Studentin aus Lünen wechselt von der Uni Glasgow in die USA - wegen des Brexits

hzBrexit-Folgen

Eigentlich gefällt es Marie Blaszczyk in Glasgow sehr gut. Doch wegen des Brexits wird die junge Lünerin (25) aus Alstedde ihre Doktorarbeit nun an einer Uni in den USA schreiben.

Alstedde

, 04.02.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor knapp zwei Jahren zog Marie Blasczyk nach Glasgow, um an der dortigen Uni ihren Masterabschluss in Philosophie zu machen. Sie fühlt sich wohl in der schottischen Stadt, würde eigentlich gerne dort bleiben. Doch nun hat sie sich entschieden, nicht in Glasgow, sondern in den USA zu promovieren. Schuld ist der Brexit.

Möglicherweise wird ein Visum nötig

„Es ist zwar derzeit noch gar nicht klar, welche Folgen der Brexit letztlich für mich persönlich hat. Bis Ende 2020 wird sich erstmal nichts ändern, weil ja noch die Verhandlungen zwischen London und der EU laufen“, so die 25-Jährige. Allerdings mussten sie und die anderen Studenten aus EU-Ländern schon Formulare ausfüllen, damit sie weiter im Vereinigten Königreich bleiben können.

Studentin aus Lünen wechselt von der Uni Glasgow in die USA - wegen des Brexits

In Glasgow fahren auch mal lila Doppeldeckerbusse. © Günter Blaszczyk

„Fraglich ist, ob beschlossen wird, dass wir ein Visum brauchen und auch wie viel ich demnächst in meinem Nebenjob arbeiten dürfte.“ Ihren Master-Abschluss wird sie auf jeden Fall dieses Jahr an der Uni in Glasgow machen.

Weil Marie Blaszczyk auch in Philosophie promovieren möchte und befürchtet, dass es durch den Brexit für sie kompliziert werden könnte, bewarb sie sich seit Spätsommer 2019 an mehreren Unis in den USA.

Für Doktoranden-Stelle und Gehalt getrennt bewerben

„Da muss man sich für die Doktoranden-Stelle und das Gehalt, das Funding, separat bewerben, es war noch unsicher, welche Stellen Stipendien anbieten.“ Marie hat nun die Qual der Wahl, denn mittlerweile hat sie von mehreren US-Hochschulen Doktoranden-Stellen angeboten bekommen.

Obwohl sie gerne auch in Glasgow bleiben würde: „Ans Wetter in Schottland gewöhnt man sich. Und ich könnte mir gut vorstellen, irgendwann wieder nach Glasgow zurück zu kommen und auch hier zu leben.“

Studentin aus Lünen wechselt von der Uni Glasgow in die USA - wegen des Brexits

Marie Blaszczyk wird nach ihrem Masterabschluss für die Promotion in die USA wechseln. © Günter Blaszczyk

Viele Schotten stehen dem „Brexit“ ablehnend gegenüber. „Die meisten wollen in der EU bleiben. Hier ist viel Frustration und Unsicherheit zu spüren“, erzählt Marie, die ihr Abitur am Altlüner Gymnasium gemacht hat.

Einer ihrer schottischen Freunde habe den Begriff „Brexit-Burnout“ geprägt. „Die Leute hier können es nicht mehr hören. Die Menschen in meinem Umfeld wollen alle in der EU bleiben. Und viele hoffen darauf, dass Schottland seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt.“

Am Abend des 31. Januar, als Großbritannien um 23 Uhr (Ortszeit UK) aus der EU austrat, gab es in Glasgow eine große Demonstration für den Verbleib. „Es gab einen offiziellen Aufruf, in die Innenstadt zu kommen und gegen den Brexit zu demonstrieren.“

Studentin aus Lünen wechselt von der Uni Glasgow in die USA - wegen des Brexits

Ein besonderer Brunnen in der schottischen Stadt Glasgow. © Günter Blaszczyk

Vieles könne man einfach nicht nachvollziehen. „Ich hab eine Freundin, die aus Nordengland stammt, wo die Menschen überwiegend für den Brexit gestimmt haben. Was sie nicht verstehen kann, ist, dass die Leute dort die meisten Fördergelder von der EU bekommen und nicht mal glauben, dass die Regierung das jetzt übernehmen wird. Und trotzdem sind sie für den Austritt aus der EU.“

Uni sicherte die selben Studiengebühren wie für Briten zu

Bevor Marie Blaszczyk zwei Jahre nach dem Votum für den Brexit von der Uni in Mainz nach Glasgow wechselte, hatte man ihr zugesichert, dass sie als Studentin aus einem EU-Land nicht mehr fürs Studium zahlen muss als die Briten. „Es war so geregelt, dass britische Studenten und Studenten aus der EU den gleichen Semesterbeitrag zahlen müssen.“

Studentin aus Lünen wechselt von der Uni Glasgow in die USA - wegen des Brexits

Shoppen in Glasgow. © Günter Blaszczyk

Studenten beispielsweise aus den USA oder Kanada müssen mehr zahlen, wenn sie an der Uni in Glasgow studieren wollen. „Es ist aber ohnehin etwas teurer als in Deutschland.“ Weil die Uni Glasgow ihr die Zusicherung gab, dass es nicht noch teurer wird, entschloss sie sich, die zwei Jahre bis zum Masterabschluss in Schottland zu absolvieren. Und hat es auch nicht bereut. Bevor das Ganze aber noch unsicherer wird und es möglicherweise doch noch zu einem harten Ausstieg kommt, wird die Lünerin nun in den USA promovieren.

BREXIT BEDAUERT

eUROPA-uNION: hISTORISCHER rÜCKSCHRITT

  • Jochen Otto, Vorsitzender des Stadtverbandes Lünen der Europa-Union, sagt zum Brexit: „Wir bedauern den Brexit, denn unser Ziel ist ein föderaler europäischer Bundesstaat, der alle Europäer in Frieden und Freiheit vereint.“
  • Der Brexit bleibe ein historischer Rückschritt. Er sei begünstigt worden durch „Unwissen und Unwahrheiten, europaskeptischen und fremdenfeindlichen Populismus, der auch unser Land bedroht.“
  • In Lünen werde man die Verbindung zu den Menschen im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland halten und wo immer möglich ausbauen.
  • Europa sei auch und gerade auf der Basis von Städtepartnerschaften, des grenzübergreifenden Miteinanders von bürgerschaftlichen Vereinen, Sportbegegnungen und Jugendaustausch gewachsen: „Daran wollen wir festhalten und bestehende Freundschaften zu Briten pflegen und neue anstreben.“
  • 2019 habe man die letzte Rotbuche im Europahain im Südpark gepflanzt. Otto: „Es sind 28, für jedes Mitgliedsland steht ein Baum. Daran wird sich nichts ändern.“ Auch nach dem Brexit nicht.
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