wird.

„All die körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen hindern Semih nicht daran, Freude am Leben zu empfinden. Er lacht viel und ist ein richtiges Energiebündel“, sagt Semra E. Der Zweijährige sei zu Hause unterfordert. Seine Energie staue sich auf und so könne er kaum richtig schlafen. Deswegen wollte seine Mutter Semih unbedingt in den Kindergarten bringen.

Doch die Suche nach einem Kindergarten gestaltete sich schwierig. In Dortmund sollte Semih eine Chance bekommen, allerdings schaltete sich das Jugendamt ein: Kinder aus Lünen müssten auch in Lüner Kindergärten gehen. Heilpädagogische Kindergärten nehmen Kinder erst ab drei Jahren auf.

Erster Kindergarten-Tag für Semih

„Zum Glück für uns hat eine Mitarbeiterin der Frühförderstelle dann den Kontakt zum St.-Marien-Kindergarten hergestellt. Ich bin so dankbar, dass mein Sohn nun die Möglichkeit erhält, andere Kinder kennenzulernen und neue Erfahrungen zu sammeln“, freut sich die engagierte Mutter. Hier darf sie künftig den kleinen beeinträchtigten Jungen zweimal wöchentlich für zwei Stunden hinbringen.

Mit dem Zweijährigen kommt dann auch jedes Mal eine Krankenschwester mit, die während der gesamten Zeit im Kindergarten für ihn sorgt. Am Dienstag, 28. Mai, durfte Semih das erste Mal in den Kindergartenalltag hineinschnuppern.

Zwar kann der Zweijährige sich nicht mit anderen verständigen und sieht nichts, allerdings kann er im Kindergarten neue Stimmen und neue Gerüche wahrnehmen. „So kommt mein Sohn aus seinem Alltag heraus und kann etwas neues kennenlernen“, freut sich Semihs Mutter.

Aufgedreht wie der Kleine war, lachte er viel. Sodass er schließlich nach zwei Stunden Aufenthalt auch erschöpft war. Semra E. war guten Mutes, dass ihr Sohn nach dieser Anstrengung nun einen ausgiebigen Mittagsschlaf halten würde.

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