Spurensuche: In Lünen leben noch 24 Menschen mit jüdischem Glauben

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1930, vor genau 90 Jahren, lebten 237 Menschen jüdischen Glaubens in Lünen. So viel wie nie zuvor und niemals wieder. 15 Jahre später, 1945, ist die Jüdische Gemeinde ausgelöscht. Und heute?

Lünen

, 22.03.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

90 Jahre ist es genau her, da hatte die Stadt Lünen 237 jüdische Mitbürger. Da ist für diese Menschen noch alles gut - es gibt eine Schule und eine Synagoge (in der Kirchstraße, heute Stadttorstraße) - ein normales Leben.

Zu diesem Zeitpunkt ahnt kaum jemand, was kommen wird. Das, was kommt, kostet die meisten die Heimat - oder das Leben. Ein Gedenkstein auf dem St. Georg-Kirchplatz erinnert seit 1978 an den Synagogenbau. An der Münsterstraße gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof. Aber wer kennt den? Oder einen Mitbürger jüdischen Glaubens?

Die jüdische Schule und die Synagoge, ein Foto aus dem Stadtarchiv.

Die jüdische Schule und die Synagoge, ein Foto aus dem Stadtarchiv. © Stadtarchiv

Wie ist das heute, im Jahr 2020? Leben in Lünen Menschen mit jüdischem Glauben? Hier gibt es keine Jüdische Gemeinde mehr - aber es gibt Lüner jüdischen Glaubens: 24 Lüner haben im Melderegister der Stadt ihren Glauben mit „israelitisch/jüdisch“ angegeben.

Wie belastbar diese Zahlen tatsächlich sind, vermag die Stadt nicht genau zu sagen, denn: Während katholische und evangelische Christen beispielsweise ihre Konfession wegen der Kirchensteuer angeben müssen, ist das bei Menschen jüdischen Glaubens nicht zwingend so.

11 Frauen und 13 Männer mit jüdischem Glauben

Unter den 24 im Melderegister registrierten Juden sind 11 Frauen und 13 Männer - 9 Deutsche und 15 Menschen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit.

Weil es in Lünen keine eigene jüdische Gemeinde gibt, verteilen sich die Lüner jüdischen Glaubens auf die Gemeinden in Unna und Dortmund.

Wie lebt es sich als Jude heute in der Stadt an der Lippe? Spielt der Glaube überhaupt eine Rolle? Gerne wollten wir darüber mit einem der jüdischen Mitbürger reden. Das Problem: Diese jedoch ganz offenbar nicht mit uns.

Die jüdische Gemeinde in Unna hat vier Gemeindemitglieder, die in Lünen zuhause sind. Alle vier mögen gegenüber der Presse nichts über sich erzählen. Sie möchten nicht in der Öffentlichkeit stehen. Warum genau, ist unklar, klar ist nur: Sie wollen nicht reden, sagt man uns in der Unnaer Gemeinde. Auch die Zusicherung, auf persönliche Fotos und eine Namensnennung zu verzichten, kann die Menschen nicht umstimmen.

Das Eingangstor am alten jüdischen Friedhof.

Das Eingangstor am alten jüdischen Friedhof. © Britta Linnhoff

Während die Unnaer Gemeinde sich immerhin meldet, bleiben die Versuche, mit der Jüdischen Kultusgemeinde in Dortmund Kontakt aufzunehmen, ohne Erfolg. Und so wird diese Geschichte eine andere, als die, die sie ursprünglich mal werden sollte. Das Recherche-Ergebnis haben wir aufgeschrieben, weil es möglicherweise dieses aussagt: Dass es den Menschen offenbar angeraten scheint, besser nicht aufzufallen. Auch nicht im Jahr 2020, als das, was damals geschah, schon ewig her ist.

Repressalien beginnen mit der Machtergreifung 1933

Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kommen, ändert sich die Situation für die Menschen schnell und dramatisch: Sie werden erst gedemütigt, dann gefoltert - dann wird gemordet.

Wen interessiert, was vor Ort hier in Lünen geschah, bevor sich die Deportationszüge Richtung Osten in Bewegung setzten und die Schlote der Gaskammern zu rauchen begannen, der erfährt viel über die persönlichen Schicksale der jüdischen Mitbürger in dem Film „Die Kinder der Turnstunde“ des Lüner Regisseurs Michael Kupczyk. Der Film (als DVD erhältlich) wurde 2016 zum Auftakt des Lüner Kinofestes gezeigt. Er erzählt auch die Lebenswege jener, die dem Holocaust entkamen. Von den 17 Menschen, die auf dem Foto zu sehen sind, das Grundlage des Films ist, lebte nach 1945 kein einziger mehr in Lünen - und nur einer kehrte nach dem Krieg in die Stadt zurück.

Während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten kommen mindestens 37 Lüner jüdischen Glaubens um; darunter 19 Frauen. Viele Schicksale konnten nie geklärt werden. Während der Reichspogromnacht (9. auf den 10. November 1938) sterben in Lünen drei Juden. Ein weiteres Opfer erliegt wenig später seinen Verletzungen. In kaum einer anderen Stadt gibt es in dieser Nacht so viele Opfer.

Nach einer Volkszählung im Oktober 1946 überlebten das Grauen in Lünen sieben Juden, zwei Männer und fünf Frauen. Vermutlich waren es Ehepartner aus so genannten „jüdischen Mischehen“. Diese Menschen werden zwar auch drangsaliert, haben aber einen gewissen Schutz. Die jüdische Gemeinde in Lünen ist da längst Geschichte.

Seit 2009 beteiligt sich auch Lünen am Projekt „Stolpersteine".

Seit 2009 beteiligt sich auch Lünen am Projekt „Stolpersteine“. © Goldstein

Seit 2009 beteiligt sich auch Lünen am Projekt „Stolpersteine“: Kleine, im Boden verlegte Gedenktafeln erinnern an die Opfer des NS-Regimes. Sie sind dort im Boden eingelassen, wo die Menschen gelebt haben.
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