Die 50-jährige Fröndenbergerin Anja Wellens pflegt ihren Vater privat zuhause. Sie kämpft seit Wochen um einen Impftermin für sich und ihre Mutter (Symbolbild). © picture alliance/dpa/dpa-tmn
Entlastungsmöglichkeiten

Wenn pflegende Angehörige „ich kann nicht mehr“ sagen, ist es zu spät

Pflegende Angehörige haben es in Corona-Zeiten doppelt schwer. Denn sie brauchen auch mal Freiraum für sich. Doch in der Pandemie funktionieren nicht alle Entlastungs-Möglichkeiten.

Home-Office und Home-Schooling als Doppelbelastung in der Pandemie war häufig Thema, wenn es um Familien in Corona-Zeiten ging. Aber es gibt noch eine weitere Doppelbelastung, die nicht so im Fokus stand: Home-Office und Pflege zuhause. Denn die meisten Pflegebedürftigen leben nicht in entsprechenden Heimen, sondern werden zuhause versorgt. Entweder von ihren Ehepartnern oder von ihren erwachsenen Kindern.

Dass solch eine Pflege – je nach Intensität und Bedarf – auch den Pflegenden an seine Grenzen bringen kann, ist bekannt. Um das zu vermeiden, gibt es zahlreiche Entlastungsmöglichkeiten, auch im Nordkreis, zu dem Lünen, Selm und Werne gehören.

Grenzen erreicht – psychisch wie physisch

Doch aufgrund der Pandemie war es eine ganze Zeit lang nicht möglich, all diese Entlastungsmöglichkeiten auch zu nutzen. „Die Pandemie hat wie ein Brennglas gewirkt“, sagt Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit der Stadt Lünen. Pflegende Angehörige merkten in dieser Zeit, dass sie überfordert sind, psychisch wie auch physisch. Nicht nur einmal hatte die Koordinatorin bei Telefonaten mit Angehörigen den Satz „ich kann nicht mehr“ gehört.

Doch während der Lockdown-Situation waren beispielsweise der Besuch von Tagespflegen oder auch Besuchsdienste nicht möglich. Alles blieb an den Angehörigen hängen. „Das war gerade für diejenigen schwierig, die in dieser Zeit als pflegende Angehörige neu beginnen mussten. Kaum Angebote und dazu noch die Problematik, sich irgendwie informieren zu müssen.“ Denn auch Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Entlastungs-Möglichkeiten war nicht zu realisieren.

Fachleute aus der Pflege beobachten ohnehin, dass viele Menschen wenig darüber wissen, wo sie sich als Pflegende Entlastung holen können. In Pandemiezeiten hat dieses Problem noch zugenommen. Annette Goebel dazu: „Gerade im Lockdown merkten viele, wie wichtig Entlastung ist, denn die meisten Leute waren ja rund um die Uhr zusammen.“

Annette Goebel, Koordinatorin für Altenarbeit, bekommt immer wieder Anfragen von Angehörigen, die nicht mehr können. © Stadt Lünen © Stadt Lünen

Entlastung kann auf vielerlei Wegen passieren: So kann man beispielsweise die bis zu 125 Euro, die Betroffenen in häuslicher Pflege als Entlastungsbetrag monatlich zustehen, für eine Begleitung beim Besuch des Friedhofs oder bei einem Spaziergang mit dem Hund nutzen. Entlastung können aber auch der Besuch einer Tagespflege oder auch Umbaumaßnahmen in der Wohnung sein.

Weil es wichtig ist, pflegende Angehörige zu informieren und weil immer wieder neue Betroffene hinzu kommen, soll es nächstes Jahr wieder einen Infotag zum Thema Entlastung geben. Dann werden Angehörige auch von ihren Erfahrungen berichten. Annette Goebel: „Man sollte lieber vorsorgen, als hinterher selbst krank zu werden und die Pflege nicht mehr zu schaffen.“

Über die Autorin
Redaktion Lünen
Beate Rottgardt, 1963 in Frankfurt am Main geboren, ist seit 1972 Lünerin. Nach dem Volontariat wurde sie 1987 Redakteurin in Lünen. Schule, Senioren, Kultur sind die Themen, die ihr am Herzen liegen. Genauso wie Begegnungen mit Menschen.
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